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„Ein Mensch mit zwei Gesichtern“

Aus dem Landgericht: Tötungsdelikt Bottenhorn „Ein Mensch mit zwei Gesichtern“

Das rechtsmedizinische Gutachten belegt ein impulsives Tatgeschehen und multiple Verletzungen „durch scharfe Gewalt“.

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Die Richterinnen im Bottenhorner Mordprozess, Dr. Elke Müller-Hagenbring (links) und Michelle Krämer, nahmen mit dem Vorsitzenden Richter Dr. Carsten Paul im Saal des Marburger Landgerichts ihre Plätze ein.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Am Freitag, dem zweiten Verhandlungstag, berichtete die Rechtsmedizinerin, Dr. Gabriele Lasczkowski, über den vermutlichen Tathergang und einen „langen Leidensweg“ für das Opfer. Das dieses an den Folgen der vielen Messerstiche schließlich zweieinhalb Monate später starb, steht laut Gutachterin zweifelsfrei fest.

Die Obduktion des Opfers sowie die Analyse der Blutspuren aus dem Badezimmer der Familie zeugen von „nachhaltiger Gewalt und einem dynamischen Tatgeschehen“, erläuterte die Sachverständige. Neben diversen Stichen und Schnitten wurden mehrere typische Abwehrverletzungen am Körper der 18-Jährigen festgestellt.

Die rund 20 Attacken führten zu multiplen Verletzungen der inneren Organe, jedoch nicht zum sofortigen Kollaps oder Handlungsunfähigkeit des Opfers. Demnach sei es möglich, dass die junge Frau noch wenige Minuten bei Bewusstsein war und fähig zu telefonieren. Dies hatte der Angeklagte am ersten Verhandlungstag beteuert. „Ich hörte sie telefonieren, ich dachte sie wird versorgt“, erklärte der Beschuldigte seine Flucht aus dem Haus.

Angeklagter wies Verletzungen auf

Die umfangreiche, plastische Schilderung der forensischen Ermittlungen rief weiteren Widerwillen und Abneigung im Zuschauerraum hervor, die Eltern der Verstorbenen verließen bedrückt den Saal. Der Beschuldigte verfolgte den Bericht mit gesenktem Kopf und teils schwer atmend.

Einen Tag nach der Tat wurde der Angeklagte medizinisch untersucht. Die Ärzte fanden diverse kleinere Verletzungen wie Kratzer am Körper, einzelne Schnitte, Schwellungen und Hämatome sowie „Anzeichen stumpfer Gewalteinwirkung“, stellte die Rechtsmedizinerin fest.

Diese seien durch „Stoß oder Anstoß“, möglicherweise durch das Hindurchkriechen durch die zerstörte Badezimmertür oder bei einem Sturz gegen die Einrichtung entstanden, vermutete die Gutachterin. Das toxikologische Gutachten fiel negativ aus – bis auf große Alkoholmengen und die ihm verordneten Medikamente fanden sich keine weiteren Substanzen oder Drogen im Blut des Angeklagten.

Weitere Freunde und Nachbarn der Familie des Opfers bestätigten bereits gehörte Zeugenaussagen zum Tattag. Eine Nachbarin gab an, dass sie ebenfalls „lautes Geschrei“ aus dem Familienhauses vernahm, die aufgebrachte Mutter des Opfers nach Hilfe rief.

Zeugen: Angeklagter zur Tatzeit ruhig und unauffällig

Durch das Fenster sah sie den Angeklagten von Raum zu Raum laufen, bevor er das Haus verließ und davonfuhr. Auch diese Zeugin empfand das Auftreten des Mannes als „ganz ruhig und unauffällig“. Er wirkte weder betrunken noch aufgebracht, so die Nachbarin.

Laut Gutachten hatte der Mann massiv Alkohol konsumiert und deshalb einen Blutalkoholwert von etwa zwei Promille. „Er machte einen angetrunkenen Eindruck“, berichtete wiederum einer der Polizisten, die den Angeklagten kurze Zeit später festnahmen. Einen nicht näher erklärten Angriff auf die junge Frau habe er dabei von sich aus zugegeben, teilte der Beamte mit.

Mehrere Bekannte der Familie der 18-Jährigen berichteten von ihren Eindrücken des Ex-Freundes. Während der rund zweijährigen Beziehung sei der Mann durch exzessiven Alkoholkonsum sowie wiederholte Eifersuchtsausbrüche aufgefallen. „Er hat schon immer Terror gemacht, ist ein Mensch mit zwei Gesichtern“, sagte der Bruder der Getöteten.

Weitere Zeugen bestätigen Drohungen

Mehrfach habe der Beschuldigte die Partnerin unter Druck gesetzt, ihr gedroht, er würde sich das Leben nehmen, sollte sie ihn je verlassen. Dies bestätigten zwei gute Bekannte des Opfers. Er hat sich benommen „als wolle er sie besitzen“, soll die Verstorbene ihr gegenüber geklagt haben, berichtete eine Freundin des Opfers.

Nach der Trennung des Paares, rund drei Monate vor der Tat, veränderte sich scheinbar die Androhung des Angeklagten. Mehrfach soll der eifersüchtige Mann der jungen Frau erklärt haben, er würde ihr im Fall einer neuen Beziehung etwas antun, sie und ihren neuen Freund mit dem Auto überfahren, teilten die Zeugen mit.

Über eine entsprechende Drohung hatten bereits am ersten Verhandlungstag mehrere Familienmitglieder gesprochen. Zu diesem Thema sollen im Verlauf der Hauptverhandlung diverse Kommunikationsnachweise und Handychats vor Gericht geprüft werden.

  • Die Verhandlung wird am Dienstag, 6. Oktober, um 9 Uhr im Saal 101 des Landgerichts fortgesetzt.

von Ina Tannert

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