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Fast 7 Jahre Haft für 1000-fachen Internetbetrug

Landgericht Fast 7 Jahre Haft für 1000-fachen Internetbetrug

Unter einem Sammelverfahren wegen tausendfachen Betrugs über die Internetplattform E-Bay zog das Marburger Landgericht einen Schlussstrich, indem es einen 29-Jährigen zu einer Haftstrafe verurteilte.

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Auch nach dem Ende der Verhandlung musste der 29-Jährige den Gerichtssaal wieder in Handschellen verlassen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. 6 Jahre und 11 Monaten Haft für Betrug in 857 Fällen und gewerbsmäßigen Bandenbetrug in 215 Fällen. So lautete am Freitag das vom Vorsitzenden Richter der Wirtschaftsstrafkammer am Landgericht Marburg, Dr. Carsten Paul, verkündete Urteil gegen einen 29-jährigen Mann aus dem Landkreis.

Die Kammer blieb damit unter dem vom Staatsanwalt geforderten Strafmaß: 7 Jahre und 5 Monate, wobei die erschwerten Haftbedingungen in Paraguay im Verhältnis 1:2 angerechnet werden sollten.

Oliver Rust begründete seinen Antrag mit der Vielzahl der Taten, wodurch der Angeklagte sieben Jahre lang seinen Lebensunterhalt bestritt, also keine Gelegenheitsbetrügereien beging, sondern täglich bis zu 14 Stunden am Tag damit beschäftigt war.

Zudem gab es bei jedem Betrug drei Opfer - den Käufer der nicht existierenden Waren, den „Verkaufsagenten“ und den „Finanzagenten“, was eines „extrem hohen Maßes“ an krimineller Energie bedürfe. Dies habe nicht nur zu einem großen Schaden für die angeheuerten Agenten geführt, Rust geht davon aus, dass die ergaunerte Summe jene sei, die der Angeklagte in einer E-Mail als Reingewinn genannt haben soll: 630000 Euro. Außerdem habe der Angeklagte bewusst Paraguay als Fluchtland ausgewählt, weil dieses südamerikanische Land nur schwerlich ausliefere.

Geständnis wird positiv gewertet

Positiv zu bewerten sei einzig das Geständnis, das hunderte Verhandlungstage überflüssig gemacht habe. Für dieses war schon am ersten Prozesstag eine Verständigung zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung erfolgt, in deren Folge Richter Dr. Paul den Strafrahmen auf 6,5 bis 7,5 Jahre festlegte.

Für eine Strafe von 6 Jahren und 8 Monaten sowie die Anrechnung der Haftzeit in Paraguay im Verhältnis von 1:3 plädierte Verteidiger Thomas Strecker. Zwar habe sein Mandant die Sache sehr geschickt angestellt und sei auch deshalb so erfolgreich gewesen, für ihn spreche aber das Geständnis und dass die Schadensumme „nur 300000 Euro“ betrage, da werde im Wirtschaftsstrafrecht über ganz andere Summen geredet. Und für die Käufer sei es zwar „ärgerlich aber nicht existenzgefährdend“, wenn die bezahlte Ware nicht komme.

Dr. Paul begründete das Urteil der Wirtschaftsstrafkammer mit der schieren Menge der Fälle, die eines gleichbleibenden Vorgehens bedurften. Dennoch habe die Forderung des Staatsanwalt eine zu große Diskrepanz dargestellt.

Mit der Anrechnung der Haftzeit im Gefängnis Tacumbú im Verhältnis 1:2,5 orientierte sich das Gericht an der Spanne von 2- bis 3-Fach aus bisherigen Verfahren, erkannte die erschwerten Haftbedingungen an, die sich der Angeklagte jedoch durch Bestechung und Einkäufe erleichterte.

Somit hat der Angeklagte unter Anrechnung der erschwerten Haft in Paraguay und der Untersuchungshaft noch rund 2 Jahre Gefängnis vor sich. Sowohl Strecker als auch Rust ließen offen, ob sie innerhalb einer Woche in die nächste Instanz gehen wollen.

Geschädigte Agenten leben auch im Landkreis

Während der viertägigen Verhandlung ergab sich folgendes Bild: Der 29-Jährige baute nach seiner Flucht im Jahr 2004 nach Paraguay - die der Angeklagte in seinem Schlusswort als Kurzschlussreaktion bezeichnete - von dem südamerikanischen Land aus den schon zuvor im Landkreis mit seiner damaligen Ehefrau betriebenen Internetbetrug aus und verfeinerte die Methode.

In insgesamt 1072 zugeordneten Fällen hat der ehemals in Bad Endbach wohnende gelernte Tischler mit seiner Frau und später auch allein Waren für jeweils 100 bis 1.000 Euro über das Internetkaufhaus E-Bay verkauft, ohne diese Waren jemals besessen zu haben. Angenommener Schaden: rund 300.000 Euro.

Für den betrügerischen Handel bediente er sich insgesamt 91 sogenannter „Verkaufsagenten“, darunter auch welche aus Marburg, Angelburg und Grünberg, die er über Scheinfirmen anheuerte und mit Arbeitsverträgen versah, damit sie ihre E-Bay-Konten zur Verfügung stellten. Das eingenommene Geld ließ er über die Privatkonten von ebenfalls angeworbenen arglosen 54 „Finanzagenten“, zum Beispiel aus Marburg, Weimar und Gießen, nach Paraguay transferieren, wo es Strohmänner oder er selbst unter falschem Namen an einer Western-Union-Geschäftsstelle abholten. Nach einer dieser Abhebungen wurde er 2012 verhaftet und in Tacumbú inhaftiert.

Dort wartete er fast zwei Jahre auf seine Auslieferung, wehrte sich nach Ansicht des Staatsanwalt auch dagegen solange ein Verfahren in Paraguay gegen ihn lief, bis sie schließlich Anfang April erfolgte. Seitdem verbrachte er seine Zeit in Gießen in Untersuchungshaft, wo er auch nach der Verhandlung wieder ist. Seine ehemalige Ehefrau hatte sich schon im Jahr 2011 gestellt und verbüßt ihre dreijährige Haftstrafe in Frankfurt im offenen Vollzug.

von Gianfranco Fain

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