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Friedlicher Protest gegen rechte Gewalt

Demo im Hinterland Friedlicher Protest gegen rechte Gewalt

Mehr als 400 Demonstranten setzten am Samstag in Dautphe und Friedensdorf friedlich ein Zeichen gegen rechte Gewalt.

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Lautstark und mit Plakaten positionierten sich rund 400 Demonstranten gegen Rechts.

Quelle: Thorsten Richter

Dautphe. Die meisten Demonstranten reisten mit dem Zug nach Friedensdorf. Wie viele es wohl sein würden, das war im Vorfeld für alle Beteiligten die spannende Frage.Pünktlich um kurz vor 15 Uhr rollte der Zug der Kurhessenbahn im Friedensdorfer Bahnhof ein. Kaum hatten sich die Türen geöffnet, standen schon ein paar Dutzend Demonstranten auf dem Bahnsteig.

Rasch wurden es mehr. Minuten vergingen, bis alle ausgestiegen waren, und am Ende schoben sich um die 250 Menschen vom Bahnsteig auf den Parkplatz, wo sich bereits diejenigen eingefunden hatten, die zu Fuß oder mit dem Auto gekommen waren.Eine Sprecherin der Antifa-Gruppe 5 begrüßte die Demonstranten und machte deutlich, worum es bei dieser Veranstaltung ging: „Wir sind heute hier, um gegen rassistische Zustände zu demonstrieren.“Begleitet von der Polizei, setzten sich die insgesamt mehr als 400 Demonstranten anschließend in Bewegung: Vom Bahnhof zunächst über die Lahnstraße nach Dautphe. In Sprechchören skandierten sie Slogans wie: „Aufruhr! Widerstand! Es gibt kein ruhiges Hinterland!“, „Nazis morden, der Staat schaut zu! Verfassungsschutz und NSU!“

Einen Stopp legte der Demonstrationszug am Rathaus in Dautphe ein, wo es einige Redebeiträge gab. Der Dautphetaler Adnan Yildirim, Kreistagsabgeordneter der Linken, ging auf den bis heute ungeklärten Brandanschlag auf das Haus einer türkischen Familie in Wilhelmshütte vor sechs Jahren ein. Damals wurde das Wort „Hass“ an die Hausfassade gesprüht und die Holzverkleidung angezündet. Eine solche Tat im Hinterland sei bis dato für viele unvorstellbar gewesen. Erst die Demo, die wenig später stattfand, habe der betroffenen Familie ihre Angst genommen.

Auch Bernd Hannemann, ebenfalls Fraktionsmitglied der Linken im Kreistag, erinnerte in einer Rede an die Geschehnisse vom 18. Februar 2008. Der Brandanschlag von Wilhelmshütte sei nur eines von mehreren Ereignissen der vergangenen Jahre im Landkreis, bei denen rechter Extremismus eine Rolle gespielt habe.

Stimmung richtet sich auch gegen EU-Enwanderung

Und als er Wilhelmshütte während einer Rede im Kreistag erwähnte, sei ihm sinngemäß zugerufen worden: „Das Haus haben die Türken doch selbst angesteckt.“

Auch wenn die Täter bis heute nicht gefasst seien, so stehe diese Mutmaßung „in der üblen Tradition von ,Dönermorden‘ und ,Istanbul-Mafia‘“. Immer wieder werde das Vorhandensein von Rechtsextremismus bestritten.

Eine Rednerin der Antifa-Gruppe 5 thematisierte das Klima, in dem über die Aufnahme von Asylsuchenden diskutiert werde. „Die angeheizte Stimmung in der Bevölkerung erinnert zwangsläufig an die Pogromstimmung der frühen 90er Jahre.“ Die Stimmung richte sich auch gegen Einwanderung aus EU-Ländern, wie die von der CSU losgetretene Debatte über Armutsmigration beweise.

Zwischenstop am Dautpher Rathaus

Diese „Panikmache“ fuße auf der befürchteten Ausnutzung des deutschen Sozialsystems. „Hintergründe werden verschwiegen“, sagte die Rednerin. „Kurzgedachte Anfeindungen bilden den Nährboden für Rassismus in allen Teilen der Gesellschaft und letztendlich für rechtes Gedankengut.“ Es gelte, „dem Rassismus in all seinen Formen entgegenzutreten.“

Nach dem Zwischenstopp beim Rathaus zogen die Demonstranten über Raiffeisenstraße und Hauptstraße zurück auf die Gladenbacher Straße, von dort über Wilhelmshütte zum Friedensdorfer Bahnhof. Neugierig beäugt wurden sie dabei von einigen Schaulustigen, die das Geschehen zum Teil durch Fensterscheiben, teils aus Gärten verfolgten - schließlich ist ein solches Aufgebot an Demonstranten, Polizisten und Journalisten kein alltägliches Ereignis in Dautphetal.

Dautphetal - Demo gegen rechte Gewalt. Foto: Thorsten Richter (thr)

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„Es ist schön, dass so viele junge Menschen da sind“, unterstrich Bernd Hannemann in seiner abschließenden Ansprache - ein Punkt, den der Marburger zuvor schon im Gespräch mit der OP hervorgehoben hatte.Begeisterung auch bei den Demonstranten. „Ich find’ es cool, dass so viele gegen Nazis demonstrieren“, sagte der 14-jährige Raphi, der aus dem 60 Kilometer entfernten Herdorf/Rheinland-Pfalz angereist war.

Makl Heinrich aus Marburg war nach eigenen Angaben „überrascht, dass in einem so kleinen Ort so viele Menschen zusammenkommen.“ Seine Motivation sei es, „Solidarität mit Mitbürgern“ zu bekunden, betonte er. „Mitmachen, den Protest unterstützen“, darauf kam es der Linksjugend Treysa an, die mit sieben Teilnehmern gekommen war. Über eine „tolle Atmosphäre“ freute sich die Kasseler Studentin Esra Ertas. Ihr Eindruck sei positiv. Und: „Ich habe gelernt, dass man sich bei Demos duzt.“

von Björn-Uwe Klein

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