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Erwachen aus dem Dornröschenschlaf

Prädikate auf dem Prüfstand Erwachen aus dem Dornröschenschlaf

Im Landkreis gibt es 
4 Erholungsorte, 2 Luftkurorte und 2 Kneippheilbäder. Biedenkopf und Bad Endbach wollen 
ihre Merkmale behalten,
Gladenbach verschläft es
offenbar, das Potenzial zu nutzen.

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Die Stadt Biedenkopf hat sich die erneute Überprüfung als Luftkurort – trotz leerer Kassen – 13.000 Euro kosten lassen.

Quelle: Benedikt Bernshausen

Gladenbach. Seit Jahrzehnten schmücken sich Orte mit den Prädikaten Erholungsort, Luftkurort, Kneipp-Heilbad, Heilbad. Als einer der ersten im Landkreis war es die Stadt Biedenkopf, die 1955 das Prädikat Luftkurort erhielt. „Möglicherweise war Biedenkopf bereits in den 1930er-Jahren ausgezeichnet. Dafür gibt es Hinweise, aber leider keine Aufzeichnungen, sagt Bürgermeister Joachim Thiemig.

In diesen Tagen wurde das Prädikat Luftkurort zum vierten Mal bestätigt. Horst Wenzel, Geschäftsführer des Hessischen Fachausschusses für Kurorte, Erholungsorte und Heilbrunnen beim Regierungspräsidium Kassel, war eigens zur Übergabe in die Hinterlandkommune gereist. Die Überprüfung wurde 2010 eingeleitet. Es galt, einen an den Tourismus maßgeschneiderten Katalog zu erfüllen.

Thiemig mit Luftwerten sehr zufrieden

Voraussetzung ist zum Beispiel die Luftqualität. Dazu wird ein Gutachten erstellt. Das vorliegende Gutachten bestätigt, dass die Kernstadt die Voraussetzungen erfüllt. Eine Messstelle befand sich am „Eschenberg“. Dort lag die Grobstaub-Belastung im erlaubten Bereich für Kurorte. An der Messstelle „Schulstraße“ wurde eine noch niedrigere Belastung gemessen. Grund für die gute Luftqualität ist laut Gutachten die Umgehungsstraße.

Das Prädikat Luftkurort hat sich die Stadt Biedenkopf 13.000 Euro kosten lassen. Mit dieser Investition will die Stadt die Werbetrommel rühren. Dies komme vor allem den Gastronomie- und Hotelerie-Betrieben zugute, erklärt Bürgermeister Joachim Thiemig.

Er freut sich darüber, dass Biedenkopf die Voraussetzungen erfüllt. Die Luftwerte seien über ein ganzes Jahr aufgezeichnet worden. Mit dem Ergebnis ist Thiemig sehr zufrieden, da die Entscheidung für die Überprüfung des Prädikats 2013 gefallen ist. Zu der Zeit war der Haushalt der Hinterlandkommune noch defizitär. „Die Investition hat sich ausgezahlt“, sagt Thiemig.

Auch die Stadt Gladenbach trägt den Titel Luftkurort – 1958 erhielt sie das Prädikat zum ersten Mal. 1983 erfolgte die Anerkennung als Kneippheilbad. Die letzte Überprüfung als Luftkurort erfolgte 1993, die als Kneippheilbad zwei Jahre zuvor. Der Gladenbacher Stadtteil Weidenhausen erhielt 1964 die Anerkennung als Erholungsort, überprüft wurden die Kriterien 1995.

Gladenbach kommt 
seit Jahren nicht voran

Ende 2015 wurde die Stadt vor die Frage gestellt, ob sie die Prädikate behalten möchte. Bis Mai hat der Magistrat der Stadt Zeit, dem Fachausschuss ein entsprechendes Signal zu geben.

Seit Jahren komme die Stadt in der Frage nicht voran, nun müsse endlich eine Entscheidung ­getroffen werden, sagt Wenzel. Für die Stadt bedeutet dies, Geld für ein Gutachten auszugeben und auch zu prüfen, ob die Voraussetzungen erfüllt werden. Wenn sich die Stadt nicht rührt, kann es passieren, dass die Prädikate aberkannt werden.

Eine Entscheidung darüber fällt der Ausschuss für Kurorte, Erholungsorte und Heilbrunnen. Dieser tagt aber nur einmal im Jahr. Wenn die Prädikate aberkannt werden, darf Gladenbach nicht mehr mit ihnen werben. Auch das Prädikat Erholungsort für Weidenhausen steht nach Angaben von Wenzel auf der Kippe.

Bad Endbach setzt weiterhin auf die Prädikate als werbewirksame Mittel. Der einzige Kurort im Landkreis Marburg-Biedenkopf hat 1970 das erste Mal das Prädikat erworben. Vor einem Jahr erfolgte die Überprüfung, die für die Dauer von zehn Jahren gilt. Zudem verfügt die Gemeinde über zwei Erholungsorte: Hartenrod und Wommelshausen.

Hartenrod erhielt Prädikat  196

Die Anfänge des Kurortes reichen zurück in das Jahr 1947. Krankenschwester Elfriede Geißler errichtete in ihrem Geburtsort Endbach ein erstes Kurheim, das heutige „Haus Dennoch“. 1955 wurde Endbach Kneipp-Kurort und erhielt 15 Jahre später schließlich den Titel Kneipp-Heilbad. Seit dem 11. Oktober 1973 trägt der Ort das Prädikat „Bad“. Bad Endbach ist damit eine von 30 Gemeinden, die den Titel tragen dürfen.

Voraussetzung für das Prädikat „Kneipp-Heilbad“ sind unter anderem Reha-Einrichtungen, eine ausreichende medizinische Versorgung durch Ärzte, Apotheken und Erste Hilfe vor Ort, ausgebildete Kneipp-Fachkräfte und Hotels oder Pensionen.

Zudem sind Kur- oder Badeärzte, ausreichende physikalisch-therapeutische Einrichtungen wie Massage und Krankengymnastik, ein Kurpark, eine zentrale Auskunftsstelle sowie Angebote für gesundheit­liche und sportliche Aktivitäten notwendig.

Hartenrod erhielt erstmals 1962 das Prädikat Erholungsort, Wommelshausens Anerkennung erfolgte im gleichen Jahr. Beide Orte unterzogen sich 2007 einer Überprüfung. Die Anforderungen sind unter anderem geknüpft an Übernachtungsmöglichkeiten, ärztliche Versorgung, Sportanlagen, Gemeinschaftshaus, Unterhaltungsmöglichkeiten sowie regelmäßige Wanderführungen.

Bad Endbach schielt 
auf ein Doppelprädikat

Die Gemeinde Bad Endbach lässt derzeit aufgrund der gefundenen Heilquelle überprüfen, ob sie als Heilbad anerkannt wird. So könnte die Kommune ein Doppelprädikat tragen. Die Unterlagen befinden sich zurzeit in der Prüfung, bestätigte Wenzel. Auch die Erholungsorte Hartenrod und Wommelshausen sollen ihr Prädikat behalten. Auch diese befinden sich in der Prüfphase, wie Wenzel erläuterte.

Auch Dautphetals Ortsteil Holzhausen trägt seit dem 
5. Februar 2012 das Prädikat Erholungsort. Die Prädikate sind ein wichtiger Wettbewerbsfaktor auf dem hart umkämpften Tourismusmarkt. Das hessische Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung geht davon aus, dass ein Übernachtungsgast rund 150 Euro für ein Gastbetrieb ausgibt, 74 Euro für eine private Unterkunft und 41 Euro für einen Campingplatz. Im Schnitt gibt ein Tagestourist 30 Euro aus. Ein Plus im Landkreis Marburg-Biedenkopf sind das Radwegenetz, die Wanderwege sowie das Freizeit- und Sportangebot.

In Bad Endbach mausert sich mittlerweile der Flowtrail zu ­einer Attraktion unter Mountainbiker aus nah und fern. Auch die Nachbarkommunen schauen neidisch auf den Flowtrail, der seinen Ursprung in illegalen Streckenführungen hatte.

von Silke Pfeifer-Sternke

 
 Hintergrund

2001 übernahm das Regierungspräsidium (RP) Kassel die Aufgabe der Prädikatisierung und die Geschäftsführung des Fachausschusses für Kurorte, Erholungsorte und Heilbrunnen. Das RP Kassel verleiht die Prädikate
*  Heilbad;
*  Kneippheilbad;
*  Kneipp-, Heilklimatischer
 Kurort;
* Luftkurort;
*  Erholungsort.

Grundlage für die Erteilung eines Prädikats ist die Beurteilung der zur Anerkennung erforderlichen Kriterien, die in den Begriffsbestimmungen des Deutschen Heilbäderverbandes und dem Deutschen Tourismusverband herausgegeben wurden. Der Fachausschuss im RP Kassel berät über die Anträge und klärt gegebenenfalls Grundsatzfragen vor der Verleihung des Prädikats und spricht eine Empfehlung aus.

Abschließend berät das Hessische Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung, ob ein Prädikat verliehen wird. Spätestens nach zehn Jahren muss das Prädikat überprüft werden. Verändern sich die Voraussetzungen, kann es passieren, dass das Prädikat aberkannt wird. In Hessen gibt es zurzeit 149 Orte oder Ortsteile, die ein Prädikat tragen dürfen, 2013 gab es noch vier mehr.

 
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