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Gericht sieht keine Mordmerkmale

Aus dem Landgericht Gericht sieht keine Mordmerkmale

Eine 26-Jährige, die ihre kleine Tochter fast verhungern ließ, wurde in
 einem zweiten Verfahren vor dem Marburger Landgericht wegen versuchten Totschlags zu drei Jahren Haft verurteilt.

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Die Haftstrafe einer jungen Mutter wurde in einem zweiten Prozess um sechs Monate verkürzt.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Anzeichen für einen versuchten Mord sah die Marburger Schwurgerichtskammer 
nicht. Die 26 Jahre alte ehemalige Gladenbacherin wurde 
wegen versuchten Totschlags durch Unterlassen in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung durch Vernachlässigung zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Das erste Urteil einer anderen Strafkammer wurde damit um ein halbes Jahr unterschritten.

Der kurz bevorstehende Hungertod des 14 Monate alten Kindes sei „das Ergebnis einer schweren Vernachlässigung“ und einer Verletzung der Fürsorgepflicht, stellte der Vorsitzende Richter Dr. Thomas Wolf fest. Eine angeblich mörderische Motivation der Angeklagten, mit der sich die Richter befassten, gebe es hingegen nicht.

Die von der Staatsanwaltschaft hervorgehobenen Mordmerkmale der Heimtücke und eine Verdeckungsabsicht der Mutter sah die Kammer nicht als bestätigt an. Zwar habe die Angeklagte durch Ausreden, Terminabsagen und falschen Nachrichten versucht zu verhindern, dass Mitarbeiter des Jugendamtes in die Wohnung kämen – die Motivation oder eine böswillige Absicht sei dabei „nicht klar erkennbar – es gibt kein Mordmerkmal“, stellte Wolf fest.

Zudem sei es ihm unbegreiflich, dass das Jugendamt nicht früher eingeschritten ist – „obwohl es das hätte tun müssen“. Dass die Familienhilfe Ausreden der Mutter, wie das Kind schlafe und dürfe nicht gestört werden, einfach hinnahm und auch später nicht darauf bestand, das 
bereits auffällige Mädchen in Augenschein zu nehmen. „Es ist völlig unverständlich, dass das Jugendamt das nicht aufgeklärt hat“, machte der Richter deutlich.

Staatsanwaltschaft plädiert auf versuchten Mord

Als Dreh- und Angelpunkt der Tathintergründe ging das 
Gericht schlussendlich von 
einer möglichen Einschränkung der Steuerungsfähigkeit der Angeklagten aus. Diese ist an 
einer seltenen Form der Blutarmut (PNH) erkrankt, wie nach der Tat festgestellt wurde. „Die Krankheit ist heimtückisch von vorne bis hinten“, sagte Wolf. Scheinbar habe dieser Zustand in eine Depression geführt. „Es ist nicht auszuschließen, dass sie vermindert schuldfähig ist“, schloss der Vorsitzende. Diese Möglichkeit müsse das Gericht berücksichtigen.

Auf eine volle Schuld der Mutter sowie auf einen versuchten Mord hatte die Staatsanwaltschaft zuvor plädiert, die gegen das erste Urteil wegen versuchten Totschlags Revision eingelegt hatte. Für diese Annahme legte die Anklage verschiedene „aktive wie passive Elemente“ im Handeln der Mutter dar: neben der mangelhaften Versorgung ihres 
Kindes habe diese den gravierenden Zustand ihres Kindes versucht zu verschleiern, 
manipulativ gehandelt und 
Hilfe von außen sogar aktiv 
verhindert, erklärte Jonathan Poppe in seinem Plädoyer.

Sie habe den nahenden Tod ihres Kindes als sicher erkannt und in Kauf genommen, „eine schwere Mangel- und Fehlernährung war offensichtlich“. Er ging davon aus, dass die Angeklagte „mit Tötungsabsicht handelte“. Ihre Pflicht, das Kind zu versorgen, habe sie „böswillig vernachlässigt“, so das Fazit des Staatsanwalts, der sich für eine 
siebenjährige Haftstrafe der Frau aussprach.

Verletzt „wie ein waidwundes Tier“

Einem versuchten Mord widersprach Verteidiger Alexander Pfaff, der auf die Begründung des Bundesgerichtshofes verwies, im Revisionsverfahren die „innere Motivation“ der Mutter zu prüfen. Diese habe nicht böswillig gehandelt, befand sich zur Tatzeit in einer „krankhaften körperlichen und seelischen Ausnahmesituation“ und litt an einer schweren Depression, fasste der Verteidiger zusammen, der auf eine stark eingeschränkte Einsichts- und Steuerungsfähigkeit der Frau pochte.

Seine Mandantin habe nicht den Schein der perfekten Mutter aufrechterhalten wollen, „sie zog sich stattdessen zurück, wie ein waidwundes Tier“. In diesem krankhaften Stadium konnte seine Mandantin den tatsächlichen Zustand ihres Kindes nicht bewusst wahrgenommen haben, zu stark sei sie „in ihrer Krankheit gefangen gewesen, wollte einfach in 
Frieden gelassen werden“.

Auch die Mutter meldete sich noch einmal zu Wort: „Es tut mir alles so unendlich leid, ich wollte, dass es den Kindern gut geht“, beteuerte die Angeklagte 
unter Tränen vor Gericht. Bereits zuvor teilte sie in einer Erklärung mit, ihr Handeln sehr zu bedauern. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig.

von Ina Tannert

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