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Etappensieg für Familie Heise

Waffen-Razzia Etappensieg für Familie Heise

Während die Marburger Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen Hans Günter Heise einstellte, wartete er noch auf die abschließende Bewertung seiner Dienstaufsichtsbeschwerde im Zusammenhang mit der Durchsuchung seines Hauses nach illegalen Waffen.

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Auf Gehilfen angewiesen und schlecht hörend wusste Anneliese Heise während der Hausdurchsuchung nicht, wie ihr geschah.

Quelle: Gianfranco Fain

Obereisenhausen. Klar freue er sich, sagt Hans Günter Heise zur Verfahrenseinstellung, denn: „Da wollten wir auch hin.“ Was war geschehen? Am Morgen des 2. August 2012 befinden sich 15 Polizisten auf dem Grundstück der Heises mit einem Durchsuchungsbefehl für die Betriebsräume des Schreiners und die seines Sohnes Norbert. Auslöser des Polizei-Einsatzes ist ­eine anonyme Anzeige gegen Heise, in der er bezichtigt wird, illegal Waffen zu besitzen.

Die Polizisten entdeckten tatsächlich waffenfähiges Material: den Verschluss eines Karabiners, eine womöglich zum Karabiner passende Patrone des Kalibers 7,62 Millimeter sowie eine Patrone für eine Schrotflinte, eine sogenannte „Rottweil Brennecke“.

Die Untersuchung der Fundstücke im Landeskriminalamt ergibt, dass es sich beim Karabinerschloss um ein Schusswaffen gleichgestelltes, „wesentliches Teil einer Schusswaffe“ handelt, bei den Patronen aber nicht. Trotzdem liegt im Besitz der drei Fundstücke ein Verstoß gegen das Waffengesetz vor, erläutert Annemarie Wied. Dennoch, so die Sprecherin der Marburger Staatsanwaltschaft, sei das Verfahren Ende Februar wegen „geringer Schuld“ eingestellt worden.

Diesem Weg mussten sowohl das Biedenkopfer Amtsgericht als auch Heise zuvor zustimmen. Der Obereisenhäuser hat dem Vorschlag der Staatsanwaltschaft, die „unter Berücksichtigung der Art, Qualität und geringen Anzahl der Gegenstände“ von „Fahrlässigkeit“ und „pflichtwidriger Unkenntnis“ ausgeht, nach eigenen Angaben „sofort zugestimmt“. Für ihn hatten zwei der gefundenen Teile nur Erinnerungswert: Die 7/65-Patrone hatte sein Vater aus dem letzten Fronturlaub hinterlassen, der Gewehrverschluss stammt aus einem Karabiner, den ein US-Soldat unbrauchbar machte. „Die Existenz dieser Gegenstände war nach 68 Jahren niemandem aus unserer Familie mehr bewusst“, sagt Hans Günter Heise.

Dennoch hat der Obereisenhäuser die Durchsuchungsaktion damit noch nicht zu den Akten gelegt. Damals hat er Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht, weil die Polizisten seiner Meinung nach unverhältnis- und unrechtmäßig vorgegangen sind, somit Hausfriedensbruch begangen hätten (die OP berichtete).

Während er am 2. August nach einer Operation im Marburger Universitätsklinikum lag, kam das Polizeikommando mit einem Durchsuchungsbefehl für die Betriebsräume, wozu es vom Sohn auch Zutritt erhielt und seine Aufgabe erledigte. Doch was dann folgte, darüber regen sich die Heises noch heute auf: Die Polizisten durchsuchten auch das Wohnhaus der Heises, standen plötzlich Anneliese Heise gegenüber, die sich nur mit Hilfe von zwei Gehhilfen bewegen kann, schwerhörig ist und an jenem Morgen ihre Hörgeräte „noch im Schlafzimmer auf dem Nachttisch liegen hat“. Ganz in schwarzer Kleidung und mit Waffen“, standen ein Mann und eine Frau vor ihr, berichtet die 77-Jährige. „Was ist jetzt los“, fragte sie, aber die Antworten verstand sie nicht, weil die Beamten für sie zu leise sprachen. Und von dem Zettel, den man ihr hinhielt, konnte sie „nur das Dicke“ lesen.

Seine Frau habe jetzt noch Albträume, schreie nachts und wache auf. Das alles wegen einer unberechtigten Hausdurchsuchung, sagt Hans Günter Heise. „Der Durchsuchungsbeschluss lautet nur auf meine Geschäftsräume und die meines Sohnes“, sagt der Schreinermeister. Zwar habe sein Sohn der Durchsuchung des Wohnhauses zugestimmt, dies könne aber nur für dessen Wohnung im unteren Teil des Hauses gelten, für die es einen eigenen Eingang gibt.

Dies sei Gegenstand der Dienstaufsichtsbeschwerde bestätigt Wied. Es habe eine Anhörung sowie eine richterliche Vernehmung der Ehefrau und des Sohnes gegeben. Eine Entscheidung werde demnächst erfolgen, so Wied.

Sohn Norbert bestätigte gegenüber der OP die Zustimmung, die aber „unter Druck“ erfolgt sei. Willi Schwarz, Pressesprecher des Polizeipräsidiums in Gießen, äußert sich hinsichtlich des laufenden Verfahrens weiter nicht zu den Vorwürfen.

von Gianfranco Fain

HINTERGRUND

719 Waffen sind im Altkreis Biedenkopf nicht mehr illegal

Gibt es viele illegale Waffen im Hinterland? Es komme immer wieder vor, dass solche Waffen entdeckt werden, sagt Amtsgerichtsdirektor Mirko Schulte. Zumeist durch eine Hausdurchsuchung, oft auch aufgrund einer anonymen Anzeige, vermutlich nach der Zerrüttung eines freundschaftlichen Verhältnisses. Eine solche Anzeige führe bei begründeter Annahme grundsätzlich zu einer Durchsuchung, erläutert Annemarie Wied. Denn man müsse von einer potenziell „hohen Gefährlichkeit“ ausgehen, erklärt die Sprecherin der Marburger Staatsanwaltschaft. Diese richte sich nicht nur gegen die Bevölkerung, sondern auch gegen die Ermittler, demzufolge könne deren Auftreten durchaus einen gewissen Eindruck erzeugen. Aber die Beamten müssten damit rechnen, dass sich die gesuchten Gegenstände auch gegen sie richten können.

Was soll ein Bürger machen, wenn er Waffen entdeckt? Auf keinen Fall diese an sich nehmen und zur Polizei bringen, warnt Wied. Denn nicht nur der illegale Besitz, auch das illegale Führen von Waffen steht unter Strafe. Den letzten Anstoß zur Abgabe von illegalen Waffen gab es Anfang 2003 mit der Änderung des Waffengesetzes. Seitdem wurden aus dem Altkreis Biedenkopf 719 Gegenstände bei der Waffenbehörde des Landkreises abgegeben, erklärt deren Sprecher Stephan Schienbein. Zum Vergleich: Im Altkreis gibt es 1187 registrierte Waffenbesitzkarten-Inhaber. Einen Waffenschein und damit das Recht, Waffen bei sich zu führen, hat im Altkreis niemand, sagt Schienbein – ausgenommen seien Sportschützen und Jäger, die gesicherte und nicht schussbereite Waffen zum Schießstand oder Jagdrevier transportieren dürfen. Der Verbleib registrierter Waffen nach einem Erbfall wird von der Waffenbehörde kontrolliert, erklärt Schienbein, der Erbe könne aber innerhalb eines Monats eine Besitzerlaubnis beantragen. Die Anzahl illegaler Waffen ist dagegen nicht bekannt. Im Falle eines Waffenfundes rät Schienbein ebenfalls, die Polizei zu konsultieren oder auch die Waffenbehörde des Landkreises.

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