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Wie Täuflinge früher zu ihren Namen kamen

Vortrag: Professor Siegfried Becker Wie Täuflinge früher zu ihren Namen kamen

Zu einem Vortrag über 
die „Taufnamen und ihre Geschichte“ lud der ­Heimatverein Weidenhausen ins Regional­museum „Hinz Hoob“ ein.

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Einen informativen und spannenden Vortrag über „Taufnamen und ihre 
Geschichte“ bekamen die Besucher des „Hinz Hoob“ zu hören.

Quelle: Pixabay

Weidenhausen. Mit „Katharina, Anna, Elisabeth“ stellte Professor Dr. Siegfried Becker drei Taufnamen vor, die eine lange Tradition aufweisen und derzeit wieder im Trend liegen.

„Namen sind ein funktionaler Bestandteil einer Kultur, in denen sich zentrale Werte spiegeln und die Schlüssel für Verständnis von Geschichte und Kultur sind“, erklärte der Volkskundler und Ethnologe. „Elisabeth“ und „Katharina“ seien in der Marburger Landschaft bis ins 19. Jahrhundert die häufigsten Taufnamen gewesen. So wären in Oberweimar, einer großen Pfarrei mit elf Filialdörfern, von 1665 bis 1709 ganze 37 Prozent der Mädchen auf den Namen Elisabeth getauft worden.

Selbst Geschwister hätten 
oftmals gleiche Vornamen (mit kleinen Abänderungen) gehabt. Dies gehe aus den Aufzeichnungen zu einer Zwillingstaufe im Jahr 1827 in Hatzbach hervor. Die Mädchen wurden auf die Namen „Elisabeth“ und „Elisabetha“ getauft. Die kleine Abwandlung sei theologisch begründet, denn nach dem christlichen Glauben solle jeder Mensch einen individuellen 
Namen haben.

Die Gründungen der Städte brachte Dr. Becker ( Foto: Peter) ebenfalls mit den Taufnamen in Verbindung. Die damaligen Städte mit ihren engen Mauern hätten auch dazu geführt, dass sich Krankheiten und Seuchen ausbreiteten. Ein Umbruch in der Ernährung hin zu mehr Getreide habe zu einer „Vergetreidung“ der Agrarlandschaft und damit zur Einführung der Dreifelderwirtschaft durch den Deutschen Orden geführt.

In besonders nassen Jahren (Kleine Eiszeit um 1492) sei in Wellen vermehrt der Mutterkornpilz aufgetreten mit fatalen Auswirkungen. Durch das Ausdreschen der mit diesem Pilz behafteten Frucht sei das Getreide kontaminiert worden. Der Verzehr desselben habe zu lepraähnlichen Krankheitsbildern und Halluzinationen geführt. Aus Angst und im Glauben, von Dämonen besessen zu sein, hätten die Menschen Schutz in der Religion gesucht. Deshalb seien die Namen von Heiligen damals beliebte Taufnamen gewesen, 
um sich die 
Fürsprache der Namenspatronen zu sichern.

Kreuzfahrer brachten die Verehrung der heiligen Katharina, einer Märtyrerin, nach der das Sinaikloster benannt wurde und aus deren Gebeinen der Überlieferung nach „Heiliges Öl“ tropfte, mit nach Marburg. Auch die Gebeine der heiligen Elisabeth spendeten laut des Volksglaubens der damaligen Zeit Öl. Auch deshalb habe es viele Wallfahrten nach Marburg gegeben, wo dann auch die Elisabethkirche gebaut worden sei.

Die „Heilige Katharina“ mit den Attributen Palmwedel, Schwert und Rad habe als Verlobte Christi gegolten und sei stets auf Heiligenbildern dargestellt. So war auch die Elisabethkirche mit einem Katharinenaltar ausgestattet, der 1511 zum Sippenaltar (Schnitzerei 
von Ludwig Juppe) umgewidmet wurde. Auf diesem Sippen­altar ist in der Mitte dominierend die „Heilige Anna“ 
 (Großmutter von Jesus) mit einer Birne in der Hand (Symbol der Weisheit) abgebildet. Dies wiederum solle aussagen: „Die Großmutter lehrt die Weisheit.“

Mutter durfte nicht zur Taufe kommen

Der Kult um die Heilige Anna im Zeitraum von 1460 bis zur Reformation spiegelt sich auch in der Marienkirche Wehrshausen mit dem Anbau der Annen­kapelle und einer solchen „Am Brackenborn“ in Fronhausen 
 wider. Auch politisch habe der Annenkult Verwertung gefunden, wobei Becker auf den 
Zusammenhang mit Anna von Mecklenburg, Landgräfin von Hessen und Mutter des damals noch unmündigen Philipp dem Großmütigen verwies. So seien 
politische Bilder durch den 
biblizistischen Annenkult legi­timiert worden.

„Warum können Heiligennamen trotz der Reformation über einen solch langen Zeitraum nachgewiesen werden?“, fragte Becker. Er verwies dann auf die Bedeutung der „heiligen Elisabeth“ für den heimischen Raum, wo in den Wunderproto­kollen zum großen Teil Kinder wiederzufinden gewesen seien. Taufnamen seien keine Wunschnamen gewesen, sondern es 
waren meistens die Namen der Paten, die auf den Täufling übergingen.

Paten waren in aller 
Regel die Großeltern. Dabei habe man seit dem 12. Jahrhundert geglaubt, dass durch das Weitergeben des Namens nicht nur die Weisheit übertragen werde, sondern die Ahnen auch in den Enkeln wiederkehren.

An der Taufe selbst durfte die Mutter damals nicht teilnehmen, nur der Vater und ein Pate wohnten mit dem Täufling der Zeremonie bei.

von Helga Peter

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