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Geiselnahme und schwerer Missbrauch

Landgericht Geiselnahme und schwerer Missbrauch

Ein 48-Jähriger, der sich nach Überzeugung des Gerichts an der zwölf­jährigen Tochter seiner Lebensgefährtin vergangen hat, bestritt bis zum Prozessende einen Großteil der vorgeworfenen Taten.

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Vor dem Landgericht Marburg wurde ein 48-jähriger Hinterländer zu elf Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt.Archivfoto

Quelle: Thorsten Richter

Marburg . Der dreitägige Missbrauchsprozess vor dem Landgericht Marburg wurde am Freitag abgeschlossen: Der Angeklagte wurde wegen Geisel­nahme, schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes, Nötigung sowie Körperverletzung zu elf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Im vergangenen Jahr hatte ein 48-jähriger Hinterländer die Tochter seiner Lebensgefährtin missbraucht. Der Angeklagte hatte sich zwar vor Gericht erklärt, aber einen Großteil der Taten abgestritten.

Angeklagter: Hexenjagd

Ein Sachverständiger sagte aus, dass bei der Untersuchung der sichergestellten Datenträger von Computer und Laptop des Angeklagten insgesamt 54 Bilder mit kinderpornografischem Inhalt gefunden worden sind. Diese nur unzureichend gelöschten Daten zeigten Momentaufnahmen eines Videos, auf dem der Angeklagte und die Geschädigte unbekleidet zu sehen sind. Der Angeklagte hatte erklärt, dass die Aufnahmen versehentlich entstanden seien. Er verwies erneut auf, seiner Meinung nach, falsch wiedergegebene Vorkommnisse in den Aussagen des Mädchens hin und betonte, dass es erhebliche Differenzen gebe.

Er bezeichnete die Verhandlung gegen ihn als eine „Hexenjagd“. Sein Charakter sei mehrfach ungehörig und falsch dargestellt worden. Er rechnete zwar seit Beginn des Prozesses mit einer Gefängnisstrafe, allerdings nicht in solchem Umfang. Er legte ein Teilgeständnis ab, bestritt jedoch vehement jede Form von Geschlechtsverkehr mit dem Mädchen.

Staatsanwalt Oliver Rust erklärte in seinem Plädoyer, dass der Angeklagte mit Drohungen die Taten erzwungen hat. Der sexuelle Kontakt hatte nichts mit einer einvernehmlichen Liebesbeziehung zu tun, wie vom Angeklagten teilweise dargestellt. An der Glaubwürdigkeit des Mädchens gebe es keine Zweifel. Ihre Angaben waren, wenn auch teilweise ungeordnet, äußerst detailliert, flüssig und nachvollziehbar. Die schlüssigen und passenden Aussagen lassen darauf schließen, dass das Mädchen die real erlebter Tatsachen wiedergab.

Anhaltspunkte, dass die Geschädigte die Erlebnisse zudem überdramatisiert habe, wie vom Angeklagten angenommen, sah die Staatsanwaltschaft nicht. Eine mögliche Suggestion Dritter schloss Rust ebenfalls aus. Die Aussagen des Kindes seien mit der Schilderung des Angeklagten, die eher in Richtung einer „neugierigen, aufgeweckten Lolita“ tendierten, nicht vereinbar.Viel eher war das Geschehen von verbaler und körperlicher Aggression geprägt. Das Verhalten des Mannes zeige, dass er es genießt, Kontrolle und Macht über andere auszuüben. Ein minderschwerer Fall, von dem der Beschuldigte von Anfang an ausgegangen war, liege nicht vor.

Die Nebenklage schloss sich den Ausführungen der Staatsanwaltschaft im Wesentlichen an, betonte erneut die absurde Vorstellung des Angeklagten, der angeblich neugierigen Zwölfjährigen eine Art Unterricht in Sexualkunde erteilt zu haben. Sie solle Mitspracherecht gehabt, er wiederum die Situation falsch eingeschätzt haben, habe der Angeklagte ausgesagt.

Dass ein damals 47-Jähriger eine einvernehmliche sexuelle Beziehung zu einem Mädchen haben könne, sei eine Annahme der „moralisch tiefsten Stufe“, betonte die Vertreterin der Nebenklage.

Der Verteidiger sprach von einem außergewöhnlichem Gerichtsprozess. Auch er bestätigte die Glaubwürdigkeit der Geschädigten, ging jedoch in einzelnen Punkten von einer Fehlwahrnehmung aus und zweifelte einige der angeklagten Praktiken an. Sein Mandant habe ohne Zweifel die Situation ausgenutzt und sich strafbar gemacht, jedoch nicht in der Intensität wie im Prozess dargestellt. Die Verteidigung forderte daher vier Jahre Gefängnisstrafe.

Richter: Schutzbehauptung

In seinen letzten Worten verwies auch der Angeklagte darauf, dass bestimmte Begebenheiten aus dem Kontext gerissen und Dialoge falsch wiedergegeben wurden und ein übertrieben bösartiges Gesamtbild von ihm entstanden sei.

Das Gericht verurteilte ihn schließlich wegen Geiselnahme in Tateinheit mit sexuellem Missbrauch eines Kindes und sexueller Nötigung sowie wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes in vier Fällen sowie Körperverletzung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von elf Jahren und sechs Monaten.

Die Art der Einlassung des Angeklagten hinsichtlich eines sexuell neugierigen, aktiv beteiligten Mädchens höre das Gericht leider häufig und es sei eine Schutzbehauptung, die vollkommen unglaubwürdig sei, sagte der Vorsitzende Richter Dr. Thomas Wolf. Die Angaben und kindgerechten Schilderungen der Geschädigten seien dagegen absolut glaub­würdig, sagte der Richter in seiner Urteilsbegründung.

von Ina Tannert

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