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Fatih Çevikkollu will Leute sensibilisieren

Kabarett Fatih Çevikkollu will Leute sensibilisieren

Diesmal keine Band, ­sondern Kabarett: Auf Einladung des Verdi-Fachbereiches Postdienste, Spedition und Logistik ­besuchte Fatih Çevikkollu das Hinterland.

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Am Abend des ersten Kongress-Tages unterhielt Kabarettist Fatih Çevikkollu die Delegierten im Verdi-Zentrum in Gladenbach.
Foto: Benedikt Bernshausen

Quelle: Benedikt Bernshausen

Gladenbach. Ein Mann, ein Wort. Mehr nicht: Kein aufwendiges Bühnenbild, keine Lichteffekte oder besondere Accessoires - abgesehen von außergewöhnlichen Birkenstock-Sandalen und einem knallroten Anzug.

„Wir Türken lieben es dezent“, verrät Fatih Çevikkollu und zeigt dem applaudierenden Publikum zur Begrüßung fröhlich-grinsend die Zähne. Er beginnt sein Programm, wie er selbst sagt, mit dem Offensichtlichen: seinen türkischen Wurzeln. Doch Fatih „Cevidingsda“ ist durch und durch Kölner, im katholischen Krankenhaus geboren, katholischer Kindergarten und katholische Grundschule.

Doch auf der Bühne spielt der mit dem schwierigen Nachnamen - „es heißt Tschevikkollu“ - gern mit dem Image des „lustigen Türken“. Und die ersten Späße macht der Kabarettist auf Kosten seiner Zuschauer.

Sein Publikum sei nämlich in der Regel nicht deutsch-türkisch oder deutsch-russisch, sondern deutsch-deutsch. Wenn er aber vor Kanaken spiele, dann gehe regelmäßig die Stimmung durch die Decke, weil die Leute sich mit dem Kerl auf der Bühne identifizierten, gleich machten. „Für die bist du ein Bruder“, erzählt Fatih. Doch zu einem deutsch-deutschen Publikum sei die Distanz größer, denn im Grunde betrachteten Teile der Mehrheitsgesellschaft auf der Bühne bloß einen von der Minderheit. Und die meisten dächten nach den ersten Sätzen sicher, dass der Türke da vorn aber gut deutsch spreche.

Für einen kurzen Moment lacht das Publikum in Gladenbach. Doch dann unterdrücken einige den Reflex. Ertappt! Fatih schmunzelt und sagt: „Leute, politisch-korrektes Lachen ist sehr ungesund. Lasst es raus!“ Ein guter Rat. Noch einige Male nimmt er die Deutschen und die in Teilen noch vorherrschende Kolonialherrenkultur, die anderen das Gefühl gebe, nur Menschen zweiter Klasse zu sein, aufs Korn. Fatih feixt: „Irgendwann wird die Mehrheit kippen und dann werden wir zu euch sein, wie ihr zu uns: liebevoll, aufmerksam, herzlich!“

Der 42-Jährige hangelt sich rasant von einem Feld zum nächsten, spricht in diesem Augenblick noch von der zunehmend gesellschaftsfähigen Rücksichtslosigkeit der Leute und liest schon im Folgenden „dem guten Europa“, an dessen Grenzen Menschen sterben, die Leviten.

„Ich sehe zwar aus wie Ali, spreche aber wie Hans.“

Er spricht über die Inhaltsleere der deutschen Politik, die familienfreundliche Bundeswehr und über Politiker, die nach ihrem Ausscheiden aus dem Beruf rasch eine neue Verwendung in der Wirtschaft fänden, wie Pofalla, Niebel und „Gazherd“ Schröder.

Doch als er beginnt über die „straff organisierten Nazis in Dresden“ und das vermeintliche Feindbild Islam zu sprechen, wechselt Fatih Çevikkollu spürbar von der leichten Unterhaltung zu den schweren, sperrigen Themen. Er vergleicht Aussagen, stellt Thesen auf, etwa: „Assis. Moslems. Wenn du den Unterschied zwischen beiden Gruppen kennst, dann bist du ein Teil der Lösung. Kennst du ihn nicht, bist du Teil des Problems!“

Grundsätzlich seien Debatten über Religion häufiger und schärfer geworden - und seltsamer: Zu Beginn der Diskussion über Beschneidungen galten die Moslems als Barbaren. Als dann auffiel, dass auch jüdische Jungen beschnitten würden, entwickelte das Land Verständnis und wollte rasch eine gesetzliche Regelung finden. Toll. „Die Vorhaut ist sozusagen die fleischgewordene Schnittmenge zwischen Juden und Moslems“, erkennt Fatih Çevikkollu. Übrigens: Über den „Bosporussen“ Erdogan und die Türkei könne er nicht viel sagen. Als Deutscher verstehe er das System und die Situation in dem Land meist nicht. Das ist augenscheinlich nicht seine Welt. „Ich sehe zwar aus wie Ali, aber ich spreche wie Hans“, erklärt Fatih Çevikkollu, der schon zu Beginn seines Programms betont hatte: „Alles, was ich erzähle, erzähle ich als Kölner!“

Als schließlich ein Türke aus dem Publikum unbedingt noch wissen möchte, wo Fatih eigentlich herkomme, lacht selbst der Kabarettist lautstark los. „Die ganze Zeit sage ich, dass ich Kölner bin. Und dann diese Frage!“ Kurz wechselt er mit dem „Landsmann“ einige türkische Sätze, erklärt danach auch den Deutschen, dass seine Eltern einst aus Adana nach Deutschland gekommen sind. Dann endet der Auftritt.

Fatih legt den knalligen Anzug ab, mischt sich mit einem Bier in der Hand unter die Leute. Einige wollen ein gemeinsames Foto, andere suchen das Gespräch. Sie loben den Künstler, erzählen auch von der Unsicherheit, ob es wirklich gut und richtig gewesen ist, über bestimmte Pointen zu lachen.

Egal. Die Leute reden über das zuvor Gehörte, machen sich Gedanken. Damit hat Fatih Çevikkollu sein Ziel erreicht. Als Kabarettist wolle er das Publikum für bestimmte Themen sensibilisieren, ein Bewusstsein schaffen und natürlich übertrete er dafür auch Grenzen. Das sei jedoch in Ordnung, solange dabei „gute Gedanken“ verhandelt würden. Apropos verhandeln: Fatih Çevikkollu ist kein Mann für große Hallen. Er steht lieber in überschaubaren Sälen auf der Bühne, liebt die Interaktion mit dem Publikum. Gekonnt und kreativ reagiert der scharfsinnige Kölner auch in Gladenbach auf tatsächlich jeden Zwischenruf seiner „Pappnasen“ im Saal.

Dass er für viele seiner Zuschauer zunächst oft nur Murat, der türkische Mitarbeiter aus dem berühmten Fernseh-Kiosk von Atze Schröder ist, stört ihn nicht. Im Gegenteil: Es sei gut, erkannt zu werden. Kämen die Leute dann, würden sie schnell merken, dass sein Bühnenprogramm nichts mit „Alles Atze“ zu tun habe. Fatih Çevikkollu lächelt zufrieden: „Und wir entscheiden dann einfach im Laufe eines Abends, ob wir Freunde werden - oder eher nicht!“

von Benedikt Bernshausen

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