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Heike Dabberdt liebt das Arbeiten mit Holz

Restaurieren ist Hobby und Beruf Heike Dabberdt liebt das Arbeiten mit Holz

Heike Dabberdt behandelt antike Möbelstücke wie Dokumente der jeweiligen Epoche. Sie hat sich in der Blaumühle in Erdhausen eine Holzwerkstatt eingerichtet, in der sie Möbel restauriert.

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Heike Dabberdt zeigt stolz eine alte Registrierkasse mit allerlei technischen Finessen.

Quelle: Hartmut Berge

Erdhausen. Wenn die Schreinermeisterin und Möbelrestauratorin über ihre Arbeit redet, dann kommt die Liebe zum Werkstoff Holz zum Ausdruck. Zu fast jedem Möbelstück in ihrer Werkstatt kann sie eine Geschichte erzählen, sei es über die Historie eines Schranks oder die mühevollen Arbeitsschritte, wie aus einem ramponierten Stuhl ein prachtvolles Sitzmöbel wurde.

Heike Dabberdt behandelt antike Möbelstücke wie Dokumente der jeweiligen Epoche. Sie hat sich in der Blaumühle in Erdhausen eine Holzwerkstatt eingerichtet, in der sie Möbel restauriert.

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Ihre Holzwerkstatt hat sie sich im alten Mühlengebäude eingerichtet. Viel Geduld und Zeit widmet sie dem Aufarbeiten der Möbel, aber auch ihren Kunden­ und denen, die sich für ihre ­Arbeit interessieren.

Man merkt im Gespräch mit ihr sehr schnell, dass Beratung eine große Rolle spielt. Doch trotz ihrer 20 Jahre Berufserfahrung in der Möbelrestaurierung erlebt Heike Dabberdt während der Aufarbeitung auch heute noch Überraschungen.

Auch mit solchen komplizierten Polsterungen muss sich die Restaurateurin Heike Dabberdt beschäftigen. Foto: Hartmut Berge

Sie berichtet von Fällen, in denen weder sie noch der Kunde vorher wussten, was bei der Restauration herauskommt. Gut in Erinnerung ist ihr ein braun gestrichenes Vertiko. „Wie sich beim Abtragen der Farbe herausstellte, war auf der Oberfläche filigran ein Eiche-Furnier-Muster eingekratzt worden“, berichtet sie.

Doch auch ohne das Eiche-Furnier wurde aus dem Vertiko ein Schmuckstück. Und welches sind die größten Verhunzungen, die sie bisher gesehen hat? „Es ist besonders schlimm, wenn chemische Farben mit der Pistole auf alte Stücke gespitzt werden“, sagt sie und erklärt: „Dann kann es schon mal passieren, dass sich der Lack nicht mehr ganz entfernen lässt.“

Nicht minder schlimm sind nach ihrem Empfinden Möbel, 
die durch Anpinseln verunstaltet wurden oder im Shabby Style veränderte Stücke, also solche, die auf alt getrimmt wurden.

Anschauungsobjekte: Stühle vor und nach der Restaurierung. Foto: Hartmut Berge

Wenn Farben und Lacke runter sollen, dann bleibt manchmal nur das Abbeizen. Entweder die Meisterin macht das in Handarbeit oder sie schaltet eine ­darauf spezialisierte Laugerei ein. Furnierte Möbel kommen für eine solche Behandlung nicht infrage.

So wie man beim Abtragen von Farbe in seltenen Fällen negativ überrascht werden könne, finde man unter den Schichten manchmal auch vorher nicht vermutete tolle Hölzer und Furniere, sagt sie. In der Regel kann die Fachfrau abschätzen, was sie später erwartet. Schwieriger ist es beim Kalkulieren der Arbeitszeit. Ihrer Liebe zum Detail geschuldet und wegen des Hangs zur Perfektion, investiert sie – zum Vorteil der Kunden – manche Stunde Mehrarbeit.

Wenn jemand daran unsachgemäß gearbeitet habe, dann bringe sie das auch schon mal in Ordnung, auch wenn es nicht zum Auftrag gehöre. Sie gibt zu, dass man auf diese Weise nicht reich werde. Aber Heike Dabberdt restauriert nun mal leidenschaftlich gerne Möbel und sie versteht ihre Arbeit als Kunsthandwerk.

Das kommt besonders bei Antiquitäten zum Tragen, wenn Furniere, Schnitzereien oder Intarsien nicht nur in der Oberfläche behandelt, sondern etwa Teile davon ersetzt werden müssen. Bei der Wiederherstellung beziehungsweise Erhaltung des ursprünglichen Charakters sei der verantwortungsvolle Umgang mit den Stücken genauso wichtig wie die Verwendung zeitgemäßer Materialien, sagt die Expertin. Dabei hilft ihr ein großer Fundus an Furnieren, die sie genauso eifrig sammelt wie alte Beschläge und Schlösser.

Mit einem klassischen Polierballen wird Schellacklösung in mehreren Schichten aufgetragen. Foto: Hartmut Berge

Damit die Schönheit der Hölzer zur Geltung kommt, bearbeitet die Meisterin die Oberflächen mit Schellack. Diese harzige Substanz stammt aus den Ausscheidungen der Lackschildlaus Kerria lacca. Die Schellacklösung wird mittels eines klassischen Polierballens per Hand in mehreren Schichten aufgetragen.

Zwar könne man mit dem Ballen auch mattieren, aber in der Regel sollen am ­
Ende hochglanzpolierte Oberflächen herauskommen. Ist kein Hochglanz vonnöten, dann kommt auch Wachs zum Einsatz. Den könne sich jedermann selbst herstellen, sagt die Fachfrau: „Einfach Bienenwachs in Terpentin lösen.“ Die Rezeptur bekomme man beim Ausprobieren.

Wenn Kunden ihre Möbel wieder aus Heike Dabberdts Werkstatt abholen, dann werden sie sich womöglich wundern, dass Schubladen sehr geschmeidig auf- und zugehen. Die Erklärung: Die Restaurateurin behandelt die Laufflächen mit Carnaubawachs, ein Nebenprodukt der in Brasilien wachsenden Carnauba-Palme. Das Wachs wird auch in der Lebensmittel-, Kosmetik- und Automobilindustrie verwendet.

Lupe und Skalpell gehören zum Handwerkszeug

Wenn die aus dem Taunus stammende Meisterin auf Kunsthandwerkmärkten präsent ist, dann stellt sie meist zwei Stühle aus, die vom Sperrmüll stammen. Einen hat sie in mühevoller Arbeit restauriert, den anderen im ursprünglichen Zustand belassen. Und wie viele Stunden hat sie dafür aufgewendet? „Ich habe aufgehört, zu zählen“, antwortet sie.

Sogar Lupe und Skalpell hatte sie im Einsatz, um ein anderes ehrgeiziges Projekt umzusetzen: Die Restaurierung eines völlig kaputten Beistelltischs. Besonders kompliziert war es, ausgebrochene­ Stücke von Marketerien – Einlegearbeiten in Furniertechnik – zu ersetzen.

„Briefmarkendünn musste ich die ­Ersatzstücke schleifen“, berichtet sie. Das Spektrum ihrer Aufträge sei breit gefächert, betont Heike Dabberdt und erklärt: „Ich repariere einen Stuhl aus den 1960er-Jahren genauso wie eine Renaissance- oder Barrockschrank.“ Reparaturen von Parkett, Holzreparaturen in Altbauten oder die Renovierung von Holztreppen sind für sie ­eine Abwechslung.

Und wie kommt eine Schreinermeisterin, die das Handwerk von der Pike auf gelernt hat, zum Restaurieren von Möbeln? Auslöser sei in der Lehre ein Auftrag ihres Chefs gewesen. Sie sollte ihm einen Stuhl leimen, machte einen Fehler, er ging zu Bruch. „Ich hatte den Ehrgeiz, ihn wieder hinzukriegen. Das gelang. Ich glaube, der Chef hat den Schaden nicht bemerkt“, sagt sie und lacht. Die feurige Leidenschaft fürs Reparieren und Restaurieren war entfacht.

Heike Dabberdt ist auch auf Facebook präsent.

von Hartmut Berge

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