Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 16 ° Regen

Navigation:
Ex-Hotel wird Flüchtlingsunterkunft

Ehemaliges Hotel „Zimmermann“ Ex-Hotel wird Flüchtlingsunterkunft

Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow ist auf Werbetour für Flüchtlingshilfe im Landkreis. Am Mittwochabend ­stellten er und seine ­Mitarbeiter im Haus des Gastes das Konzept vor.

Voriger Artikel
Gefängnisstrafe für Missbrauch reduziert
Nächster Artikel
Innenstadt wird zum Nadelöhr

Das ehemalige Hotel „Zimmermann“ in der Gladenbacher Bahnhofstraße wird umgebaut zu einer Gemeinschaftsunterkunft 
für 80 Flüchtlinge. Pro Person steht eine Wohnfläche von neun Quadratmetern zu Verfügung.

Quelle: Jennifer Seitz, Linda Basak

Gladenbach. Eine Stunde dauert der Vortrag mit Zahlen über den Flüchtlingsstrom, danach ist eine Stunde Zeit, Fragen zu stellen. Die Antworten sind ausschweifend, schließlich sollen die Bürger motiviert werden, sich ehrenamtlich für die gute Sache zu engagieren.

Es ist von Töpferkursen, Stadtführungen, Einzelunterricht für Lernschwache die Rede; vom besseren Kennenlernen und von der Arbeit etablierter Initiativen zur Flüchtlingshilfe. Der „Arbeitskreis für Menschenrechte und Menschenwürde“ in Lohra sowie das „Helfernetz“ aus Neustadt sind Paradebeispiele, die vermitteln: Integration geht ­alle an.

Betreiber erhalten pro Tag 9,50 Euro für Flüchtlinge

Und auf Gladenbach kommt einiges zu: Zum 1. Mai soll in der Bahnhofstraße das ehemalige Hotel „Zimmermann“ als Gemeinschaftsunterkunft genutzt werden. 80 Plätze für 80 Flüchtlinge. Das marode Ex-Hotel, das jahrelang leer stand, wird umgebaut. Das Bauprojekt wird angepriesen als „schöne Unterkunft mit Gemeinschaftsräumen“.

In Gladenbachs Innenstadt sollen weitere 14 Flüchtlinge untergebracht werden. Mit dem möglichen Betreiber steht der Landkreis in Verhandlung. 9,50 Euro erhält er maximal pro Tag und pro Person als Entschädigung. Fast 4000 Euro würde er verdienen.

Die Flüchtlinge sollen eine Atmosphäre der „freundlichen Normalität“ vorfinden. Deshalb bleibt auch in der Fragestunde wenig Raum für Kritik. Als Peter Donatus, der vor 26 Jahren aus Nigeria flüchtete, die „chaotischen Zustände“ in der Kreuzstraße anspricht wird deutlich: Die Unterkünfte sind keine Fünf-Sterne-Hotels. Menschenwürdig soll die Unterbringung sein und nicht gesundheitsgefährdend.

Neun Quadratmeter Wohnraum stehen einem Asylbewerber zu. Das entspricht drei Mal drei Meter – eine Pferdebox mit diesen Maßen ist heute unzulässig. Und dabei wurde schon nachgebessert. In den 1990er-Jahren standen den Flüchtlingen nur sechs Quadratmeter zur Verfügung.

Erst wenn sich der Status eines Flüchtlings ändert, kann er umziehen. Die Flüchtlinge der Kreuzstraße warten zum Teil ein Jahr und länger, bis ihr Antrag bearbeitet ist. Dass die Bürokratie den Statuslosen viel Geduld abverlangt, hat die sechsköpfige Familie Temorova aus Bad Endbach erlebt: Zwölf Jahre lebten sie in einer Zweizimmer-Wohnung in der Gemeinschaftsunterkunft Berliner Straße.

Die 16-jährige Tochter Diana ist froh, endlich mehr Platz zu haben. Heute sticht ihr der Müll an ihren ehemaligen Lebensmittelpunkt ins Auge: „Wie kann man so leben?“, fragt sie. Ja, der Müll sei ein Problem, erklärte auch Zachow den Besuchern der Informationsveranstaltung. Da lande schon mal der Plastikmüll in der Biotonne oder die Hähnchenschenkel im Gelben Sack. Zu Streit komme es „sehr selten“, sagt er.

Das schätzt Bad Endbachs Bürgermeister Markus Schäfer ganz anders ein. Deshalb hat sich der Rathauschef für den Kauf und den Umbau des ehemaligen Gästehauses „Diana“ in Wommelshausen-Hütte entschieden. Dort sollen 14 Flüchtlinge einziehen. Zwischen 120 bis 140 Asylbewerber leben in der Kurgemeinde. „Deutlich mehr als wir aufnehmen müssten“, sagt Schäfer.

Auch der Kreis unterhält in der Gemeinde eine Unterkunft. Die Strukturen bieten sich an. Mit dem immer kleiner werdenden Klientel der Kurtouristen bleiben viele Gästehäuser auf der Strecke. Diese bieten großes Potenzial. Trotzdem: Eine gerechte Verteilung lasse keinen weiteren Bedarf dort zu, heißt es am Abend.

Zachow spricht sich für Dezentralisierung aus

Peter Donatus spricht ein anderes folgenschweres Problem an: die Ghettoisierung. „Den Preis dafür zahlen wir später“, sagte der 48-Jährige. Er ist in Gladenbach, um für das Marburger „Radio Unerhört“ einen Beitrag zum Thema Flüchtlingshilfe zu machen.

„Dezentralisierung ist genau die Strategie in unserem Landkreis. Wir arbeiten mit Hochdruck daran“, erklärt Vize-Landrat Zachow. In Neustadt entsteht auf dem ehemaligen Kasernengelände auf Drängen des Regierungspräsidiums Gießen eine Außenstelle des Erstaufnahmelagers in Gießen, das mit mehr als 4000 Flüchtlingen aus allen Nähten platzt.

700 bis 800 Flüchtlinge sollen dort unterkommen, die ersten kommen im April – 250 bis 300 Personen. Ende 2014 bestätigte Zachow, dass die Zentralisierung durchaus Konfliktpotenzial birgt. Es sei ihm aber alle Mal lieber, wenn Flüchtlinge nicht in Gießen in Zelten frieren, sondern in Neustadt ein Dach über dem Kopf haben.

Für vernünftige Lebensbedingungen im Landkreis plädierte auch Donatus. Er will den Verantwortlichen im Kreishaus eine Liste mit Missständen in der Kreuzstraße vorlegen – er berichtet von zwei Toiletten und zwei Duschen für 40 Bewohner. „Wir werden die Liste überprüfen“, sagt Zachow. Sozialarbeiter Andreas Tauche negiert Donatus‘ Behauptungen und sagt: „Wenn Sie neugierig sind, machen Sie einen Termin und lernen Sie das Haus kennen.“

von Silke Pfeifer-Sternke

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr