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Ex-Pächter: „Tanzgala war ein Fiasko“

Ärger um „Haus des Gastes“ Ex-Pächter: „Tanzgala war ein Fiasko“

Eine Gerichtsverhandlung rückte die Gastronomie im „Haus des Gastes“ ins Rampenlicht. Der angeklagte ehemalige Pächter wurde des Betrugsvorwurfs freigesprochen.

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Um die traditionelle Tanzgala im Gladenbacher „Haus des Gastes“ ging es in einem Betrugsprozess vor dem Biedenkopfer Amtsgericht auch. Vor allem war die Verhandlung aber ein Schlaglicht auf die Gastronomie. Der angeklagte ehemalige Pächter wurde aber freigesprochen.

Quelle: Hartmut Berge

Gladenbach. „Wir haben heute gelernt, dass die Vermietung und Verpachtung von Restaurants in Bürgerhäusern ein schwieriges Geschäft ist“, erklärte Mirko Schulte, Vorsitzender Richter am Amtsgericht, am Ende einer Verhandlung am Donnerstag voriger Woche.

Dass dem wirklich so ist, beweist ein Blick auf die jüngste Geschichte der Gastronomie im Gladenbacher „Haus des Gastes“. Nachdem ein Pächter-Ehepaar nach 17 Jahren in den Ruhestand ging, wechselten sich vier Pächter annähernd im Jahresrhythmus ab. Zuletzt war das Restaurant rund ein Jahr unverpachtet, bevor ein neuer Betreiber gefunden wurde.

Die Verbindungen mit den vormaligen Pächtern endeten oftmals im Unfrieden, in mindestens zwei Fällen auch im Rechtsstreit. Knackpunkte waren unter anderem Probleme mit der Stromversorgung, der Zustand der Küche oder auch die ­Belegung von Räumen durch den städtischen Eigenbetrieb – früher die Kur- und Freizeitgesellschaft Gladenbach (KFG), heute die Stadtmarketing-Energie-Bäder Gladenbach GmbH (SEB) –, mit denen die Pächter nicht ­einverstanden waren und sich in ihrer unternehmerischen Freiheit eingeschränkt fühlten.

Bürgermeister: Haben Bedingungen angepasst

Reibungspunkte, die offenbar ausgeräumt sind. „Der Aufsichtsrat hat reagiert, wenn was nicht lief“, sagt Bürgermeister Peter Kremer. Man habe die Bedingungen an die veränderten Verhältnisse angepasst, die Nutzung sei heute halt nicht mehr so wie früher. So seien zum Beispiel die Miete und die Voraussetzungen für die Nutzung der Räume in den vergangenen Jahren aktualisiert worden.

Auch die Küche erfuhr eine Modernisierung, fügt Günter Euler an. Der Geschäftsführer der SEB war es auch, der den vormaligen Pächter wegen ausstehender Zahlungen anzeigte und in der vergangenen Woche als Zeuge vor Gericht aussagte.

Wegen Untreue und Betrugs stand der ehemalige Pächter des Restaurants im „Haus des Gastes“ in Biedenkopf vor Gericht. Dies, weil der gelernte Koch Anfang 2013 mit großen Hoffnungen startete, sein Restaurant nach ordentlichem Beginn aber schon bald immer weniger Gäste aufsuchten. Als Folge geriet er mit der Pacht in Rückstand, sagte er vor Gericht.

„Zum Oktober hin wollte ich aufhören“, berichtete der Koch. Doch der Geschäftsführer der damaligen KFG, Günter Euler, und der damalige Bürgermeister Klaus-Dieter Knierim hätten ihn gebeten, noch ein wenig weiterzumachen. Denn im November standen zwei Veranstaltungen an, von denen sich die Stadt hohe Gewinne erhoffte: die Mitgliederversammlung eines Geldinstituts sowie die alljährliche Tanzgala.

Veranstaltungen brachten weniger ein als erwartet

Beide Seiten setzten einen sogenannten Abtretungsvertrag auf: Mindestens 2500 Euro aus den Einnahmen der jeweiligen Veranstaltung sollte der Verpächter erhalten. Doch das Geld blieb aus. In der Anklage hieß es, der Koch habe sich einen rechtswidrigen Vorteil verschafft und sei seiner Verpflichtung nicht nachgekommen.

„Wir wollten ja, dass der Laden läuft“, erklärte Euler als Zeuge. „Wir haben monatelang keine Zahlungen erhalten. Um unsere Forderungen nach den ­Miet­rückständen zumindest teilweise geltend zu machen, haben wir diesen Abtretungsvertrag über die beiden für gewöhnlich sehr gut laufenden Veranstaltungen geschlossen“, so Euler.

Vor allem die Tanzgala sei dann aber ein „riesiges Fiasko“ gewesen, sagte der Angeklagte vor Gericht. Bis zu 8000 Euro würden dabei rumkommen, habe man ihm gesagt. „Die Tische waren aber so eng gestellt, dass das Servicepersonal nicht durchgekommen ist“, erzählte er. Eine Kellnerin bestätigte dies. Insgesamt sei er nur „rund 20 Prozent“ seiner Speisen losgeworden, berichtete der Angeklagte weiter. Und auch getrunken worden sei bei weitem nicht so viel wie erwartet. Fazit: Er blieb auf hohen Kosten sitzen.

Angeklagter Gastronom wird freigesprochen

„Es hat sich noch nie jemand über den Umsatz bei der Tanzgala beschwert“, erklärt Euler der OP. Die Veranstaltung sei mit rund 400 Gästen seit Jahren mit gutem Klientel ausverkauft und die Bestuhlung sei an Vorgaben für die Tanzfläche gebunden.

Dennoch ging die Sache vor Gericht für die Stadt nicht auf.„Die Beweise haben uns keinen Anhaltspunkt geliefert, dass der Angeklagte vorsätzlich nicht gezahlt hat“, erklärte der Staatsanwalt. „Es gibt keine Anhaltspunkte für einen Betrug.“ Beide Seiten seien mit „zu guten Hoffnungen“ an die Sache herangegangen.

Auch der Vorsitzende Richter Mirko Schulte erkannte keine Hinweise auf eine Straftat. Der Angeklagte wurde freigesprochen. Eventuell noch offene Forderungen zwischen ihm und der Kur- und Freizeitgesellschaft müssen zivilrechtlich geklärt werden.

Die Gastronomie sei halt ein schwieriges Geschäft, jeder Pächter trage ein gewisses Risiko und könne sich leicht verschätzen, meint Euler. Beim derzeitigen Pächter, fügt Kremer an, „brummt es“. Abends erhalte einen Platz und Essen nur, wer sich einen Tisch reserviert habe.

von Gianfranco Fain  und Christian Röder

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