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Erde, Koks und 115 Tonnen Bier

Vortrag „Eisenbahn in Weidenhausen“ Erde, Koks und 115 Tonnen Bier

Im Vortrag „Die Eisenbahn in Weidenhausen“ hat Stefan Runzheimer die 100-jährige Bahngeschichte vor Ort im ­Regionalmuseum „Hinz Hoob“ aufleben lassen.

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Stefan Runzheimer referierte über die Bedeutung der Eisenbahn und des Bahnhofs für Weidenhausen.

Quelle: Helga Peter, Stefan Runzheimer

Weidenhausen. Großer Andrang herrschte beim zweiten­ Abend der Wintervortrags­reihe des Heimatvereins. Vorstandsmitglied Jochen Becker begrüßte rund 60 Eisenbahnfreunde.

Referent Stefan Runzheimer stellte im Regionalmuseum vor allem die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekte der 100-jährigen ­Geschichte des Personen- und Güterverkehrs heraus. Einen Schwerpunkt ­legte er auf die 20 Anfangsjahre.

Laut Runzheimer begann die Entwicklung der Dampflokomotive im Jahr 1816 mit ­einem Fehlstart. Denn die damals nach englischem Vorbild zum Kohlentransport in Schlesien gebaute Lokomotive entsprach nicht der Schienenspur. Am 7. Dezember 1835 startete dann das Eisenbahnzeitalter mit der ersten Fahrt zwischen Nürnberg und Fürth.

Die heimische Bahnstrecke wurde in den Jahren 1892 und 1893 errichtet. Die Probefahrt der ersten Dampflok erfolgte im Mai 1894. Der erste, schmale Fahrplan wurde am 17. Mai 1894 in der Zeitung veröffentlicht. Runzheimer zeigte Baupläne des Bahnhofs Weidenhausen, der damals 21.990 Goldmark kostete.

Justushütte hatte eigenen Anschluss

Offiziell eröffnet wurde die Bahnstrecke mit Endpunkt Weidenhausen am 12. Mai 1894, ­einem sehr regnerischen Tag. Kurioserweise verließ die damalige Festgesellschaft bereits in Gladenbach den Festzug.

Ein privater Anschluss der Justushütte, heute im Gestrüpp vergessen, zeuge von der Bedeutung der Bahn gerade auch für diesen Betrieb. Bereits 1909 wurde der Weidenhäuser Bahnhof erweitert, 1914 ein zusätzliches Gleis für den Güterverkehr angelegt. Runzheimer ­zeigte anhand von Grafiken, dass nach Weidenhausen ein reger Güterimport herrschte.

Mit Erde, Lehm, Ziegeln, Ton und Steinen seien vor allem Baumaterialien, aber auch Eisen, Steinkohle und Koks für die Justushütte befördert worden. Wer jedoch 1912 der Abnehmer der 115 Tonnen Bier war, das ­lasse sich nicht mehr klären, sagte der Referent.

Ein maßgeblicher Faktor war der Abtransport der Eisen­warenfertigung der Justushütte. Der Transport landwirtschaftlicher Güter, darunter auch ein Stier 1912, spielte eine eher ­untergeordnete Rolle.

Bahnprojekte waren auch Neid­projekte

„Weidenhausen war industrialisiert, verfügte über viele kleine Landwirtschaften, die kaum große Überschüsse erzielten“, konstatierte der Referent. Dennoch wurden von Weidenhausen aus auch Schafe, Lämmer, Kälber und Hühner versandt.

Für den Personenverkehr­ war der Bahnhof für den ­Einzugsbereich Weidenhausen und ­Römershausen von großer ­Bedeutung. Stefan Runzheimer bezeichnete die Bahnprojekte der damaligen Zeit auch als Neid­projekte. Allein elf Varianten ­seien im Jahr 1911 entwickelt worden, um den Raum Gladenbach von Gießen oder Wetzlar aus zu erschließen.

Auch den Rückbau der Strecke stellte Runzheimer vor. Bereits 1966 sei der Gleisrückbau in Weidenhausen und die Ansiedlung eines Sägewerkes erfolgt. Am 27. Juli 1969 wurde der Dampflokbetrieb eingestellt und nach einer baubedingten Verzögerung die Strecke von 1972 bis 1992 mit Dieselloks, sogenannten Silberlingen, befahren.

Der einsetzende Individualverkehr, unattraktive Fahrpläne,­ ­die Gebietsreform, die Verlagerungen des Güterverkehrs auf Lkw, der Rückbau der Infrastruktur und die einsetzende Konkurrenz durch Busse hätten mit das Aus für die heimische Eisenbahnlinie bedeutet, die am 9. Oktober 2001 zum letzten Mal befahren wurde.

von Helga Peter

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