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Familie kämpft gegen Vorurteile

"Sesamstraßen-Familie" Familie kämpft gegen Vorurteile

Nach der Geburt ihres sechsten Kindes Leroy-Grobi schwappte eine Welle negativer Kritik über Familie Becker hinweg. Dabei sagen sie selbst: „Wir sind doch eine ganz normale Familie“.

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Weil Leroy Grobi nach einer Figur der Sesamstraße benannt ist, brach im Internet ein Sturm der Entrüstung los.

Quelle: Nadine Weigel

Dernbach. Marlon Bibo ist ein Wirbelwind. Der Dreijährige mit den blonden Locken und den blauen Augen saust durch die gemütliche Küche von Familie Becker. Am Kinderbettchen, das vor dem Holzofen steht, hält er inne und legt vorsichtig seinem darin schlummernden Bruder ein Plüschtier hinein. Es ist Grobi - das blaue Kuscheltier aus der Sesamstraße. „Der heißt wie mein Bruder“, verkündet Marlon Bibo strahlend.

 

Drei Monate ist Leroy Grobi nun alt. Für die Eltern Britta und Urs Becker war die Geburt des Babys nicht anders als bei den fünf Kindern zuvor - und trotzdem ist jetzt doch alles anders: Denn die Geburtsanzeige von Leroy Grobi sorgte im Internet für einen wahren Tsunami. In der anonymen Welt des Worldwideweb kommentierten hunderte Menschen die Namensgebung des Beckerschen Nachwuchses mit Hohn und Spott. „Oh Gott! Schrecklich! Grausam! Wie kann man seinen Kindern das nur antun?“ Solche und noch drastischere Äußerungen - wie zum Beispiel die Mutmaßung, dass die Kinder wohl betrunken gezeugt worden seien, haben Britta und Urs Becker tief verletzt. „Wie können Menschen, die uns gar nicht kennen, solche Gemeinheiten von sich geben“, fragt sich die 41-Jährige und streicht ihrem jüngsten Spross liebevoll über das Köpfchen.

Das erste Kind nach neun Jahren Beziehung

Seit 22 Jahren sind die gelernte Bäckerin und der Dachdecker ein Paar. Nach neun Jahren Beziehung war Britta Becker zum ersten Mal schwanger. „Wir haben uns so darüber gefreut, dass wir unserem Kind einen ganz besonderen Namen geben wollten“, erklärt der 41-Jährige aus Dernbach. Also sind Beckers im Geiste alle Comicfiguren und Serien aus der Kindheit durchgegangen - und bei Ernie aus der Sesamstraße hängen geblieben. „Meine Frau hat erst gesagt, dass ich spinne, aber als es so weit war, fand sie es doch ganz gut“, lacht Urs Becker.

Der Sesamstraßenlinie sind sie dann treu geblieben. Auf Ernie Niko folgten Merlin Bert, LeeAnn Finchen, Elmo Marvin, Marlon Bibo und nun Leroy Grobi. „Um den Kindern die Möglichkeit zu geben, sich einen Rufnamen auszusuchen, hat jeder noch einen Zweitnamen“, sagt die sechsfache Mutter.

Beckers können das plötzliche Interesse an ihnen nicht verstehen. Denn eigentlich haben sie vorher noch nie negative Reaktionen auf die ungewöhnliche Namensgebung ihrer Kinder bekommen. „Die Leute haben manchmal geschmunzelt, aber das war‘s dann auch schon“, so Urs Becker. Die Kinder finden ihre Namen ganz und gar nicht ungewöhnlich. „Für mich ist mein Name ganz normal“, betont Merlin Bert lächelnd. Der Elfjährige hat wie seine Geschwister weder in der Schule noch früher im Kindergarten schlechte Erfahrungen aufgrund seines Namens gemacht.

Abschätzige Blicke und beleidigende Kommentare

„Wir sind eine ganz normale Familie“, betont Urs Becker. Doch so ganz stimmt das nicht. Denn heutzutage entspricht es nicht der Norm, sechs Kinder auf die Welt zu bringen. Laut Statistischem Bundesamt bekommt eine Frau in Deutschland im Schnitt 1,4 Kinder. „Wer mehr Kinder hat, gilt doch heutzutage automatisch als asozial“, weiß Urs Becker und spricht dabei aus Erfahrung. Des Öfteren hat er abschätzige Blicke und beleidigende Kommentare hinnehmen müssen, wenn er von seiner reichen Kinderschar erzählte. Das schlimmste Erlebnis hatte er bei einem Besuch in der Bank seines Vertrauens. „Ich wollte mich nach einem Kredit erkundigen, um ein größeres Haus zu kaufen“, erinnert er sich. „Mir wurde geraten, doch drei Kinder zur Adoption freizugeben, dann könnte ich mir auch ein größeres Haus leisten“, sagt er und schüttelt den Kopf. Er ist immer noch fassungslos, wenn er an den Kommentar des Bankangestellten zurückdenkt. „Ich rauche nicht, ich trinke nicht, habe einen anständigen Beruf und achte auf die Schulbildung meiner Kinder“, sagt Urs Becker und erzählt stolz, dass der Älteste aufs Gymnasium geht.

Anonymer Absender schickt Paket

Deshalb schmerzen ihn die Beleidigungen im Internetgenauso wie die Tatsache, dass Fernsehsender anrufen und auch die Bildzeitung frühmorgens vor der Tür stand. „Aber die haben wir nicht reingelassen, die hätten uns doch gar nicht so dargestellt wie wir sind“, betont Urs. „Alle glauben, dass unser Haus von Sesamstraßenartikeln überquillt, aber das ist doch Quatsch“, sagt Becker und schaut sich in dem von ihm selbst renovierten Fachwerkhaus um, in dem es bis auf die Kuscheltiere der Kinder nichts von der Sesamstraße gibt.

Bei all der negativen Kritik, gibt es allerdings auch Lichtblicke: An Ostern erreichte die Familie ein Paket mit anonymem Absender. Darin lag Kuscheltier Finchen - die süße Schnecke aus der Sesamstraße. Der unbekannte Osterhase hatte erfahren, dass die neunjährige LeeAnn Finchen als Einzige kein passendes Pendant zu ihrem Namen hatte - und wollte dem Mädchen eine Freude bereiten. In der beiligenden Karte kritisierte der anonyme Glücksbote die Schmähungen, die im Internet auf die Familie eingeprasselt waren, mit einem indianischen Zitat: „Urteile nie über einen Menschen, bevor du nicht sieben Meilen in seinen Mokassins gegangen bist“.

von Nadine Weigel

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