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„Gemorrje, Bürgeroberst!“

Grenzgang Buchenau 2013 „Gemorrje, Bürgeroberst!“

Dieter Veit war Gesellschaftsführer, Ausschussvorsitzender, Wettläufer, Männeroberst und ist dieses Jahr als Bürgeroberst oberster Repräsentant des Buchenauer Grenzgangs. Veit: „Das ist der Höhepunkt meiner Karriere!“

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Buchenau. Dieter Veit sitzt in seinem Garten, trinkt Cappuccino und beobachtet Einstein, den Familienhund, bei dessen Erkundungstour durch das Gelände. Erst vor wenigen Minuten hat er seine Arbeit niedergelegt und genießt den freien Abend, einen der wenigen, an dem kein offizieller Grenzgangstermin in seinem Kalender eingetragen ist. Trotzdem plaudert Veit gern über das große und historische Heimatfest – und seine besondere Rolle als Bürgeroberst.

Im Januar 2011 war der heute 52-Jährige zum obersten Repräsentanten des Grenzgangs und Vorsitzenden des Grenzgangsvereins gewählt worden und folgte damit auf Karl-Heinz Grebe, der den Grenzgang 2006 angeführt hatte. Für Veit ist es der Höhepunkt seiner langen Grenzgangskarriere, die früh begann: Im Jahr 1975 trat er „als junges Kerlchen, kurz nach der Konfirmation“ der Burschenschaft Damm bei und fieberte dem Grenzgang 1978 entgegen.

1982 war Veit Mitbegründer der gemischten Gesellschaft Hornberg und bekleidete 1985 sein erstes offizielles Grenzgangsamt: An der Seite von Michael Acker war Dieter Veit Wettläufer. 1992 war er Führer der Hornberger und nur ein Jahr später Mitbegründer der Männergesellschaft „Budchersch Männer“. Er arbeitet seit 1999 im Erweiterten Komitee mit, war Werbeausschussvorsitzender und beim Grenzgang 2006 zudem Männeroberst. Er weiß: „Jede Aufgabe hat ihren eigenen Reiz!“

Am intensivsten sind aber die Erinnerungen an sein Wettläuferjahr 1985, an die ersten Peitschenschläge beim Fest, an die morgendliche Weck-Runde durch Buchenau. Er genoss die besondere Rolle, die Aufmerksamkeit der Menschen. „Das war ein Traum, waren echte Gänsehautmomente“, erzählt Veit – und strahlt noch immer bis über beide Ohren, wenn er die Geschichte erzählt.

Zur Vorbereitung auf das damalige Fest habe er auch die Wettläufer des Biedenkopfer Grenzganges genau beobachtet und etwas Erstaunliches festgestellt: Während die Buchenauer Wettläufer ihre Oberkörper beim Peitschen stark zur Seite neigten, standen die Biedenkopfer aufrecht. „Das hatte mich tief beeindruckt“, gesteht der selbstständige Zahntechnikermeister und verrät, dass er deren Technik bis zum Buchenauer Fest trainierte und schließlich einführte.

Die Aufgabe als Bürgeroberst sei nun eine neue Kategorie: „Ich muss mehr vorbereiten, mehr organisieren. Es gibt viele Termine, viel Arbeit“, erklärt der leidenschaftliche Blasmusiker, der auch dem Musikausschuss angehört. Sicher zehn bis fünfzehn Stunden beschäftige ihn der Grenzgang in der Woche, mal mehr, mal weniger.

Nicht selten bleibt Arbeit in seinem Ein-Mann-Labor liegen und muss in freien Stunden an den Wochenenden noch erledigt werden. Trotzdem bereut er seine Entscheidung, sich wählen zu lassen, an keinem Tag: „Ich wusste, was auf mich zukommt!“

Schon 2006 war er für das Amt im Gespräch, verzichtete aber auf eine Kandidatur. Zwei Jahre danach warf ihn ein Herzinfarkt aus der Bahn, war seine Bewerbung als Bürgeroberst eigentlich kein Thema mehr. Doch vor drei Jahren, nachts um zwei Uhr, auf dem Geburtstag seines früheren Wettläufer-Kollegen entschied er: „Ich mach es doch!“

Seine Ehefrau Jutta und seine Tochter unterstützen das besondere Projekt und stehen voll hinter Dieter Veit. Sorgen, der viele Stress könne seiner Gesundheit schaden, habe er nicht.

„Meine größten Bedenken gelten dem Wetter“, sagt er mit einem Augenzwinkern und wohlwissend, dass ihm eine schlagkräftige Mannschaft zur Seite steht, die hervorragende Arbeit leistet. Er selbst verspüre keine Nervosität, habe kein Problem mit Reden vor großem Publikum und könne seine Rolle auch genießen. Im Dorf werde er kaum noch beim Namen genannt. Treffe er andere Grenzgänger, erzählt Veit schmunzelnd, riefen die oft nur „Gemorrje, Bürgeroberst“.

Zur Vorbereitung auf das Fest habe er sich natürlich Ratschläge seiner Vorgänger eingeholt, Videos von früheren Grenzgängen und die Feste in der Nachbarschaft angesehen. Dabei kennt Veit vor allem den Biedenkopfer Grenzgang sehr gut: Schließlich ist seine Frau Biedenkopferin und er seit 1991 Mitglied der Männergesellschaft Oberstadt.

Beim eigenen Fest freue er sich schon „tierisch“ auf den Festzug und das Bühnenspiel der Kapellen – „und darauf, viele Leute zu treffen, die ich lange nicht gesehen habe“. Bis heute ist Grenzgang ein Fest, zu dem alle sieben Jahre viele, die Buchenau lange verlassen haben, in den Ort zurückkehren.

Außerdem putze sich das Dorf heraus, würden Häuser und Höfe hergerichtet. Viele Buchenauer seien in den Gesellschaften organisiert und spätestens auf den Frühstücksplätzen treffe sich der ganze Ort. Fremden könne er den Mythos nicht erklären, sie nur zum Fest einladen. Denn Dieter Veit weiß, wohl besser als viele andere: „Grenzgang ist ein Gefühl, das du spürst – oder eben nicht!“

von Benedikt Bernshausen

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