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Geklonte Jünger und schlüsselloser Petrus

Bürger- und Kulturverein Geklonte Jünger und schlüsselloser Petrus

Hat Petrus den Himmelsschlüssel verloren? Und warum haben die Jünger Jesu verblüffend ähnliche Gesichter? Diesen Fragen gingen Interessierte bei einer Führung der Volkshochschule nach.

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In der Weitershäuser Kirche haben die zwölf Jünger Jesu verblüffend ähnliche Gesichter. Doch an den Werkzeugen ihrer Berufe sind sie zu unterscheiden.

Quelle: Peter Piplies

Weitershausen. Im Landkreis gibt es zahlreiche alte Kirchen. In diesen Gotteshäusern oder in der unmittelbaren Nähe bestatteten die Angehörigen in früheren Jahrhunderten ihre Toten. Davon zeugen an manchen Orten noch verwitterte Grabsteine.

Viele dieser Friedhöfe wurden bei Umbauten oder Sanierungen der historischen Kirchen eingeebnet und die geschichts­trächtigen Grabsteine einfach an eine Kirchenmauer gestellt, andere verschwanden.

In manchen Orten setzten jedoch Menschen etwas dem Verfall und Vergessen entgegen. In Weitershausen wurden zum Beispiel einige alte Grabsteine gerettet, mit Spenden und Hilfe des Bürger- und Kulturvereins des Dorfes saniert und neben der alten Kirche sowie auf dem neuen Friedhof wieder aufgestellt.

Die 775 Jahre alte Kirche und die historischen Grabsteine waren nun Ziel einer Führung der Volkshochschule Marburg-Biedenkopf. Dabei gab Barbara Rumpf-Lehmann den 25 Teilnehmern detaillierte Informationen und Hintergründe zu den Malereien im Kirchenschiff sowie den Darstellungen auf den Grabsteinen.

Kirche weist Kuriosität auf

Zur Geschichte des Gotteshauses gehören vor allem die Malereien an den Emporen. Rumpf-Lehmann erläuterte zunächst die Bilder links vom ­Altar, die die jüdischen Propheten Esra­ und Nehemia zeigen. Sie gehören zu den „Erneuerern des ­Judentums“ nach der Rückkehr aus babylonischer Gefangenschaft (556 - 538 vor Chr.). Ihnen gab Perserkönig Kyros I. den Auftrag, nach Jerusalem zu ziehen, den Tempel und die Stadtmauer sowie die Opferstätte in der „heiligen Stadt“ wieder zu errichten.

Auf der linken Seite der Empore sind weitere Propheten zu sehen. In ihren Büchern im Alten Testament gibt es Hinweise auf „den lange ersehnten Messias, ohne einen Namen zu erwähnen“, so die Referentin, sowie auf die vier Schreiber der Evangelien: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes.

Ihnen gegenüber finden sich auf der rechten Empore Jesus­ und seine Jünger mit ihren ­jeweiligen Attributen und Symbolen wie Säge oder Axt, die zum Teil an ihre früheren Berufe erinnern und sie daher auch zu Schutzpatronen der jeweiligen Berufsstände machten.

In der Kirche in Weitershausen findet sich auch eine Kuriosität: Petrus, der die Schlüssel zum Himmelreich verwaltet, hat – auf den ersten Blick – seinen Schlüsselbund verloren. Die Auflösung findet sich hinter der Empore: Nach dem Einbau der Orgel und der Erweiterung der alten Empore wurde die Brüstung mit den Malereien verschoben. Die Hand mit dem Schlüsselbund wanderte hinter die hölzerne Verkleidung.

Historisch bedeutsame Grabsteine

Eine weitere Auffälligkeit sei vermutlich der Zeit- und Kostenersparnis der beauftragten­ Maler geschuldet, erklärte Rumpf-Lehmann und wies dabei auf den stets wiederkehrenden Kopf der Figuren, der bei fast allen Gestalten mit wenigen Änderungen wie ein langer oder kurzer Bart zu erkennen ist. Hinter dem Altar finden sich Szenen aus dem Alten Testament – darunter Adam und Eva und einige Begebenheiten aus dem ­Leben Jesu, wie seine Geburt, Taufe und Himmelfahrt.

Vor der Kirche und auf dem neuen Friedhof gab Rumpf-Lehmann Hinweise zu den historisch bedeutsamen Grabsteinen. Im Stile des Barock sind auf den Sandsteinen die jeweiligen Familien nach Geschlechtern getrennt aufgeführt. In der Mitte ist Jesus Christus mit seinem Kreuz dargestellt – links davon der Vater mit seinen Söhnen und rechts die Mutter mit den Töchtern mit jeweils historisch typischer Kleidung und Frisur.

Die Personen, die ins Grab gelegt wurden, sind mit einem Kreuz markiert. Auf der Rückseite ist der Grabspruch eingemeißelt. Auf den barocken Steinen finden sich auch geflügelte Engelfiguren und florale Muster. Die alten Grabsteine sind für alle Interessierten zugänglich und befinden sich neben der Kirche sowie auf dem neuen Friedhof in Weitershausen.

von Peter Piplies

Interessiert verfolgen die Teilnehmer den Ausführungen zu den Bildern in der historischen Kirche in Weitershausen. Foto: Peter Piplies
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