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Gerüchte bilden das größte Problem

Flüchtlingsunterbringung Gerüchte bilden das größte Problem

Die Leiter der Kreisverwaltung, des Regierungspräsidiums Gießen und der Polizeidirektion Marburg-Biedenkopf beantworteten im Friedensdorfer Bürgerhaus die Fragen aus dem Publikum.

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Vor vollem Saal des Friedensdorfer Bürgerhauses beantworteten die Verantwortlichen mehrerer Behörden Fragen über die Unterbringung von Flüchtlingen in der Gemeinde Dautphetal.

Quelle: Gianfranco Fain

Friedensdorf. Es sei eine gute Veranstaltung gewesen, befand Landrätin Kirsten Fründt (SPD) am Ende des zweistündigen Informationsabends. Offen, fair und diszipliniert sei die Fragestunde mit den rund 260 Teilnehmern verlaufen.

Offen vermutlich auch deshalb, weil niemand wie bei der Veranstaltung Ende September im Dautpher Bürgerhaus gleich zu Beginn forderte „gegen Hetzer ganz klar Kante zu zeigen“. So trauten sich am Montagabend auch kritische, besorgte oder gar ängstliche Menschen ihre Fragen zu stellen und fast alle erhielten Beifall, manche aber auch höhnisches Gelächter. Zum Beispiel als eine Frau fragte, wie es denn nun in Marburg-Cappel sei, wo man laut Gerüchten bei Aldi und Lidl nicht mehr sicher einkaufen könne?

Fragen zur Sicherheit waren die am meisten gestellten, ob nun im Zusammenhang mit den Flüchtlingen allgemein oder mit den Notunterkünften, die in der Nähe der Hinterlandhalle für rund 300 Flüchtlinge entstehen werden (die OP berichtete). Fragen besorgter Bürger und vor allem besorgter Eltern, die vorwiegend von Ralph-Dieter Brede beantwortet wurden.

Gerüchte sollen Gefühl der Unsicherheit nähren

Der Leiter der Polizeidirektion Marburg-Biedenkopf klärte auf, zum Beispiel darüber, dass sich zwar die Anzahl der Körperverletzungen erhöht habe, die der Ladendiebstähle aber unverän­dert sei. „Der Cappeler Aldi funktioniert hervorragend. Es gibt keine marodierenden Banden“, sagte Brede. Er schränkte aber ein, nichts zu Diebstählen sagen zu können, die nicht angezeigt würden, zum Beispiel weil Ware und Dieb weg seien und Händler manchmal auch den Zeitaufwand für eine Anzeige scheuten.

Wohl käme es zu Körperverletzungen oder Diebstählen in den Unterkünften. „Oft werden wir auch zum Schlichten gerufen“, sagte Brede. „Wenn es etwa in der Unterkunft zu einem Missverständnis gekommen ist. Am Ende bleibt da meistens nicht mal eine Straftat übrig.“

Als Susanne Scherer nachhakte, was Brede für Bedenken habe, und dass sie nicht wisse, wie solche Gerüchte zu erwidern seien, sagte der Leiter der Polizei: „Mit Gerüchten ist es immer schwierig.“ Sie dienten interessierten Kreisen vor allem dazu, ein Unsicherheitsgefühl zu nähren. In Neustadt seien zum Beispiel Meldungen über eine Zunahme von Diebstählen in Umlauf gebracht worden, „da war noch kein Flüchtling da“.

Oder sexuelle Übergriffe stellten sich als Missverständnisse im Duschraum heraus. Ursache waren  sprachliche Hürden unter den Flüchtlingen verschiedener Herkunft. Oder als die Menschen aus anderen Kulturkreisen, die eine solche Freizügigkeit wie hierzulande nicht kennen, am Freibad in Neustadt Fotos machten. „Sie können sich vorstellen, was an unsittlichen Taten dabei herausgekommen ist“, bemerkte Brede.

Und auch zu Flugblättern hatte Brede eine Antwort parat. Zum Beispiel als Peter Hoffmann von einem aus Cappel berichtete, in dem steht, dass Diebstähle nicht zur Anzeige gebracht werden sollen, sondern man sich direkt an den Bürgermeister wenden müsse, der das bezahle. „Fragen Sie immer kritisch nach der Quelle. Wer sagt das, wo kommt das her“, mahnte Brede.

Zachow: Kein Zwang bei Unterbringung

Eine weitere Behauptung dementierte der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU) sogleich. Ein Zuhörer berichtete, dass ein Mann im Auftrag des Landkreises und der CDU durch die Orte gehe und nach Häusern Ausschau halte, um Flüchtlinge unterzubringen. Dieser drohe mit einer Anzeige, falls man den Wohnraum nicht zur Verfügung stelle. „Es gibt keinen Zwang bei der Suche nach Unterbringungsmöglichkeiten“, erklärte Zachow. „Mit solchen Mitteln ist niemand vom Landkreis unterwegs und von der CDU schon gar nicht.“

Abseits der Gerüchte hatten die Dautphetaler aber viele weitere Fragen an die Behördenvertreter auf dem Podium. Vor allem die Nähe des Notlagers zur Hinterlandhalle und der Mittelpunktschule verursacht besorgten Eltern ein „Bauchgrummeln“. Zu Beginn hatte die Landrätin über den Bau von zwei Leichtbauhallen auf kreiseigenen 3 000 Quadratmetern berichtet.

Regierungspräsident Christoph Ullrich (CDU) hatte zur Entwicklung der Flüchtlingszahlen gesprochen und Dautphetals Bürgermeister Bernd Schmidt (FW) für ein Klima der Aufnahme in der Gemeinde geworben.
Am Ende des rund zweistündigen Informationsabends sagte Fründt, sie sei nun „sehr überzeugt, dass wir das hinbekommen“, und fügte an: „Ich bin stolz auf euch Dautphetaler.“

Immer wieder: Die Sorge der Eltern um ihre Kinder

Die meisten Fragen der Dautphetaler betrafen die Sicherheit rund um die Mittelpunktschule und die Hinterlandhalle. Die Nähe des Notlagers zu den beiden Einrichtungen und auch der Kindertagesstätte bereite ihm ein „Bauchgrummeln“, sagte Markus Weber.

Landrätin Kirsten Fründt antwortete, dass ein Sicherheitsdienst „rund um die Uhr“ dort seinen Dienst verrichte und für die Sicherheit der Lagerbewohner aber auch für die in der Gemeinde sorgen werde. Zu ähnlich gelagerten Fragen ergänzte Schulleiter Harald Becker, dass die Grundschüler wie bisher grundsätzlich von Lehrern zur Halle begleitet werden.

Für die älteren Schüler sei noch eine Entscheidung zu treffen.  Dazu gebe es noch ein Gespräch mit der Elternvertretung. Er warb jedoch auch, die Einrichtung „als Chance zu sehen, dass unsere Schüler hautnah erleben, was aktuell in Deutschland passiert“. Dadurch sei es möglich, viele Vorurteile abzubauen und Integration zu fördern.

Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow stellte zudem klar: „Der Schulhof ist für die Flüchtlinge so wie für jeden Außenstehenden tabu.“ Man werde zudem mit „visualisierenden Piktogrammen“ versuchen, Missverständnisse von vornherein zu vermeiden. Diese könnten nun mal auftreten, wenn verschiedene Kulturkreise aufeinandertreffen.

„Ich glaube nicht, dass bei 245 000 Einwohnern des Landkreises die Sicherheit durch 2 000 Flüchtlinge auf den Kopf gestellt wird.“

Einer weiteren Mutter gegenüber schränkte Fründt ein, dass der Weg zum Vereinssport, ­also entlang der Straße, nicht vom Sicherheitsdienst abgedeckt werde.

„Wie viele Flüchtlinge stehen wie vielen Polizisten gegenüber“, wollte ein Teilnehmer wissen. Das sei eine schöne Frage, aber so nicht in Verbindung zu bringen, sagte der Leiter der Polizeidirektion, Ralph-Dieter Brede. „Ich glaube nicht, dass bei 245 000 Einwohnern des Landkreises die Sicherheit durch 2 000 Flüchtlinge auf den Kopf gestellt wird.“

Wann die Maximalgrenze der Kapazität des Landkreises erreicht sei, wollte der Fragesteller noch wissen, worauf die Landrätin antwortete: „Wir können  keine Obergrenze festlegen, dazu haben wir kein Recht und keine Befugnis. Die Flüchtlinge werden von der Bundesrepublik nach einem festgelegten Schlüssel auf die Länder verteilt, die diese wiederum an die Landkreise weitergeben.

Allendorfs Ortsvorsteherin Gunhild Krämer-Kornja äußerte ihre Befürchtung, dass irgendwann die Bürgerhäuser in Beschlag genommen werden. „Es ist unser Bemühen, dass genau das nicht passiert“, sagte Landrätin Fründt mit Hinweis auf die bisherige Praxis.

Ob die Kommune mit der Aufnahme der 300 Asylbewerber ihren Teil geleistet habe, wollte Dautphetals CDU-Fraktionsvorsitzender Horst Falk wissen. „Wir gehen von anhaltend hohen Zahlen auch im nächsten Jahr aus“, sagte Fründt. Die Kreisverwaltung rechne also mit weiteren zugeteilten Flüchtlingen. Wo diese Menschen unterkommen werden, sei noch fraglich.

Johanna Kremer wollte wissen, was von den Bürgern erwartet wird. „Ehrenamtliche Betätigung ist ausdrücklich erwünscht“, sagte Fründt und sie werde von den Flüchtlingen außerordentlich positiv aufgenommen. Eine Kleiderkammer, Sprachunterricht oder Kinderbetreuung seien wünschenswert. Allerdings müsse diese Hilfe außerhalb der Notlager organisiert werden.

Noch Fragen?

Wer noch Fragen zur Unterbringung der Flüchtlinge in Dautphetal hat, kann sich wenden an:

  • Landkreis Marburg-Biedenkopf unter der Telefonnummer 0 64 21 / 405 19 19 oder asylfragen@marburg-biedenkopf.de
  • Gemeinde Dautphetal, Fachdienst Bürgerservice und Ordnung:
  • Ruth Schepp, Telefon 0 64 66 / 92 03 03
  • Stefan Reisch Telefon 0 64 66 / 92 03 00
  • Regierungspräsidium Gießen unter Telefonnummer 0641 / 303 27 75 oder ehrenamt @rp-giessen.hessen.de

von Gianfranco Fain

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