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Gewalt in der Pflege hat viele Gesichter

Gewalt in der häuslichen Pflege Gewalt in der Pflege hat viele Gesichter

Gewalt in der häuslichen Pflege ist ein Tabuthema. Oft muten sich pflegende Angehörige zu viel zu, aber nur selten suchen sie Rat und Hilfe.

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Eine Pflegerin wäscht die Hand einer pflegebedürftigen Frau.Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Gladenbach . Frau B. leidet an Demenz. Nach einem Schlaganfall ist sie kaum noch in der Lage zu laufen, ist desorientiert und benötigt Hilfe bei den täglichen Dingen des Lebens: Essen, Trinken, Hygiene, An- und Ausziehen. Mit 88 Jahren ist Frau B. auf Hilfe angewiesen - Tag und Nacht.

Sie wird gepflegt in ihrem Heim. Ein Glück könnte man meinen. Wären da nicht die unausgesprochene Vorwürfe. Tochter Rita Seeger ist gequält von dem Gedanken, ihre Mutter im Stich gelassen zu haben. Sie wirft dem Bruder und der Schwägerin vor, die Mutter nicht adäquat gepflegt zu haben - gar handgreiflich gegen sie geworden zu sein.

Zum Fall von Frau B. existiert eine dicke Akte mit Arztgutachten, Beschwerdebriefen ans zuständige Amtsgericht und diversem Schriftwechsel mit dem Betreuungsverein, der schließlich eingeschaltet wurde. Doch die Stimme von Frau B. ist längst verstummt, sie starb vor drei Jahren.

1,2 Millionen Menschen pflegen ihre Angehörigen

Seit 1995 zahlt die Pflegeversicherung für der Betreuung der Pflegebedürftigen in den eigenen vier Wänden. Deutschlandweit betreuen rund 1,2 Millionen Menschen ihre Angehörigen. Die Belastung ist groß. Schicksale wie der von Frau B. sind kein Einzelfall. Aber kaum jemand spricht darüber. Gewalt in der häuslichen Pflege ist nach wie vor ein Tabu-Thema. Ärger und Aggression sind präsent im Pflegealltag. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen schätzt, dass pro Jahr etwa 600000 alte Menschen über 75 Jahren von Gewalt in ihrem näheren Umfeld betroffen sind. Es kommt weniger zu körperlicher Gewalt als vielmehr zu verbalen Entgleisungen: Schimpfen, Schreien und Drohen.

Frau B. hat sich ständig eingenässt, sie musste gewickelt werden wie ein kleines Kind. Außer fressen und scheißen könne sie nichts mehr, soll der Sohn geäußert haben. Ihm wurde schließlich die Betreuung der Mutter entzogen, der Wunsch der Angehörigen, Frau B. in ein Heim zu verlegen, blieb ungehört. Aber nicht nur Pflegebedürftige sind die Leidtragenden, auch pflegenden Angehörigen kann das Leben schwer gemacht werden, indem sie ständig beschimpft werden oder ihnen die Pflege erschwert wird. Ein Konflikt entsteht zum Beispiel, wenn die Angehörigen einem alten Menschen das Versprechen gegeben haben, ihn nicht in einem Pflegeheim unterzubringen. Später stellt sich heraus, dass sie überfordert sind.

„Nur etwa jeder vierte pflegende Angehörige greift überhaupt auf Entlastungsangebote zurück“, sagt Dr. Ralf Suhr, Vorstandvorsitzender des Zentrums für Qualität in der Pflege. Der nötige „Urlaub von der Pflege“ bleibt oftmals auf der Strecke. Das bleibt nicht ohne Folgen. Deshalb gibt es deutschlandweit 400 Pflegestützpunkte mit aufsuchender Pflegeberatung. Seit Juli 2010 existiert in Marburg das Beratungszentrum mit intergriertem Pflegestützpunkt (BiP) am Rudolphsplatz. Das Angebot umfasst das Pflegebüro/Fachstelle Wohnberatung sowie die Altenhilfe und die Altenplanung. Doch dem Thema Gewalt in der häuslichen Pflege wird relativ selten in der Marburger Beratungsstelle nachgegangen - weil es kaum thematisiert wird. Das zeigt sich auch darin, dass die Marburger Beschwerdestelle Altenpflege vor zwei Jahren eingestellt ­wurde - wegen fehlender Nachfrage.

Überhaupt sei es schwierig, das Thema Gewalt mit pflegenden Angehörigen zu erörtern, bestätigen Diana Dillmann-Kamm und Jürgen Bösser vom BiP. „Es ist ein totales Tabuthema“, klärt Christina Stettin auf. Die Vorsitzende der Alzheimergesellschaft hat verschiedene Formen der Gewalt in der häuslichen Pflege selbst erlebt und deshalb im vergangenen Jahr eine Fortbildung für die Helfer und die Professionellen in ambulanten Pflegediensten angeboten.

„Wenn ein konkreter Verdacht besteht, muss man handeln“, sagt sie. Gewalt dürfe man nicht verheimlichen und auch nicht bagatellisieren. Deeskalation sei der einzige Weg in die richtige Richtung.

Das Angebot eines runden Tisches, an dem in einem geschützten Raum über Gewalt gesprochen wird und an dem Lösungen gesucht werden, bieten auch die Mitarbeiter des BiP an. Doch es gebe auch Fälle, bei denen man nicht weiterkommt. Bösser berichtet von einem Fall, bei dem die Angehörigen mehr Kontakt zur ihren pflegebedürftigen Eltern wollten. Der pflegende Sohn habe dies verweigert.

Überforderte Pflegende brauchen Hilfe

Dies sei auch eine Form von Gewalt, da die Eltern nicht mehr in der Lage sind, sich zu wehren. Mehrfach habe man Hausbesuche terminiert - ohne Erfolg. In einem solchen Fall, könnte es hilfreich sein, wenn das Amtsgericht die Eltern unter Betreuung stellt, erklärt Bösser.

Es kommen aber auch Angehörige in die Alzheimer-Gesprächsgruppen und sagen: „Ich halte es nicht mehr aus. Ich habe sie geschlagen“, berichtet Stettin. Es sei wichtig, darüber zu sprechen, damit klar wird, ob eine Überforderung vorliegt und was man tun kann. „Diese Leute brauchen Hilfe“, sagt Stettin.

Manchmal könne es sinnvoll sein, etwas zu verändern, indem man den Pflegebedürftigen in eine Kurzeitpflege gibt, um mal abzuschalten. Viele Familien hätten auch Geheimnisse. Es komme vor, dass ein Angehöriger im Alter seinen Vater pflegen muss, obwohl er in der Kindheit misshandelt worden ist. „Ist das der Fall, muten sich viele zu viel zu“, sagt Stettin. Sie weiß auch, dass das Thema Gewalt in der häuslichen Pflege deutlich größer ist, als es den Anschein hat. Die Zahlen müssten auf den Tisch, denn oft seien beide Parteien hilflos, sagt sie.

Die Stabstelle Altenhilfe im Gesundheitsamt rät beim Verdacht auf körperliche Gewalt in der häuslichen Pflege dazu, nicht die Augen zu verschließen, sondern sich an die zuständigen Stellen zu wenden: Wenn ein Pflegedienst eingeschaltet ist, an den Vorgesetzten oder die Pflegekasse oder an den Hausarzt sowie die Polizei.

von Silke Pfeifer-Sternke

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