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„Feind der Wahrheit ist die Erinnerung“

Aus dem Amtsgericht „Feind der Wahrheit ist die Erinnerung“

Zweifelhafte Zeugen: Ein angeklagter Discobesucher, der einer Bedienung ein Bierglas ins Gesicht geschleudert haben soll, wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

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Die Amtsrichterin sprach einen Hinterländer nach einer Kneipenschlägerei vom Vorwurf der Körperverletzung frei.

Quelle: Florentine / pixelio.de

Marburg. Widersprüchliche Versionen eines feuchtfröhlichen Abends in einer Hinterländer Diskothek und scheinbar parteiische Zeugen säten Zweifel vor Gericht. „Für eine Verurteilung reicht es nicht“, lautete das Resümee von Strafrichterin Barbara Steinmann am Mittwoch vor dem Marburger Amtsgericht.

Zahlreiche Zeugenaussagen und viele Versuche, den Abend im März 2013 zu rekonstruieren, brachten nur mäßigen Erfolg. Den Aussagen von einem Großteil der Zeugen, die entweder mit dem Angeklagten oder dem Opfer in Verbindung standen, konnte die Richterin keinen Glauben schenken. Zwischen den beiden Parteien scheint es bereits in der Vergangenheit zu Konflikten gekommen zu sein, entsprechend hoch seien mögliche Belastungstendenzen.

„Ich habe das Gefühl, dass es zwei Lager gibt“, vermutete die Richterin. Auch wenn die schweren Verletzungen der Geschädigten unzweifelhaft waren, die Tatsache, dass der Angeklagte ihr das Weizenbierglas ins Gesicht geworfen hatte, lasse sich nicht beweisen. Ebenso wenig wie seine Beteiligung an der Schlägerei: Ob er einer der „Treter“ war, die einen am Boden liegenden Mann malträtierten, blieb ungewiss.

Verteidiger: hektisches Turbulenzgeschehen

„Es kann kein klares Bild des Abends gezeichnet werden – wer das Glas geworfen hat, ist unklar“, hatte zuvor auch Rechtsreferendar Matthias Petri für die Verteidigung festgestellt. Die meisten Zeugen hätten in dieser Nacht weder den Beschuldigten noch den Wurf im Getümmel deutlich genug sehen können. In dem „hektischen Turbulenzgeschehen“ sei die Geschädigte scheinbar irrtümlich von dem Angeklagten als Täter ausgegangen, argumentierte der Verteidiger.

Das sah Amtsanwalt Jürgen Noll anders, der sich zuvor für eine Bewährungsstrafe von 15 Monaten samt Geldauflage und Schmerzensgeld für den 30-jährigen Angeklagten ausgesprochen hatte. Der Anklagevertreter bezweifelte die Wahrnehmungsfähigkeit mancher Entlastungszeugen und sinnierte ausgiebig über die Motive vermutlicher Falschaussagen. „Der Feind der Wahrheit ist die menschliche Erinnerung“, betonte Noll. In einem philosophisch-biologischen Diskurs nahm er Bezug zur Erinnerungsfähigkeit des Gehirn, das wohl extreme Ereignisse am besten speichern könne: wichtige Erlebnisse wie den schweren Angriff mit einem Bierglas, wie es die Geschädigte geschildert hatte. Und das glaubhaft, betonte Noll.

„Sie hat es gesehen, das Glas hatte freie Flugbahn.“ Ein Motiv, warum die Frau den Diskobesucher falsch beschuldigen sollte, sah er nicht.
Eine Art Racheaktion gegen den Angeklagten hatte auch die Inhaberin der Diskothek verneint, die erneut vor Gericht vernommen wurde. Sie traf in dieser Nacht ihre blutende Tochter und Mitarbeiterin erst kurz nach der Schlägerei an, bekam, wie die meisten Zeugen, nicht mit, wer das Bierglas geworfen hatte. Ganz sicher war sie sich jedoch, einen unbekannten Mann bemerkt zu haben, der anklagend auf den Beschuldigten gedeutet hatte.

Angeklagter fühlt sich zu Unrecht an Pranger gestellt

Auch die Verletzte soll aufgebracht gerufen haben, „der war‘s“. Dieser Aussage hatten zuvor diverse weitere Zeugen vor Gericht widersprochen, die den Angeklagten an anderer Stelle gesehen haben wollen. Nach dieser Version war der Mann weder an der Prügelei noch an der Bierglas-Attacke beteiligt gewesen.

Wie so oft bei Kneipenschlägereien war es vor Gericht kaum möglich, den genauen Ablauf des Abends zu rekonstruieren. Wer sich wann und wo genau innerhalb der Disko aufhielt, blieb zum Teil im Dunkeln. Hinzu kamen Erinnerungslücken mancher Besucher, die angebliche Tat lag fast vier Jahre zurück.

Der Angeklagte hatte eine Art Racheaktion gegen ihn vermutet, fühle sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. „Ich werde hingestellt wie ein aggressives Monster, ich verstehe es nicht – ich bin unschuldig“, hatte der Mann mehrfach betont. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

von Ina Tannert

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