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Fan nimmt Cousine mit in "seine Welt"

Bilanz Fan nimmt Cousine mit in "seine Welt"

Die Konzerte sind vorüber und bei Martina Gerlach und ihrer Familie kehrt der Alltag wieder ein. An der Seite ihres Cousins Alan Crook blickt sie noch einmal zurück - bis zu den Anfängen einer wundervollen Geschichte.

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Martina Gerlach und ihr Cousin Alan Crook, der den Quo-Song „Anyway you like it“ für das 29. Studioalbum der Rocker geschrieben hatte. Foto: Benedikt Bernshausen

Quelle: Benedikt Bernshausen

Dautphe. dienstagmittag, das Konzertwochenende ist vorüber und auch die letzten niederländischen und belgischen Mitglieder der Quo-Family sind auf dem Weg nach Hause. Noch sitzen Martina Gerlach und ihr Cousin Alan Crook am Frühstückstisch, schlürfen schwarzen Kaffee und durchblättern die Lokalzeitungen mit den Berichten über das Rock-Festival, sogar eine Ausgabe der britischen „Brandon Times“ ist darunter. Dann hebt Crook den Blick, lächelt und sagt nur kurz: „Geil war es!“

Obwohl das Konzert mit den englischen Kultrockern von Status Quo eine Woche vor dem Auftritt abgesagt wurde, feierten am Samstag und Sonntag insgesamt rund 300 Rockfans auf dem Dautpher Rathausplatz (die OP berichtete). Kurzfristig hatte Martina Gerlach zwei Ersatzkonzerte mit den Biedenkopfer „Meadowbrooks“ und der „Belgian Quo Band“ organisiert, als die bei ihr für einen Moment aufflammende Lustlosigkeit nach der Absage neuem Tatendrang gewichen war, denn: „Viele aus der Quo-Family hatten gesagt, sie kämen trotzdem nach Dautphe, und denen wollte ich etwas bieten“, betont die gebürtige Rheinländerin.

Ständig habe sie in den folgenden Tagen mit ihrem Cousin in Kontakt gestanden, Stück für Stück reifte dabei das Konzept. Neben den Bands hatten auch einzelne Musiker populärer Quo-Coverbands ihre Teilnahme zugesagt: Jo Stals, Red Rheino und eben Alan Crook. Und überhaupt sei in jenen Tagen von allen Seiten eine „Welle der Hilfsbereitschaft“ über ihr hereingebrochen, berichtet die Gastronomin. Angefangen von der Spedition Burk, die ihr mehrere Dutzend Paletten für die Bühnenkonstruktion zur Verfügung stellte, über die vielen Besucher, die mit Spenden den finanziellen Aufwand abfederten bis zu ihrer Mitarbeiterin Diana Herget, die nachts spontan noch niederländische Fans in ihrer Wohnung einquartierte.

Rock-Fan besucht 1977 erstes Quo-Konzert

Bei der Initiatorin erreichte die Nervosität kurz vor Beginn des ersten Konzerts ihren Höhepunkt. Doch als der Rathausplatz schließlich voller Menschen stand, die Küche im „Chilis“ alsbald vor der großen Nachfrage kapitulierte und die Band erste Akkorde spielte, fiel die Anspannung von Martina Gerlach ab und nahm das „Dautphe Open Air“ Fahrt auf. Alan Crook erzählt, er habe seiner Cousine gesagt, es würde auch ohne die Originale gut werden - er sollte Recht behalten.

In Alan Crooks Leben spielt die britische Band eine herausragende Rolle und das nicht erst, seit ein von ihm geschriebener Song den Weg auf das vorletzte Quo-Album fand.

In London besuchte der Rock-Fan, der in Wuppertal geboren wurde und in Brandon in Ostengland aufwuchs, im Jahr 1977 sein erstes Konzert. Seither hat er mehr als 450 Quo-Auftritte miterlebt und gar eine eigene Tribute-Band: Quo no!

Sichtlich amüsiert erzählt er die Geschichte seiner Versuche, Kontakt zur Band zu knüpfen. Immer erschien er viel zu früh bei deren Konzerten und habe dann oft eine Handvoll eigener Visitenkarten auf die Bühne geschmissen. „Es müssen Tausende gewesen sein“, sagt er und lacht. Irgendwann reagierten die Musiker dann aber tatsächlich auf die verrückte Aktion ihres Fans: Während eines Konzertes fragten die Rocker, wo Alan sei und warfen ihm einen ganzen Haufen seiner Karten zurück. Danach tauschten sie Telefonnummern aus, der Rest ist Geschichte.

Dautpherin wird schnell zum glühenden Fan

Diese gemeinsame von Alan Crook und Martina Gerlach beginnt Mitte der 1970er-Jahre, als der 14-jährige Brite samt seiner beiden Geschwister auf Initiative von „Tante Kathi“ aus Wuppertal den Sommer in Deutschland verbringt, weil die Eltern in England das Haus umbauen.

Martina Gerlach, die damals 16 Jahre alt war, erinnert sich gern an diesen besonderen Sommer mit den Verwandten von der Insel. Bald danach riss der Kontakt wieder ab, bis eine gemeinsame Verwandte Alan Crook 2011 bei Facebook wiederentdeckte - nach 36 Jahren. Vor zwei Jahren trafen sich Crook und Gerlach in Raalte in Holland wieder, wo er ein Konzert seiner Idole besuchte - für Gerlach war es das erste von Status Quo. Doch sie wurde rasch zum glühenden Fan, als Crook mit ihr hinter die Bühne ging und ihr die Rocklegenden vorstellte. Zu seiner tief beeindruckten Cousine hatte er nur gesagt: „Welcome to my world!“ Und mit ebendiesem Satz begrüßte diesmal Gerlach ihren Cousin in ihrem Restaurant in Dautphe, in und vor dem die Quo-Family ein turbulentes Wochenende verbrachte.

Bleiben werden einmalige Erinnerungen: An die langen und allabendlichen After-Show-Parties im „Chilis“, die nie vor Sonnenaufgang endeten. An das besondere Abendessen, bei dem Crook und Gerlach genüsslich die von Status Quo persönlich vorbestellten Steaks mit Rotkohl verspeisten. Und an den Wortwitz, den die Family wegen des spaßigen Abenteuers ohne die Originale immer wieder machte: „Status who?“ Crook grinst: „Vielleicht machen wir damit ein Shirt für nächstes Jahr!“ Denn dann, erneut am zweiten Augustwochenende, wollen sie wieder kommen, zum Dautphe Open Air 2015. Die „Meadowbrooks“ und die „Belgian Quo Band“ habe ihre Teilnahme bereits zugesagt, andere Quo-Bands sollen noch gefragt werden, verrät Gerlach. Um ein Konzert mit den Originalen im Hinterland werde sie sich nicht wieder bemühen, viel zu groß sei der Aufwand. Als die letzte Tasse Kaffee ausgetrunken ist, packen Gerlach und Crook ihre Taschen ins Auto. Bevor der Engländer zurück in die Heimat fliegt, wollen beide für ein paar Tage die gemeinsame Tante Kathi besuchen. In Wuppertal - dort, wo einst alles begann.

von Benedikt Bernshausen

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