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Berufung aus Angst vor Entzug

Aus dem Landgericht Berufung aus Angst vor Entzug

Mit einem Baseballschläger hatte ein 27-Jähriger auf seinen Vater eingeschlagen und wollte in 
der Berufung ein milderes Urteil erreichen. Der Richter führte ihn auf einen besseren Weg.

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Das Urteil wegen einer Attacke mit einem Baseballschläger hat ein Gladenbacher angefochten.

Quelle: dpa

Marburg. Im Oktober 2016 ordnete das Marburger Amtsgericht die Unterbringung eines 27-jährigen Drogenabhängigen, der seinen Vater mit einem Baseballschläger verletzt hatte, in einer Entziehungsanstalt an. Der Mann will diese „letzte Chance“ nun nutzen.

Vor dem Landgericht in Marburg nahm er gestern seine Berufung gegen das erstinstanzliche Urteil zurück. Der Vorsitzende Richter, Gernot Christ, legte ihm das zuvor eindringlich nahe. Die Alternative wäre gewesen, die vom Amtsgericht verhängten 44 Monate Haft abzusitzen.

Wie Christ betonte, wäre aufgrund der vielen Vorstrafen des Mannes aus dem Südkreis eine vorzeitige Entlassung sehr unwahrscheinlich. Auch die Staatsanwaltschaft, der die Strafe als „zu milde“ erschien, nahm ihr Rechtsmittel zurück.

Psychiater: „Ich halte es nicht für hoffnungslos“

Der Tenor des erstinstanzlichen Urteils stand demnach fest. So wurde der Angeklagte am Abend des 12. Mai des vergangenen Jahres von seiner Mutter, die ihn später auch wieder mitnahm, zum Tatort in Gladenbach gefahren. Dort schlug er mit einem Baseballschläger mit voller Wucht mindestens zehnmal zu. Danach schlug er der Vermieterin seines Vaters ins Gesicht und warf ihr vor, mit diesem ein Verhältnis zu haben. Ein toxikologisches Gutachten ergab, dass der Mann unter der Wirkung von Drogen und Medikamenten stand.

Die Taten würden mit dem Drogenkonsum zusammenhängen. Die Voraussetzung für eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt stellte seinerzeit ein psychiatrischer Sachverständiger fest. Und obwohl der Angeklagte, der in der Untersuchungshaft eine sehr hohe Dosis der Ersatzdroge Methadon bekommt, eine Therapie ablehnte, „halte ich es nicht für hoffnungslos“, so der Psychiater damals.

Zur Beginn der Berufung hob Christ „in offener Verhandlungsführung“ hervor, dass das Landgericht bei der erneuten Vernehmung von Zeugen wohl zum selben Ergebnis wie das Amtsgericht kommen würde und auch das Strafmaß sicher nicht viel niedriger ausfallen werde. „Aber darauf kommt es auch nicht an.“ Bereits im Juni könne der Angeklagte, nach dem Verbüßen der Hälfte einer Gefängnisstrafe für eine andere Straftat, die Therapie beginnen. Sei diese erfolgreich, könnte die Reststrafe nach zwei Jahren ausgesetzt werden.

Angeklagter zum Entzug: „Das ist der Horror“

„Ich habe aber ganz große Angst vor dem Entzug“, sagte der Angeklagte, er habe das bereits durch, „das ist der Horror“. Christ hielt dem entgegen, dass er nicht ewig mit der Ersatzdroge leben könne, „irgendwann muss sowieso der Versuch folgen, davon loszukommen“.

Letztlich ließ sich der 27-Jährige doch überzeugen, „dass das die einzige Chance ist, noch einmal ein normales Leben zu führen“, wie Christ es ausdrückte. Wenn er von Mitgefangenen Negatives aus der Maßregel gehört habe, liege das daran, „dass nur die wiederkommen, die es nicht geschafft haben“. Der 27-Jährige riskiere nichts, denn auch er würde beim Scheitern der Therapie ins Gefängnis zurückverlegt.

„Es ist natürlich auch Arbeit für Sie, aber es gibt dort erfahrene Therapeuten“, hob Christ hervor. Die Ärzte würden alles tun, damit es ihm nicht zu schlecht gehe, versprach der Richter. „Ich mache das jetzt auch für meine Mutter“, betonte der Angeklagte abschließend, „ich habe Angst, dass ich sie draußen sonst nie wiedersehe.“

von Heiko Krause

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