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Ochsentour hat sich gelohnt

Michaelo Walter Ochsentour hat sich gelohnt

Migration und Integration sind zentrale Themen in unserer Gesellschaft. Menschen verschiedener Kulturkreise und sozialer Schichten unter einen Hut zu bringen, sei beim TV Gladenbach kein Problem, sagt Michaelo Walter.

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Immer sportlich: Beim Sponsorenlauf 2008 lief Michaelo Walter die Runden für den guten Zweck mit seinem Sohn Cornelius im ­„Gepäck“.

Quelle: Hartmut Berge

Gladenbach. Das werde im Turnverein seit Jahrzehnten mit Erfolg praktiziert, versichert er. Der Turnvereins-Vorsitzende­ weiß, wovon er spricht, weiß auch, wie schwierig es ist, als Fremder in einer Gesellschaft integriert zu werden und wie wichtig es ist, selbst zur Integration beizutragen. Der 46-Jährige steht seit 2008 an der Spitze des Turnvereins, ist seit 2000 Leiter der Judoabteilung.

Er sieht sich selbst als Koordinator und Repräsentant. Viele sehen in ihm auch ein wichtiges Zugpferd, das den Verein voranbringt. Ein Beleg dafür ist der Zuwachs auf mittlerweile mehr als 1400 Mitglieder, trotz des allseits beklagten demografischen Wandels. Für den Verein arbeitet er gerne, gibt ihm damit etwas davon zurück, das ihm der Verein gegeben hat.

Um das zu beleuchten, blicken wir auf seinen Werdegang:

Michaelo klingt so ähnlich wie Michelangelo, ist bestimmt ein in Italien weitverbreiteter Name.­ „Von wegen“, sagt Michaelo. Aber zumindest bezüglich des Ursprungslandes liegt man bei dieser Annahme richtig. Michaelo hat nämlich den größten Teil seiner ersten zehn Lebensjahre in Italien verbracht. Sein Vater war gebürtiger Pfälzer, seine Mutter stammt aus dem hessischen Kirchheim. Der Papa arbeitete für ein international tätiges Unternehmen als Betriebsleiter und Troubleshooter.

In Italien wohnte die junge ­Familie an verschiedenen Orten, für ein gutes Jahr im Iran und auch kurz in Österreich. In Italien kam der Bub zur Welt. Die Mutter fand, dass ihm der Name Michaelo gut zu Gesicht stünde, also wurde dies urkundlich so festgehalten.

„Michaelo ist mehr oder weniger ein Kunstname, den gibt es im Italienischen allerdings nicht, wohl aber Michele – für Michael –, und genau so wurde ich von meinen Eltern, Großeltern, den italienischen Mitschülern und später auch von den gleichaltrigen deutschen Mitschülern genannt“, erzählt der Erdhäuser. In das damals noch eigenständige Dorf im Salzbödetal, kam er als Zehnjähriger. Aus familiären Erwägungen hatten die Eltern den Beschluss gefasst, mit dem Sohn und der drei Jahre jüngeren Tochter nach Deutschland zu ziehen. „Wir Kinder sollten in den Genuss der deutschen Schulbildung kommen“, erklärt Michaelo.

Von genießen konnte aber zunächst nicht die Rede sein. Der Junge wusste, was auf ihn zukam: Bevor die Familie in den Iran ging, lernte er das deutsche Schulsystem kennen. „Das war eines der dunkelsten Kapitel in meinem Leben“, sagt Michaelo­ rückblickend. Untergebracht ­
bei seiner Oma, erlebte er in Kirchheim einen drei Monate­ andauernden Kulturschock. „Es war schon schlimm genug, dass wir aufstehen mussten als es noch dunkel war. Das gab es in Italien nicht. Dort stand morgens immer schon die Sonne am Himmel“, schildert er. „In Deutschland war es dunkel und kalt, es war die Hölle. Und es ­hagelte Fünfen und Sechsen“, erinnert er sich.

Deutsch war damals grottenschlecht

Auch bei der endgültigen ­Umsiedlung nach Deutschland sollte es für die beiden Kinder zunächst nicht besser werden. „Wir sind zweisprachig aufgewachsen, im Kindergarten und in der Schule sowie beim Spielen auf der Gasse wurde italienisch gesprochen. Die Eltern sprachen mit uns deutsch“, sagt Michaelo, gibt aber zu ­Bedenken: „Mein Italienisch war damals perfekt, mein Deutsch grottenschlecht.“
In der Familie deutsch zu ­reden und die Schriftsprache mit ihrer Rechtschreibung und Grammatik zu beherrschen, seien halt zwei paar Schuhe. „Es war eine Ochsentour, bis mein unsauberes Deutsch auf einem anständiges Niveau war, damit ich die Schullaufbahn bis zum Abitur durchziehen konnte“, berichtet Michaelo.

Neben dem Bestreben, die Sprache zu erlernen und die Schule zu meistern, gab es auch die üblichen Vorurteile, mit denen die beiden Kinder, nun gewissermaßen als Migranten, zu kämpfen hatten: „In Italien waren wir die Kartoffelfresser, hier der Spaghettifresser“, berichtet er beispielhaft und fügt hinzu: „Sie finden überall etwas, um dich zu markern. An jedem neuen Ort mussten wir unsere ­Behauptungskämpfe führen.“

Das Leben in der neuen Heimat Kuhrtsmühle, die von den Eltern als Hotel und Restaurant betrieben wurde, trug zum schnelleren Überwinden des „Kulturschocks Deutschland“ bei. Denn dort gingen viele Gäste ein und aus, es herrschte ein reges Treiben. Die Mutter hatte­ als junge Frau bereits in der Gastronomie gearbeitet. Auch der Vater ging die zweite berufliche Karriere an, lernte Koch und bildete später selbst Köche aus. „Wir haben damals den einen oder anderen Maßstab gesetzt“, sagt Michaelo stolz. „Die saisonale Küche gab‘s bei uns früher schon. Da standen auch der Pfälzer Federweißer und Kastanien mit Zwiebelkuchen auf der Karte. Auch den Pfälzer Saumagen gab‘s bei uns schon vor 30 Jahren.“

Im Zweifelsfall gab er die Antworten

„Bei uns saßen die Lehrjungen mit am Tisch. Mein Vater fragte­ sie beim Essen ab. Wenn sie nicht Bescheid wussten, dann gab ich die Antwort“, erinnert er sich. So kommt es nicht von ungefähr, dass auch Michaelo Walter gerne kocht.
Sein Interesse, am Herd immer wieder Neues auszuprobieren, wird auch durch seinen Beruf gefördert. Er ist Vertriebsleiter für ein national und international tätiges Unternehmen, das gewerbliche Reinigungstechnik­ vermarktet, ist im europäischen Ausland und darüber hinaus auf Messen präsent.

Dort lernt er nicht nur viele fremde Speisen, sondern auch viele fremde Menschen kennen. Und immer wieder erfährt er, dass die Verständigung nur über eine gemeinsame Sprache möglich ist. Das ist einer von vielen wichtigen Tipps, die er heute an Migranten weitergeben kann. Eine erfolgreiche Integration könne nur stattfinden, wenn man sich anpasse, in die Gesellschaft mit einfüge, die bestehenden Regeln und Bräuche und kulturellen Rahmenbedingungen annehme.
Bei seiner Integration spielte­ der Turnverein Gladenbach ­keine unbedeutende Rolle.

Prozess gehe über die Sportstunde hinaus

1979 versuchte sich der damals zehnjährige Michaelo zunächst beim Jungen-Turnen. Der Vater betrieb als Jugendlicher und auch später im Erwachsenenalter Kampfsport als Ringer und animierte den Sohn – mit Erfolg –, in Gladenbach dem Judosport nachzugehen. Michaelo ist inzwischen Träger des 5. Dan, besitzt die Trainer A – und Prüferlizenz. Aktuell ist er auch kommissarischer Prüfungsreferent im Hessischen Judoverband.

Gerade aus seiner Arbeit als Judotrainer weiß er, dass Sport eine Weltsprache ist, weil die Regeln international verbreitet sind, jeder sofort mitmachen kann, weil er die Zielsetzungen und das Regelwerk kennt.
Er kennt aus den Sportlerreihen viele Beispiele gelungener Integration.

Aber all das sei keine Selbstläufer, sagt er. So wie auch bei Kindern und Jugendlichen die Bereitschaft vorhanden sein müsse, sich anzupassen, müsse man als Abteilungsleiter und Trainer Prozessen entgegenwirken, die nicht förderlich für eine Integration seien: zum Beispiel eine national ausgerichtete Gruppenbildung innerhalb einer Abteilung oder Mannschaft. Die Gemeinsamkeit, der Mannschafts- und Abteilungsgeist müsse im Vordergrund stehen, betont Michaelo.

Sportvereine könnten ganz wesentlich zur Integration von Menschen aus anderen Nationen beitragen. Dieser Prozess gehe über die Sportstunde hinaus. Vermittelt würden zahlreiche Werte, die damit verknüpft seien, so etwa das kulturelle­ ­Leben, das in einem Verein stattfinde. Daraus entstünden persönliche und soziale Kontakte, die man pflege.

Integration ist mit Rückschlägen verbunden

Der Vorteil einer so großen Organisation wie der des Gladenbacher Turnvereins sei es, dass auch über die Trainingsgruppe­ hinaus Kontakte zu anderen ­Abteilungen entstünden. Angesichts seiner Erfahrungen bei der eigenen Integration, habe er sehr viel Verständnis für all die Probleme und Gefühle von „Neuen“, die hier Boden fassen wollten. Gleichwohl wisse er, dass man es nur schaffen könne, wenn man auch wolle und selbst etwas dafür tue. Dieser Prozess sei mit Rückschlägen verbunden und gehe auch mit der einen oder anderen persönlichen Verletzung einher. Das müsse man aushalten und sich trotzdem einbringen.

Das einstmals von den Turnern eingeführte demokratische Wesen wird auch beim TV Gladenbach hochgehalten. Nicht das Talent und die Leistungsfähigkeit des Einzelnen spielen die zentrale Rolle: Alle können mitmachen, jeder ist willkommen. Dabei spielen Nationalität oder Religionszugehörigkeit keine Rolle. „Wir schaffen die Rahmenbedingungen, damit Integration möglichst einfach gelingt“, sagt Michaelo.

Und seit wann fühlte er sich integriert? „So ab dem 7. Schuljahr, als die Klassen vollkommen neu strukturiert waren und neue Lehrer hinzukamen“, sagt er. Dann wurde aus der Anrede Michele fortan Michaelo oder kurz Elo. Damit sei auch ein wenig Vergangenheit abgestreift worden, erklärt der TV-Vorsitzende, freut sich aber heute noch, wenn er von alten Freunden mit Michele angesprochen wird.

von Hartmut Berge

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