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Wird Probeaufbau zur Zereißprobe?

Kirschenmarkt-Posse Wird Probeaufbau zur Zereißprobe?

Im Gladenbacher Parlament rumort es, weil der Magistrat Entscheidungen zum Kirschenmarkt ohne den Eigenbetrieb SEB trifft. Der Autoscooter-Probeaufbau ist ein 
Paradebeispiel dafür.

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Sascha Kalbfleisch schaut seinem Mitbewerber Herbert Kreuser in Vertretung für seinen Schwager, den Generalpächter für den Gladenbacher Kirschenmarkt, Konrad Ruppert, beim Aufbau eines Zweisäulen-Autoscooters über die Schulter.

Quelle: Gianfranco Fain

Gladenbach. Hat der Magistrat seine Kompetenzen überschritten? Nach Informationen, die der OP vorliegen, sollen Entscheidungen zum Kirschenmarkt am Gremium vorbei getroffen worden sein. Dabei fällt die Organisation und Durchführung des Volksfestes in das Aufgabengebiet der städtischen GmbH. Aktuelles Beispiel ist der Probeaufbau der Autoscooter-Bewerber für den Kirschenmarkt im nächsten Jahr. Im Parlament ist dieses Vorgehen einigen Stadtverordneten bitter aufgestoßen.

Als „Lachnummer“ bezeichnete FW-Stadtverordneter Rudolf Schön das stundenlange Blockieren der Parkplätze auf dem Marktplatz, um die bereits in der Bewerbung angegebenen Autoscooter-Maße nachzumessen. Seit Jahren macht das größte jährlich wiederkehrende Volksfest in Mittelhessen von sich reden – aufgrund ­
diverser Gerichtsverfahren zum Aufbau eines Fahrgeschäfts auf dem Rummel.

Von sechs Bewerbern blieben zwei übrig

Der heimische Schausteller Herbert Kreuser möchte gern mit einem seiner beiden Autoscooter zum Kirschenmarkt kommen, ging im Bewerbungsverfahren aber immer leer aus. Außer: Im vergangenen Jahr stellte das Verwaltungsgericht Gießen fest, dass der Stadt Gladenbach Fehler unterlaufen sind. Ein Punktsieg für Herbert Kreuser und seinen Achtsäulen-Autoscooter. Aufgebaut hat Kreuser sein Fahrgeschäft dennoch nicht, weil er mit dem ihm eilig zugewiesenen Stellplatz weit weg vom Rummel nicht einverstanden war.

Um weitere Querelen im Vorhinein auszumerzen, ordnete der Magistrat den Probeaufbau an, der für die Schaustellerbetriebe mit einem enormen Zeitaufwand und hohen Kosten für Personal und Anreise verbunden ist und der erwartungsgemäß auswärtige Bewerber fernhielt. In der engeren Auswahl waren zu Beginn des Bewerbungsverfahrens sechs Bewerber, am Ende blieben zwei übrig.

Der erste, der sein Fahrgeschäft vermessen ließ, war ­Sascha Kalbfleisch aus Bad ­Wildungen – sein Autoscooter passt. Als nächstes reiste Kreuser an. Zuerst baute er seinen Achtsäulen-Autoscooter auf, Tage später seinen Zweisäulen-Autoscooter: beide passen. Befremdlich mutete an, dass Kalbfleisch seinem Mitbewerber beim Aufbau genau auf die Finger schaute – in seiner Funktion als Vertretung für den Generalpächter, seinen Schwager Konrad Ruppert.

Kremer kontert Kritik

Stadtverordnetem Schön war nicht nur der Probeaufbau ein Dorn im Auge, sondern er kritisierte vor allem, dass der Magistrat in Bezug auf den Kirschenmarkt den Eigenbetrieb SEB übergangen ­habe. Seit einem Beschluss des Verwaltungsgerichts Gießen im Streit zwischen der Stadt und dem Schausteller Kreuser sieht sich der Magistrat allerdings in der Pflicht, Entscheidungen zum Kirschenmarkt zu treffen.

„Der Magistrat kann sich nicht gegen das Verwaltungsgericht stellen“, antwortete Bürgermeister Peter Kremer auf Schöns Vorwurf. CDU-Stadtverordneter Gunthard Koch warf dem Rathauschef eine falschen Lesart des Verwaltungsgerichtsbeschlusses vor. Der Jurist ist der Auffassung, dass dem Magistrat nur die Letztentscheidung obliegt und das Gremium nicht grundsätzlich das Entscheidungsrecht hat. Koch ist empört: „So kann es nicht weitergehen.“ Zwischen dem Eigenbetrieb SEB und der Handlung des Magistrats bestehe ein grundsätzliches Problem, das im Parlament zwar nicht im Detail erörtert werden kann, dennoch aber in einer der nächsten Sitzungen angesprochen werden müsse, sagte Koch.

Jurist: Probeaufbau ist deutschlandweit einmalig

Kremer ließ sich von Kochs Aussagen nicht beirren und begründete den Probeaufbau der Autoscooter damit, dass sich der Magistrat nun einmal für einen Bewerber entscheiden müsse.

Rechtsanwalt Erich Hünlein aus Frankfurt, der Herbert Kreuser in den Verfahren gegen die Stadt Gladenbach vertritt, hält das Verfahren für unzulässig, weil ortsferne Bewerber ausgeschlossen werden. Deutschlandweit sei ihm kein solcher Fall bekannt. Die Rechtsprechung besage, dass alle ­Bewerber gleichbehandelt werden müssen. Der Probeaufbau schließe diesen Grundsatz aus. Zwar sagt Hünlein auch: „Die Entscheidungsgewalt liegt bei der Stadt.“ Aber, es stelle sich die Frage der Auswahl der Bewerber, womit er argumentativ wieder bei dem in seinen Augen unzulässigen Probeaufbau war.

Der Hessische Städte- und Gemeindebund äußerte sich nicht zur OP-Anfrage – weder zum Probeaufbau, noch dazu, ob der Magistrat Entscheidungen zum Kirschenmarkt ohne die SEB treffen kann und verweis auf laufende Verfahren. Nun steht die Entscheidung ohnehin kurz bevor. Im Rennen sind nur noch der Auswärtige und der Einheimische: Schaustellerbetrieb Kalbfleisch aus Bad Wildungen, der mit dem Generalpächter Konrad Ruppert verwandt ist (Konrad Ruppert ist verheiratet mit Gabriele Ruppert, geborene Kalbfleisch aus Bad Wildungen) und der Schaustellerbetrieb Kreuser aus dem Gladenbacher Stadtteil Diedenshausen. Ende November soll feststehen, welcher der drei zur Probe aufgebauten Autoscooter das Rennen um den begehrten Platz auf dem Kirschenmarkt 2018 macht.

von Silke Pfeifer-Sternke

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