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Franzosen sind vom Moped begeistert

Serie Franzosen sind vom Moped begeistert

OP-Mitarbeiter Björn-Uwe Klein berichtet über den zweiten Teil seiner Moped-Tour nach Frankreich, die er im Juli mit seinem Vater Alfred Klein unternahm.

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In der kleinen Gemeinde Le Crotoy an der französischen Kanalküste haben die beiden Mopedfahrer den von zu Hause am weitesten entfernten Punkt ihrer Reise erreicht.

Gladenbach. Es ist Samstag, 20. Juli 2013, der zweite Tag unserer Reise. Erfahrungsgemäß ist der zweite Tag der anstrengendste. Nur gut, wenn man keine Eile hat. Die haben mein Vater und ich definitiv nicht.

Rund 500 Kilometer haben wir am ersten Tag mit unseren Simson-Schwalbe-Oldtimern geschafft: Von Bad Laasphe-Herbertshausen über Belgien bis ins nordfranzösische Fumay, wo wir übernachtet haben. Wenn wir nun, am zweiten Tag, bis Roye kommen, wo sich das Grab meines Ururgroßvaters befindet, so reicht uns dieses Pensum völlig aus.

Entspannt und ausgeschlafen verlassen wir das Hotel, beladen unsere Mopeds und starten um 10.30 Uhr.

Dieser Tag wird wohl ebenso heiß wie der vorherige. Bergauf, bergab passieren wir einige Ausläufer der nördlichen Ardennen, kommen auf wenig befahrenen Straßen durch kleine Dörfer. Immer wieder fällt uns auf, wie interessiert uns viele Menschen in dem Moment unseres Vorbeifahrens wahrnehmen. Liegt das an der in Frankreich nur wenig bekannten Marke Simson? Könnte sein. Dafür sprechen zumindest einige weitere Erfahrungen, die wir im Laufe unserer Tour machen werden.

Tour vom Vortag steckt noch in den Knochen

In der Mittagszeit nähern wir uns der Stadt Laon. Das Land wird in dieser Gegend immer flacher und tut sich schließlich in einer schier endlosen Weite aus Kornfeldern, sanften Hügeln und Alleen vor uns auf. Eine Gegend, die der Toskana stark ähnelt.

Doch noch während ich den Anblick dieser beeindruckenden Kulturlandschaft genieße, spüre ich mehr und mehr, wie sehr mir der Vortag noch in den Knochen steckt. Das Sitzen fällt mir immer schwerer. 200 Kilometer, so werde ich bald merken, fühlen sich an diesem Tag an wie 400 Kilometer am Tag zuvor.

Am Stadtrand von Laon legen wir eine Pause ein. Zeit fürs Mittagessen. Wir gehen in einem großen Einkaufsmarkt auf Erkundung und bleiben an der Verkaufstheke einer Bäckerei stehen. Die vielfältig belegten Baguettes, in der Form sehr schmal, dafür rund 60 Zentimeter lang, sehen wirklich appetitlich aus! Da gibt es nichts zu überlegen!

Wir essen draußen, auf dem Parkplatz, und ich stelle fest, dass dies tatsächlich das köstlichste Baguette ist, das ich seit Langem gegessen habe.

Bis nach Roye sind es noch gut 80 Kilometer. Von Laon fahren wir über Noyon Richtung Roye. Auf dem letzten Abschnitt verläuft die Straße schnurstracks zum Horizont. Keine Kurve und kein Schatten auf rund 25 Kilometern. So stelle ich mir die Route 66 vor.

Es ist später Nachmittag, als wir in Roye ankommen. Wir stellen unsere Mopeds in der Ortsmitte ab und schauen uns nach einem Hotel um. Schnell glauben wir eines gefunden zu haben: „Hotel de Ville“. Doch an der Tür finden wir keine Zimmerpreise, sondern standesamtliche Bekanntmachungen. Uns wird klar: Dies ist kein Hotel, sondern das Rathaus. „Hotel de Ville” hat also eine völlig andere Bedeutung als angenommen. Wieder was dazugelernt! Ich hatte mich ohnehin schon gewundert, warum jede Stadt, jede Gemeinde ein Hotel namens „Hotel de Ville” hat.

Wir gehen zu unseren Mopeds zurück, um die sich während unserer kurzen Abwesenheit eine kleine Menschentraube gebildet hat. Vier Männer, die offenbar noch nie eine „Schwalbe” gesehen haben, sind ganz fasziniert von den Fahrzeugen, schauen sich die Details an und staunen.

Franzose will seinen Roller gegen Schwalbe tauschen

Ob dies jugoslawische Mopeds seien, fragt einer von ihnen. Wir verneinen, dies seien deutsche Mopeds von 1980. Der Mann will die Marke wissen.

Simson, nein, davon habe er noch nichts gehört, sagt er. Ein anderer ist so begeistert, dass er - nicht ganz ernsthaft - einen Tausch vorschlägt: Sein Peugeot-Roller für eines der Mopeds. Wir kommen mit der freundlichen Gruppe immer tiefer ins Gespräch. Da unsere Französischkenntnisse nicht die besten sind, muss ich immer wieder mein kleines Wörterbuch zur Hilfe nehmen.

Wo wir herkommen, ob wir mit den Mopeds in Paris waren, welche Strecke wir nach Roye gefahren sind, was wir in unserem Urlaub noch vorhaben, fragt man uns.

Wir erklären, dass wir über Belgien und Laon nach Roye gefahren sind, am nächsten Tag möglicherweise weiter zur Küste fahren werden und nun gerade auf der Suche nach einem Hotel sind.

Der Peugeot-Rollerfahrer sagt, dass es ein Hotel am Ortsrand gibt. Er will es uns zeigen, wir sollen ihm hinterherfahren.

Während wir ihm folgen, rekapituliere ich noch einmal die vergangene halbe Stunde. Ich finde es erstaunlich, wie schnell wir vor Ort mit Einheimischen in Kontakt gekommen sind. Herzlich bedanken wir uns bei dem Mann, der uns das Hotel gezeigt hat und machen zum Abschied ein gemeinsames Foto.

Nachdem wir unsere Sachen aufs Zimmer gebracht haben, beschließen wir, den Tag mit dem Abendessen ausklingen zu lassen. Auf den Friedhof, wo sich das Grab meines Ururgroßvaters befindet, wollen wir ausgeruht am nächsten Vormittag gehen.

Besuch auf demSoldatenfriedhof

Sonntag, 21. Juli. Es ist der dritte Tag unserer Tour, zugleich der Tag, an dem wir einen wichtigen Teil unserer Reise angehen: Den Besuch des Soldatenfriedhofs, der etwa einen Kilometer außerorts liegt, von unserem Hotel aus nur wenige Minuten Fahrtzeit.

Früh machen wir uns auf den Weg. Während der kurzen Fahrt zum Friedhof schwirren mir verschiedenste Gedanken durch den Kopf. Ich denke darüber nach, wie grundlegend sich meine Erlebnisse in diesem Land von denen meines Ururgroßvaters unterscheiden. Meine Perspektive ist die eines Urlaubers, und so sind meine Eindrücke überwiegend positiv: Tolle Städte, aufgeschlossene Menschen, beeindruckende Landschaften.

Was aber mag mein Ururgroßvater empfunden haben, als er - nicht viel älter als ich - in dieses Land kam? Der hierhin geschickt wurde, um an einem Krieg teilzunehmen. Der sich einen Urlaub, so wie wir ihn verbringen, vermutlich überhaupt nicht vorstellen konnte. Der sich wohl auch viele andere Dinge, die unser heutiges Leben ausmachen, wie etwa Wohlstand und Freiheit, in dieser Weise nicht vorstellen konnte.

Ich werde nie erfahren, was er empfunden hat. Aber gerade dadurch, dass diese Frage unbeantwortet in meinem Kopf stehen bleibt, wird sie mich immer wieder beschäftigen. Und das wiederum führt dazu, dass sich nach fast 100 Jahren eine gefühlte Nähe zu einem Menschen ergibt, den weder ich, noch mein Vater, noch meine Großmutter kennenlernen konnten.

Wir erreichen den Friedhof, der an 6545 deutsche Soldaten erinnert, die zwischen 1914 und 1918 starben. Die Grabkreuze sind militärisch gerade, in immer gleichem Abstand zueinander gesetzt, und jeweils beidseitig mit Namen beschriftet. Zwei Namen auf jeder Seite. Mehrmals stoße ich auch auf die Inschrift „Ein unbekannter Deutscher Soldat“ oder auf unvollständige Namen von Soldaten, deren Erkennungsmarken wohl so stark beschädigt waren, dass ihre Identität sich nicht mehr ermitteln ließ.

Das Grab meines Ururgroßvaters haben wir schnell gefunden. Block 2, Grab 928. „Wehrmann Heinrich Schmidt gest. 2.9.1915“ ist auf dem steinernen Grabkreuz zu lesen.

Wir sind die einzigen Besucher auf dem Friedhof. Um uns herum ist es weitgehend still, ein paar Vögel zwitschern, von Weitem hört man den Straßenverkehr.

Nun stehen wir vor dem Grab unseres Vorfahren. So, wie wir es uns schon seit langem vorgenommen hatten. Das Gefühl dieses Moments ist schwer zu beschreiben.

Wir schauen uns auf dem Friedhof um, lesen auch zahlreiche andere Grabkreuzinschriften. Mir fällt auf, dass viele der Gefallenen im Sommer oder Herbst 1918 umgekommen sind, also in der letzten Phase des Krieges.

Zum Schluss hinterlässt mein Vater einen Eintrag in einem Buch, das für die Besucher des Friedhofs ausliegt.

Nachdenklich setzen wir unsere Fahrt Richtung Nordwesten fort. Unser Ziel ist die Kanalküste, wo bislang noch keiner von uns beiden war.

Wir fahren um die Mittagszeit durch Amiens und erreichen gegen 13 Uhr Abbeville. Nun ist es nicht mehr weit bis zum Wasser, doch der letzte Abschnitt bis zur Küste zieht sich - gefühlt - noch einmal ganz besonders in die Länge. Hinter jedem Hügel vermute ich das Meer, doch was wir dann sehen, sind immer wieder weite Kornfelder.

Vorboten des Meeres sind der stärker werdende Wind und die zunehmende Dichte an Windmühlen.

Irgendwann mache ich in der Entfernung einen Bereich aus, in dem eine grüne Graslandschaft in Blau übergeht. Ist dies die Küste? Ja, es ist die Küste.

Wir fahren in die kleine Gemeinde Le Crotoy und stellen schnell fest, dass der Ort aus allen Nähten platzt. Verkehrsinfarkt in der Ortsmitte, Wohnmobile, Menschenmassen.

Le Crotoy istvöllig überlaufen

Le Crotoy scheint wohl eine Touristenhochburg zu sein, zumindest zu dieser Jahreszeit.

Wir fahren zum Strand, stellen unsere Mopeds ab und betrachten das strahlend blaue Wasser. Der Geschmack der salzigen Meeresluft weckt in mir Erinnerungen an frühere Urlaube. Unzählige Touristen bevölkern den weißen Sandstrand, sonnen sich dicht an dicht.

Für unseren Geschmack ist Le Crotoy zu überlaufen. Nach einer kleinen Erfrischung in einem Lokal verlassen wir diesen Ort und damit den von unserem Zuhause am weitesten entfernten Punkt dieser Reise. Wir fahren wieder landeinwärts und begeben uns so - zumindest der groben Richtung nach - auf den Rückweg.

Unsere Endstation ist an diesem Tag Cambrai, wo wir am Abend ein Hotel finden. Zum ersten Mal esse ich dort Salat mit einer Kugel Meloneneis. Eine gewagte Kombination, denke ich im ersten Moment - doch es schmeckt tatsächlich!

von Björn-Uwe Klein

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