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Gemeinschaftshäuser ohne Zukunft?

Bürgerhäuser im Landkreis Gemeinschaftshäuser ohne Zukunft?

Die Kosten der Dorfgemeinschaftshäuser übersteigen die Erträge und zwingen die Gemeinde Lohra zum Handeln. Der Gemeindevorstand stößt eine Diskussion an, mit der die Bürger in die Konzeption für die Zukunft der Gemeinschaftseinrichtungen eingebunden werden sollen.

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Das Bürgerhaus im Kernort Lohra ist als Spitzenreiter mehr als 29 Stunden in der Woche belegt. Andere Gemeinschaftshäuser werden deutlich weniger genutzt.

Quelle: Gianfranco Fain

Lohra. „Der Gemeindevorstand will die Situation der Infrastruktur in der Gemeinde darstellen und die Bürger sensibilisieren“, erklärt Lohras Bürgermeister Georg Gaul (parteilos) die Veröffentlichung der Zahlen, die heute auch im Amtsblatt zu lesen sind. Nachdem es schon zwei weitere Veröffentlichungen zur Lage der Gemeinde gab, will der Gemeindevorstand nun gesondert vorstellen, wie es speziell um die Bürger- und Dorfgemeinschaftshäuser (DGH) steht. „Diese Infrastruktur kostet viel Geld, und wird nicht genutzt“, sagt Gaul.

So hat die Auswertung der Gemeindeverwaltung ergeben, dass nur vier der zehn Gemeinschaftshäuser eine Auslastung von mindestens 10 Prozent bei einer zugrundegelegten täglichen zur Verfügung stehenden Nutzungsdauer von 12 Stunden erreichen. Das sind die Häuser im Kernort Lohra, Kirchvers, Weipoltshausen und Altenvers (siehe Grafik). Dagegen weisen zwei Häuser eine marginale Auslastung auf: Willershausen 1,8 und Seelbach 0,61 Prozent, wobei die Nutzungsdauer pro Woche in Willershausen eine Stunde beträgt, während es in Seelbach keine regelmäßig Belegung gibt. Selbst das kleinste Dorfgemeinschaftshaus in Seelbach verursacht, wenn es nur wenig genutzt wird, Kosten in Höhe von rund 5000 Euro.

Dieses Problem ist schon seit Jahren bekannt, richtig angepackt hat es aber noch keine Gemeinde. Denn kaum ein Politiker traute sich bisher, öffentlich über die Schließung von Bürgerhäusern zu reden. Eine Schließung allein würde das Defizit aber nicht nachhaltig verringern, da die Häuser auch Kosten verursachen, wenn sie nicht genutzt werden. Da sie aber auch kaum zu verkaufen sind, soll in Lohra eine Diskussion angestoßen werden, wie die DGH‘s weiterzuführen sind. Daran sollen die Bürger aller Ortsteile beteiligt werden. Der Gemeindevorstand will in diesem Frühjahr, möglichst noch im April, Bürgerversammlungen in den zehn Ortsteilen mit dem Themenschwerpunkt Dorfgemeinschaftshäuser veranstalten.

Die Ausgangslage ist aus Sicht des Gemeindevorstands klar. Neben den festgestellten Defiziten, weisen die DGH‘s alle einen gewissen Sanierungsbedarf auf, einige zum Teil erheblich, und in der Großgemeinde gibt es in den Ortsteilen rund 20 Gebäude, die in Funktion und Nutzung mit den Bürgerhäusern in Konkurrenz stehen.

Angestrebt wird ein Gesamtkonzept, sagt Gaul auch auf Nachfrage ohne näher darauf einzugehen. Ein solches Konzept könnte bedeuten: Schließung einiger Häuser und Zusammenlegung anderer in ihrer auch erweiterten Funktion. Denkbar wäre auch die Übernahme einzelner Dorfgemeinschaftshäuser durch Fördervereine, wie es beispielsweise in Weipoltshausen zurzeit anläuft.

von Gianfranco Fain

  • In diesem Diagramm können Sie leicht sehen, in welchem Missverhältnis Einnahmen der Dorfgemeinschaftshäuser und die für sie notwendigen Aufwendungen stehen:

  • Und hier die Karte:

Das sagen die Politiker

Kurt Schwald, SPD-Fraktionsvorsitzender: "Die Auslastung der Bürgerhäuser erreicht 1,8 bis 27 Prozent. Rechnet man die gebührenpflichtige Nutzung heraus, so ist die Auslastung noch geringer. Ich bin der Auffassung, dass wir für einige Häuser eine alternative Nutzungen finden müssen und eine Verringerung des Anlagevermögens der Gemeinde zwingend notwendig ist. Vergleicht man unsere Gemeinde mit einer Familie, so muss man feststellen: Bei unserem geringem Einkommen leisten wir uns eine viel zu große Wohnung." 

Werner Waßmuth, CDU-Fraktionchef: „Der Gemeindevorstand stellt die Kosten rein betriebswirtschaftlich dar. Das im Haushalt ausgewiesene Defizit enthält allein 97350 Euro kalkulatorische Zinsen, 163000 Euro Personalkosten und 120000 Euro teilweise vermeidbare Sachkosten. Der Versuch ist es wert, die kleinen DGH‘s an Dritte wie Vereine oder Ortsgenossenschaften zu übertragen. Wenn die DGH‘s wie Vereinsheime geführt werden, sind sie zu erhalten, denn kein Verein hat die Kosten, die die Gemeinde in Ansatz bringt.“ 

Inge Weckend-Schorge, Bündnis 90/Grüne: "Bei einem jährlichen Defizit von über 300000 Euro und sinkender Nutzung ist die Frage zulässig, ob die Gemeinde noch alle 10 Bürgerhäuser erhalten kann. In einigen Orten gibt es Vereinsgebäude als Alternativen für Feiern und Treffen. Eine reizvolle Möglichkeit wäre es, Bürgerhäuser Dorfvereinen als Treffpunkte zu übereignen. Wichtig dabei ist: Transparenz seitens der Gemeinde, ein Gesamtkonzept für alle Häuser und Bürgerbeteiligung in allen Orten."

Harald Rink, BfB-Fraktion: „Trotz angespannter Finanzlage der Gemeinde kann es gelingen, die DGH‘s zu erhalten. Voraussetzung hierfür ist allerdings, die Kosten deutlich zu senken. Dies gilt vorrangig für Sach- und Personalkosten. Zum Beispiel durch eine Beheizung der Häuser nur bei tatsächlicher Nutzung. Hausmeistertätigkeiten können und werden teilweise schon durch Vereinsnutzer übernommen. Ohne entsprechendes Bürgerengagement wird die Gemeinde Lohra nicht alle zehn Häuser erhalten können.“

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