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Gericht reduziert Strafe für Brandstifterin

Eckelshäuser Brandstifterin Gericht reduziert Strafe für Brandstifterin

Vor dem Landgericht stand gestern die Berufungsverhandlung einer 53 Jahre alten Frau aus Eckelshausen an. Ihre ursprüngliche Haftstrafe wurde um zwei Monate reduziert.

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Mit einem Brandbeschleuniger hatte die verurteilte Frau bei ihrer letzten Tat einen Imbisswagen angezündet. Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Sie war an selber Stelle bereits im Mai vergangenen Jahres wegen Brandstiftung an einem Imbisswagen und Fahrens ohne Führerschein unter Alkoholeinfluss zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt worden.

Das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt hatte dieses Urteil jedoch zum Teil „kassiert“: Die Taten seien unstrittig - doch sei beim Urteilsspruch bezüglich der Brandstiftung nicht ausreichend gewürdigt worden, ob die 53-Jährige eventuell vermindert schuldfähig gewesen sei. Außerdem sei zu prüfen, ob es sich um einen minder schweren Fall der Brandstiftung handele, gab das OLG den Marburgern Richtern auf und verwies den Fall zurück ans Landgericht.

Dort stand gestern also vor allem die Frage nach der Schuldfähigkeit im Raum - und somit das Gutachten des Neurologen und Psychiaters Dr. Wolfgang Kloß als Sachverständigen.

Doch zuvor befragte der vorsitzende Richter Dr. Carsten Paul die Angeklagte, die in Kaufbeuren in Untersuchungshaft sitzt, nach ihrer derzeitigen Situation. Die Frau betonte, dass sie den ganzen Tag lang nur stricken und fernsehen könne - eine Arbeit habe man nicht für sie. Das liege wohl auch daran, „dass ich weder lesen noch schreiben kann“, sagte sie. Dadurch sei die Situation sehr schwierig. „Ist es denn richtig, dass Sie ein Alkoholproblem haben?“, fragte der Richter ganz direkt. „Ich würde sagen: gehabt“, so die Angeklagte. Durch die lange Haftzeit habe sich dies relativiert. „Mein Alkoholverlangen ist gleich null.“

Angeklagte konsumierte zwei Flaschen Wein am Tag

Daher sehe sie auch nicht die Notwendigkeit, in einer Entzugseinrichtung untergebracht zu werden. Dort werde sie auch nicht mitarbeiten, „wenn würde ich es nur freiwillig machen. Aber nicht unter Zwang.“ Der Sachverständige erläuterte, dass die Angeklagte bereits seit ihrem 30. Lebensjahr verstärkt Alkohol konsumiere - Auslöser sei damals der Tod eines Kindes gewesen. Angefangen habe sie mit zwei bis drei Gläsern Wein am Abend mit einer kontinuierlichen Steigerung. 15 Jahre lang habe sie täglich etwa zwei Flaschen Wein konsumiert.

Mehrere Therapien und Entzugsversuche hätten letztendlich nicht zum Erfolg geführt - trotz einer Abstinenz zwischen 2005 und 2010. Dann habe sie einen Rückfall erlitten, weil ihr Mann sie geschlagen habe. Zur Tatzeit habe sie - so ihre eigenen Angaben - „ein Erkältungsmittel“ getrunken. „Was bestimmte Bereiche angeht, hat sie die Neigung, ein geschöntes Bild abzugeben, das nicht immer der Realität entspricht“, führte Kloß aus.

Im Raum stand die Frage nach einer möglichen Unterbringung in einer Entzugsanstalt oder dem Maßregelvollzug in einem psychiatrischen Krankenhaus. Die Eingangsvoraussetzungen dafür seien aber nicht gegeben: Sie habe keine psychische Krankheit, die den Maßregelvollzug rechtfertige. „Und für die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt ist ein wichtiges Kriterium die positive Erfolgsaussicht“, erörterte der Sachverständige. Auch diese sei nicht gegeben, da die Angeklagte mehrfach gesagt habe, dass sie nicht mitarbeiten werde. Er halte die Frau für alkoholsüchtig. Zum Zeitpunkt der Brandstiftung habe sie 2,17 Promille Alkohol im Blut gehabt - jedoch keine Ausfallerscheinungen gezeigt.

„Sie befand sich in einem mittleren Rauschzustand“, so Kloß. Daher sei verminderte Schuldfähigkeit auszuschließen. In seinem Schlussplädoyer forderte Rechtsanwalt Bernd Pfläging eine verringerte Haftstrafe. Seiner Ansicht nach liege ein minder schwerer Fall der Brandstiftung vor. Seine Mandantin sei derzeit trocken, habe kein Verlangen nach Alkohol.

Und die besonderen Lebensumstände mit dem schwer kranken Ex-Mann, der noch bei ihr wohne, sollten ebenfalls einbezogen werden - er forderte, die Haft von drei Jahren auf zweieinhalb zu verkürzen. Staatsanwalt Dr. Kurt Sippel forderte hingegen, die Berufung abzuweisen und das Strafmaß aufrechtzuerhalten. Es liege kein minder schwerer Fall der Brandstiftung vor, da die Frau „ganz gezielt gehandelt“ habe. Zudem sei sie mehrfach einschlägig vorbestraft.

Richter Dr. Carsten Paul urteilte eine Gesamtstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten aus. Die Schuldfähigkeit der Angeklagten sei gegeben, zudem habe die 53-Jährige vorsätzlich gehandelt und habe bei ihrer Tat noch unter Bewährung gestanden. Allerdings habe sich das Gericht zu einer strafferen Strafzusammenziehung entschieden, sodass die verhängte Strafe Tat und Schuld angemessen sei.

von Andreas Schmidt

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