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Drucken wie vor 152 Jahren

Familienbetrieb Drucken wie vor 152 Jahren

Im Herzen von Bad Laasphe liegt die ehemalige Druckerei Schmidt. Am Tag der offenen Tür führten Ur-Ur-Enkel des Gründers durch die Räume und 152 Jahre Wittgensteiner Geschichte.

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Für einen Druck mussten zunächst die einzelnen Buchstaben gesetzt werden – wie hier für den Schriftzug „Oberhessische Presse“.Foto: Bernshausen

Quelle: Benedikt Bernshausen

Bad Laasphe. Rhythmisch rattert und zischt die Zylinderpresse im Maschinensaal der alten Druckerei. „Mit dem Geräusch sind wir aufgewachsen“, erzählt Ernst Harald Schmidt schmunzelnd: Schon kurz nachdem er laufen konnte, schaltete er - zum Schrecken seiner Mutter - in einem unbeobachteten Moment die große Maschine zum ersten Mal an. Seit Kindertagen ist die Druckerei so etwas wie sein zweites Zuhause und noch immer steht er gern zwischen den alten Geräten und erinnert, während bedruckte Seiten aus der Presse flattern, an die Geschichte des Familienbetriebs.

„Sie ist nicht zusammengewürfelt, sondern so gewachsen. Ich finde toll, dass sie noch erhalten ist“, betont Schmidt. In der Mitte des großen Saales finden sich die alten Setz- und Steckkästen mit unzähligen Lettern, dazwischen die Foto-Negative auf bleiernen Druckplatten. Umringt ist die Mitte des Raumes von Pressen, wie der Druckschnellpresse aus dem Jahr 1900 oder drei Heidelberger Tiegeldruckpressen, die älteste aus 1934, auf der Schmidt 2002 die letzte Trauerkarte druckte. In einem Nebengebäude steht eine „Typograph Setzmaschine“ von 1962. Die erste Setzmaschine, „die damals erste weit und breit“, wurde 1925 gekauft.

Im Büro im ersten Stock hängen, neben einem großen Bildnis von Johannes Gutenberg, alte Telefone an der Wand - darunter auch samt örtlichem Telefonverzeichnis mit 25 Einträgen jenes, das Ernst I Schmidt 1905 kaufte. „Nach seinem ersten Gespräch soll er gesagt haben, dass er sogar den Atem des Anderen gerochen habe“, erzählt der Ur-Ur-Enkel.

Im Nebenraum befindet sich das Zeitungsarchiv, in dem Schmidt gern stöbert. Die Blätter, die seine Väter herausgaben, umfassten in der Regel sechs Seiten: Vorne überregionale Politik, auf der zweiten „zeitgenössische Betrachtungen“. Dort erschienen Fortsetzungsromane, Geschichten und Texte über die Welt, über Vandalismus, Stress und die guten alten Zeiten. Dahinter folgten lokale Berichte über das Vereinsleben, die Landwirtschaft, Märkte und das Wetter. Außerdem Meldungen über Autos, die zu schnell durch die Stadt, oder Radfahrer, die auf dem Gehweg fuhren. „Darüber haben sich die Leute aufgeregt, es stand fast jeden Tag was drin“, lacht Schmidt. Trotz der historischen Einrichtung, wirkt die Druckerei nicht wie ein Relikt vergangener Tage. „So sahen Druckerei noch bis in die 1980er Jahre aus“, weiß Schmidt. Mittlerweile laufen die Maschinen selten, meist für Besucher zu besonderen Anlässen oder an den Tagen der offenen Tür - aus der heraus dann das Rattern und Zischen der Pressen auf die Straße schallt, genau wie vor einhundert Jahren.

Damals, im Jahr 1861, gründete sein Ur-Ur-Großvater Ernst Schmidt in der Laaspher Königsstraße die lithographische Anstalt, schaffte ein Steindruckpresse an und eröffnete dazu eine Papier- und Schreibwarenhandlung. In der Chronik zum 100-jährigen Bestehen der Firma erinnert Wilhelm Hartnack an die von Schülerin Elly Reuß notierten Gedanken: Sie schrieb von einem „bis dahin nie dagewesenen Geschäft“. „Aber die neue Kulturtat machte sich nachgerade doch bemerkbar in der Stadt Laasphe. Die obersten Zehn, die dem Fortschritt huldigten, bestellten bei Ernst Schmidt Visitenkarten“ und wer sich verlobte, der tat es „nebenbei aber auch, um sich bei Ernst Schmidt die lithographischen Verlobungs-Anzeigen machen zu lassen“.

Hauptauftraggeber waren aber Behörden, die Hüttenwerke um Laasphe sowie die fürstliche Verwaltung, die den Betrieb zur „Hofbuchdruckerei“ ernannte. Schmidt verlegte 1876 seinen Firmensitz in die Schlossstraße, kaufte eine Druckerei-Einrichtung samt handbetriebener Schnellpresse und verwirklichte seinen Traum von einer eigenen Lokalzeitung: Das „Wittgensteiner Wochenblatt als Organ im Lenne-, Lahn-, Dill- und Ederthal“, dessen Redakteur, Drucker, Setzer und Verleger er selbst war. Auch darüber schrieb Reuß: „Welch ein Fortschritt für Laasphe! Ein loses Maul, das von Alliterationen wusste, sagte: Das liebe Läusenestchen Laasphe lebt lieblich auf. Die übrige Welt im Umkreis von 10 Kilometern meinte voll Anerkennung: Sieh da, Laasphe hebt sich.“

Schmidt gründete 1893 zudem die „Erndtebrücker Zeitung“, änderte den Titel des Wochenblattes 1894 in „Wittgensteiner Zeitung“ und vereinigte beide Blätter 1924 zur „Wittgensteiner und Erndtebrücker Zeitung“, die ab 1928 - zu ihren Hochzeiten mit rund 5000 Exemplaren - täglich erschien. Einem seiner Nachfolger, Ernst Schmidt III, verboten die Nationalsozialisten 1943 die Produktion. Bis dahin waren zu Spitzenzeiten 25 Personen - Buchdrucker, Setzer und Redakteure - beschäftigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die Westfalenpost den Titel für ihre Wittgensteiner Ausgabe. Fortan konzentrierte sich die Firma auf Geschäftsdrucksachen wie Lieferblöcke und Rechnungen, Glückwunschkarten, Zeitschriften und Romane. Ernst Harald Schmidt führte die Firma bis 2004, als er dem technischen Fortschritt Tribut zollend den Familienbetrieb abmeldete. Seitdem ist die voll funktionsfähige Druckerei ein lebendiges Museum.

von Benedikt Bernshausen

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