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Friedensaktivistin ist voller Hoffnung

Nahost-Konflikt Friedensaktivistin ist voller Hoffnung

Deutschland zu besuchen, heißt für die palästinensische Friedensaktivistin Faten Mukarker, in eine andere Welt einzutauchen. Eine Welt, in der sie einst lebte. Und die sie mit Normalität verbindet.

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Eine Friedenstaube als Zielscheibe ziert eine Mauer. Das Leben der Palästinenser in den von Israel besetzten Gebieten spielt sich ­größtenteils hinter Mauern ab.

Quelle: Alexander Muth

Buchenau. Faten Mukarker begrüßt ihre Zuhörer mit dem Wort „Salam“. Das ist arabisch und bedeutet „Frieden“. Frieden ist der sehnlichste Wunsch der Palästinenserin. Sie hofft, dass in ihrer Heimat die Gewalt und deren Symbole - die Mauern und der Stacheldraht - eines Tages verschwinden.

23 Besucher sind auf Einladung der evangelischen Kirchengemeinde Buchenau/Elmshausen ins Buchenauer Gemeindehaus gekommen, um den Vortrag der Friedensaktivistin zu hören - einen Vortrag, in dem nicht das himmlische, sondern das irdische Bethlehem thematisiert wird, wie die Referentin ankündigt. Sie redet leise und ohne Umschweife. Ihre Sätze sind stets auf das Wesentliche beschränkt. Kein Wort verfehlt seine Wirkung. Und nicht immer weiß das Publikum, wie es darauf reagieren soll. Oft reagiert es mit Sprachlosigkeit.

Faten Mukarker berichtet von der Lebenssituation der Palästinenser in den von Israel besetzten Gebieten. Von Verzweiflung und Wut, aber auch von Hoffnung. Und sie erzählt ihre eigene Geschichte: Geboren am 6. Juni 1956 als Tochter palästinensischer Christen nahe Bethlehem/Westjordanland, aufgewachsen im Rheinland, als junge Frau in Bethlehem verheiratet worden, Mutter von vier inzwischen erwachsenen Kindern, beruflich als Reiseleiterin tätig. Ihren Lebensweg beschreibt sie als „ökumenisch“: Die Eltern gehörten der griechisch-orthodoxen Kirche an, sie selbst wurde in ihrer Jugend vom rheinischen Katholizismus geprägt, heute ist sie evangelisch.

Ein selbstbestimmtes Leben wollte Faten Mukarker führen, doch mit 20 Jahren ereilte sie das Schicksal vieler arabischer Frauen. Ein Aufenthalt nahe Bethlehem, getarnt als Urlaub, erwies sich als Reise ohne Wiederkehr in ihr vorheriges Leben. Zwei Ereignisse brachten die entscheidende Veränderung: Vormittags ein Besuch in der Kirche, abends der Besuch von einem Mann, der um ihre Hand anhielt.

„Kirchen sind bei uns nicht nur Gebetsorte, sondern auch Heiratsmärkte“, erklärt Faten Mukarker und fügt hinzu: „Der Hochzeitstermin war am nächsten Sonntag.“ Als sie das sagt, ist einigen Zuhörern Unsicherheit anzumerken. Manche schweigen, andere wissen das Gesagte nicht einzuordnen und lachen für einen kurzen Moment. Es ist ein seltsames, verkrampftes Lachen. Faten Mukarker fährt fort: „Ich habe Glück gehabt. Mein Mann ist gut. Sonst wäre ich heute nicht hier.“ Zwei Söhne und zwei Töchter sind aus der Ehe hervorgegangen. Die Namen der Söhne - Fuad und Kamal - bestimmte ihr Mann, die der Töchter wählte sie. Sie heißen Monika und Ursula.

In Frankfurt hat sie Normalität verspürt

Faten Mukarker beschreibt das Gefühl, dass sie überkam, als sie ihre jüngste Deutschland-Reise antrat. Begonnen habe die Reise in einem Land, in dem Menschenleben nichts wert seien, sagt sie mit Blick auf die Gewalt in ihrer Heimat. Angekommen sei sie in einem Land, in dem sogar Tiere Rechte hätten. Als sie in Frankfurt aus dem Flieger gestiegen sei, habe sie Normalität verspürt - das Gefühl, im 21. Jahrhundert angekommen zu sein. Und dieses habe in ihrer Heimat noch nicht begonnen. Dort lebe man mit Begriffen, die in Deutschland für das vergangene Jahrhundert stünden: Zum Beispiel „Mauer“ und „Besatzung“. Seit Oktober seien mehr als 100 Palästinenser und 18 Israelis gewaltsam zu Tode gekommen. „Ein Toter ist schon einer zu viel.“

Die Referentin beleuchtet die Geschichte des israelisch-palästinensischen Konfliktes. Sie ist der Auffassung, dass es am besten gewesen wäre, wenn die palästinensische Seite dem UN-Teilungsplan von 1947 zugestimmt hätte. Dieser sah eine Zwei-Staaten-Lösung vor, stieß aber sowohl auf palästinensischer Seite als auch unter den arabischen Staaten auf Ablehnung. Ein Punkt, den Faten Mukarker bedauert. Viele Palästinenser, darunter auch ihr Großvater, hätten den Sinn der Landaufteilung nicht verstanden. „Warum sollen wir für etwas zahlen, was wir nicht getan haben“, sagte ihr Großvater einst mit Blick auf den deutschen Völkermord an den Juden.

„Ich habe heute den Rückblick, die Menschen damals hatten nicht den Weitblick“, sagt Faten Mukarker und geht auf den weiteren Verlauf der Ereignisse ein: Die Kriege zwischen dem 1948 gegründeten jüdischen Staat und seinen arabischen Nachbarn, die israelische Besatzungspolitik, Vertreibungen, die erste und die zweite Intifada. Sie erwähnt auch die Hoffnungen auf ein Ende der Gewalt und einen unabhängigen Staat Palästina, die in den 1990er-Jahren aufkeimten. Damals kam ein Friedensprozess in Gang, 1995 reichten sich Palästinenserpräsident Jassir Arafat und der israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin die Hände. Das Foto, das diesen Moment zeigt, ging um die Welt.

In der Mitte des Bildes ist der damalige US-Präsident Bill Clinton zu sehen, der den Friedensprozess maßgeblich unterstützte. Doch noch im selben Jahr wurde Yitzhak Rabin ermordet - von einem israelischen Extremisten. Schimon Peres rückte an die Spitze einer Übergangsregierung. Bei den Wahlen 1996 triumphierte dann ein anderer: Benjamin Netanyahu, der aktuell zum zweiten Mal das Amt des israelischen Ministerpräsidenten innehat.

Dessen Politik kritisiert Faten Mukarker scharf. Netanyahu setze auf Eskalation, treibe den Bau jüdischer Siedlungen auf palästinensischem Boden voran und sei zuletzt mit dem Wahlversprechen angetreten, dass es mit ihm keine Zwei-Staaten-Lösung geben werde. Durch den Siedlungsbau seien die palästinensischen Gebiete mittlerweile derart zerschnitten, dass ein palästinensischer Staat unter diesen Bedingungen nicht lebensfähig sei. „Die Siedlungen werden durch Straßen verbunden, aber diese Straßen dürfen wir Palästinenser nicht benutzen.“

Infolge eskalierender Gewalt habe Israel beschlossen, seine Bürger besser zu schützen: Mit Mauern und Stacheldraht - hauptsächlich auf palästinensischem Boden. Dafür würden Olivenbäume gefällt, die Existenzgrundlage vieler Palästinenser.

Wer sich in den besetzten Gebieten bewege, müsse Checkpoints passieren und sei dort mitunter Schikanen ausgesetzt. Schikanen, die vielfach auf Fotos dokumentiert sind. Faten Mukarker zeigt eins davon. Eine Israelin hat es aufgenommen. Es seien noch viele weitere Bilder dieser Art von israelischen Frauen gemacht worden, die es sich zum Ziel gesetzt hätten, die Welt auf die Zustände in den besetzten Gebieten aufmerksam zu machen.

Friedenslösung mit dem Zauberwort „Gerechtigkeit“

Ja, es gebe sie, die israelische Gegenöffentlichkeit, die den Kurs der jetzigen Regierung nicht gutheiße. Das verdeutlicht Faten Mukarker mehrmals. Und überhaupt legt sie großen Wert auf die Feststellung, dass in jeder der Konfliktparteien verschiedene - gegensätzliche - Kräfte wirken. Wobei sich die Referentin mit dem Begriff „Konflikt“ generell etwas schwertut. Denn viele Menschen auf beiden Seiten hätten genug von „Gewalt, Rache, Vergeltung und Vergeltung der Vergeltung“. Und genau diese Menschen sind ihre Hoffnung.

Eine Friedenslösung müsse mit dem Zauberwort „Gerechtigkeit“ versehen sein. Dazu zähle auch ein Ende von Kollektivstrafen, wie sie von israelischer Seite praktiziert werden: Beispielsweise, indem die Häuser abgerissen werden, in denen Selbstmordattentäter gelebt haben. Faten Mukarker hofft auf das Gewissen der Menschen „diesseits“ und „jenseits“ der Mauern und Stacheldrähte und auf das Gewissen der Welt. Auch Deutschland könne zum Frieden beitragen. „Wenn unsere Mauer fällt, freut Euch. Wir haben uns auch mit Euch gefreut.“

Ihre Hoffnung begreift Faten Mukarker als Verpflichtung. „Wenn man im Land der Wunder lebt, hat man auch die Verpflichtung, an Wunder zu glauben.“ Sie ruft ihr Publikum dazu auf, sie in ihrer Heimat zu besuchen: „Kommt ins Land. Schaut bei mir vorbei wenn eure Reise nach Bethlehem führt. Dann koche ich Euch ein arabisches Essen.“

Die Referentin hinterlässt nach zwei Stunden eine nachdenkliche Zuhörerschaft. Pfarrer ­Jürgen Barth findet, dass sich über vieles von dem, was Faten Mukarker gesagt hat, ­diskutieren lasse. Mit Blick auf die Uhr - es ist 20.30 Uhr - schlägt er aber vor, das Einzelgespräch mit der Referentin zu suchen.

Besucherfazit:lehrreicher Vortrag

Als „lehrreich“ bezeichnet der Buchenauer Albert Heim im Gespräch mit der OP den Vortrag. „Es ist ein guter Einblick, den man so nicht in den Nachrichten bekommt.“ Gleiches findet eine andere Besucherin: „Es ist interessant, das mal von jemandem zu hören, der von dort kommt und dort lebt.“

Faten Mukarker bleibt nach dem Vortrag noch eine Zeit lang im Gemeindehaus, wo sie Exemplare ihres Buches „Leben zwischen Grenzen“ sowie Olivenholz-Schnitzereien palästinensischer Christen zum Verkauf anbietet.

von Björn-Uwe Klein

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