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Einträglicher Handel von Paraguay aus

Ebay Einträglicher Handel von Paraguay aus

Vier Verhandlungstage waren angesetzt, am ersten gab es eine Verständigung zur Verfahrensvereinfachung.

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Staatsanwalt Oliver Rust gab Medienvertretern vor der Landgerichtsverhandlung Auskunft zur Anklage gegen einen 29-Jährigen, dem Internetbetrug im großen Stil vorgeworfen wird. Zu diesem Fall sammelten die Staatsanwälte Berge von Akten.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. In Handschellen wird der Angeklagte vor- und später auch abgeführt, Fluchtgefahr scheint gegeben zu sein, war der 29-Jährige doch vor seinem Aufenthalt in der JVA Gießen, wo er seit Anfang April in Untersuchungshaft sitzt, aus Paraguay überführt worden. Dorthin flüchtete der gelernte Tischler im Jahr 2005 mit seiner Familie, weil eine „Vorbewährung“ aus einer Jugendstrafe widerrufen werden sollte.

Zuvor  hatte das Paar schon begonnen, Waren im Internet zu verkaufen. Als Ideengeber dazu bezeichnete der Bad Endbacher seine damalige Ehefrau, er habe als Handwerker keine Ahnung von den technischen Möglichkeiten des Internets gehabt. In Paraguay weitete das Paar seine Aktivitäten aus, laut Anklage 1 133 Betrugsfälle über das Internet-Auktionshaus ebay. Angenommener Schaden rund 300 000 Euro.

Zu Beginn der auf vier Tage terminierten Verhandlung, stimmte Staatsanwalt Oliver Raust einem von der Verteidigung angebotenen Rechtsgespräch zu, „bevor wir in den nächsten Jahren Hunderte Zeugen verhören müssen“. Am Ende der rund zweistündigen Beratungen waren die Positionen für die „Verständigung“ zur Beschleunigung des Verfahrens gesteckt: Bei einem wesentlichen, vollständigen Geständnis sah Rust eine Höchststrafe von 7 bis 8 Jahren Gefängnis als möglich an, Verteidiger Thomas Strecker wollte sie auf 5 bis 6 Jahre begrenzt sehen. Dr. Carsten Paul, Vorsitzender Richter der Wirtschaftsstrafkammer, gab den beschlossenen  Strafrahmen bekannt: 6,5 bis 7,5 Jahre Haft.

"Projekte" der Ehefrau

In der Folge stimmte der 29-Jährige der Anklage zu, betonte aber, mit einigen der Fälle nichts zu tun zu haben, das seien „Projekte“ seiner ehemaligen Ehefrau gewesen, etwa 700 bis 800 Fälle habe er allein zu verantworten.
Gutgläubige Helfer auch im Landkreis gefunden

Mithilfe seiner Ex-Frau habe er laut Anklage von 2006 bis 2011 deutschlandweit Gutgläubige angeworben, die über das Internet-Auktionshaus ebay Waren, die er nicht besaß, für ihn als angeblichen Arbeitgeber gegen Provision versteigerten. Für die Handys, Kinderwagen oder Elektrogeräte wurden jeweils 100 bis 1 000 Euro erzielt.

Mittels Stellenanzeigen fand er diese „Verkaufsagenten“, nutzte dazu Namen fiktiver und auch realer Firmen. Zudem schloss er über andere Tarnfirmen 400-Euro-Job-Verträge mit „Finanzagenten“ ab, die das eingenommene Geld über ihre Bankkonten und Western Union nach Paraguay überwiesen.

Ersparnisse aufgebraucht

Sowohl bei den 91 „Verkaufsagenten“, darunter welche aus Marburg, Angelburg und Grünberg, als auch bei den 54 „Finanzagenten“, darunter Marburger, Weimarer und Gießener, nutzte er deren Gutgläubigkeit aus. Später sahen sich diese mit Strafermittlungen, zum Beispiel wegen Geldwäsche, konfrontiert.

Als Grund für die Taten nannte der Angeklagte, dass irgendwann die Ersparnisse aufgebraucht waren. Das System sei, obwohl vorher nicht so geplant, ausgeweitet worden, über wie viel Geld das Paar monatlich regelmäßig verfügte, vermochte er jedoch nicht zu sagen.  Man habe keinen aufwendigen Lebensstil gehabt, beteuerte er. Dennoch sprach er im Laufe der Verhandlung von beschäftigten Kindermädchen und einem Pool.

Hinzu kam, dass es „polizeiliche Probleme“ gab, weil er kein gültiges Visum besaß und seit 2008 mit internationalem Haftbefehl gesucht wurde. Diese Probleme wurden durch Schmiergeldzahlungen von bis zu 15 000 Euro behoben, dennoch wurde er im Mai 2012 in Paraguay inhaftiert, nachdem er Geld aus einem der Geschäfte abholte, was sonst angeblich ahnungslose Helfer erledigten.

Schon zwei Jahre in Paraguay in Haft verbracht

Rund zwei Jahre saß der Angeklagte in dem südafrikanischen Land ein. Eine Zeit, die nicht in der Verständigung berücksichtigt ist, aber eine Rolle zu spielen scheint. Die dortigen Haftbedingungen wurden mehrmals angesprochen und werden noch hinterfragt. Der Angeklagte bezeichnete sie als „unter aller Menschenwürde“, von 42 Personen in einem 35-Quadratmeter-Zimmer und davon, dass er froh sei, sie überlebt zu haben.

Zuvor hatte er angegeben, Paraguay als Fluchtort ausgewählt zu haben, weil es dort eine deutsche Kolonie gibt. Dort sieht er nach Haftverbüßung auch seine Zukunft mit seiner neue Lebensgefährtin.
In diesem Fall werde im Grunde seit dem Jahr 2004 ermittelt, berichtete ein Kriminalpolizist. Als immer mehr Fälle aktenkundig wurden, sei das Verfahren in Marburg konzentriert worden.   

  • Die Verhandlung wird am Dienstag, 15. Juli, um 9 Uhr in Saal 101 fortgesetzt.

von Gianfranco Fain

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