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Drogendeals per SMS: Polizei liest mit

Gericht Drogendeals per SMS: Polizei liest mit

Im Verlauf eines Jahres machte sich ein heute 19-jähriger Hinterländer in 622 Fällen des unerlaubten Handels mitBetäubungsmitteln schuldig. Er wurde zu neun Monaten Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt.

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Eine Frau zieht an einem Joint. Wegen des erwerbsmäßigen Handels mit Betäubungsmitteln in 622 Fällen verurteilte das Amtsgericht Marburg einen 19-jährigen Hinterländer.

Quelle: Torsten Leukert

Marburg . Weil er an einem florierenden Drogenhandel im Hinterland beteiligt war, zahlreiche Drogenkäufe und -verkäufe vornahm, musste sich ein 19-Jähriger gestern wegen gewerbsmäßigen unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln vor dem Marburger Amtsgericht verantworten.

Von insgesamt 622 Fällen ging die umfangreiche Anklageschrift aus. Wahrscheinlich sei es eine noch bedeutend höhere Anzahl, ließ das Gericht durchblicken.

Zwischen Dezember 2012 und Dezember 2013 hatte der Angeklagte regelmäßig im Raum Gladenbach, Breidenbach und Biedenkopf mit verschiedenen Drogen gehandelt. Fast täglich kaufte und verkaufte der 19-Jährige kleinere Mengen Marihuana oder Amphetamine zwischen einem und etwa acht Gramm. Insgesamt kamen im Verlauf des Jahres rund 740 Gramm zusammen. In einem weiteren Fall bot der Dealer zwei weitere 100 Gramm Cannabis-Platten für je 700 Euro zum Verkauf an.

Mehr als zehn Personen beteiligt

An den Taten beteiligt sind zahlreiche, gesondert verfolgte Lieferanten und Abnehmer der illegalen Betäubungsmittel. Im Verlauf der Verhandlung tauchten die Namen von mehr als zehn Personen auf, die an dem florierenden Drogennetzwerk im Hinterland beteiligt waren.

Während der Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht legte der Angeklagte ein umfassendes Geständnis ab.

„Er gibt die Vorwürfe in vollem Umfang zu“, ließ der Täter über seine Verteidigerin Nasely Beknazaryan mitteilen. Stockend und unsicher beschrieb der Heranwachsende die täglichen Abläufe der umfangreichen Drogengeschäfte. Zahlreiche Absprachen über anstehende Drogengeschäfte wurden stets über‘s Handy via Kurznachrichten vereinbart. Die Aufzeichnungen wurden von der Polizei ausgewertet und gaben Aufschluss über den Umfang der ­illegalen Geschäfte.

Mit seinen Lieferanten und Käufern habe er sich stets an öffentlichen Orten wie Park- oder Sportplätzen, im Jugendclub, der Schule oder dem Bahnhof in Gladenbach getroffen. In der Regel sei er jedoch nur als Zwischenhändler aufgetreten, habe quasi Bestellungen von Abnehmern an die Lieferanten weitergeleitet, Geld und Drogen eingesammelt und verteilt.

Dealer wird "kleine Boten-Rolle" vom Gericht nicht abgenommen

„Ich habe nur geholfen und dabei keinen großen Profit gemacht“, betonte der 19-Jährige mehrfach. Der Punkt, ob der Angeklagte die Drogen gewinnbringend weiterverkaufte oder lediglich als bekannter Ansprechpartner fungierte, wurde während der Verhandlung intensiv diskutiert. Das Gericht nahm dem Dealer seine „kleine Boten-Rolle“ allerdings nicht ab.

„So naiv sind wir nicht. Sie haben da doch was aufgeschlagen und waren Teil des Ganzen“, vermutete der Vorsitzende Richter Cai Adrian Boesken. Das Gericht glaube ihm nicht, dass er „als edler Samariter aus reiner Selbstlosigkeit“ nur ausgeholfen habe. „Das war ein strukturierter, geplanter Handel“, stellte der Richter klar.

Als Grund für seine Beteiligung an dem umfangreichen Handel nannte der Angeklagte schließlich die eigene Versorgung mit Betäubungsmitteln. Bei fast jedem Geschäft behielt er einen Teil der Drogen für den Eigenbedarf ein, mit der Finanzierung habe er jedoch nichts zu tun, teilte der Heranwachsende mit.

Dies glaubte ihm Staatsanwalt Dr. Kurt Sippel nicht. „Sie waren völlig involviert und haben an der Preisgestaltung mitgewirkt“, schloss der Staatsanwalt. Er sei nicht nur Bote, aber auch kein Drahtzieher des Drogennetzwerks gewesen, erklärte der Angeklagte schließlich. Seit seinem 15. Lebensjahr konsumiere er „unregelmäßig“ verschiedene Suchtmittel, vor allem Marihuana, „pro Woche aber maximal zwei Gramm“, sagte der Angeklagte.

19-Jähriger will sein Leben "wieder sortieren"

Seinen Konsum habe er mittlerweile reduziert, rauche heute etwa alle zwei Wochen einen Joint. Der Heranwachsende wolle sein Leben „wieder sortieren“ und in den Griff bekommen, betonte die Verteidigung. An dem Drogenhandel sei er beteiligt gewesen, jedoch auch „als Werkzeug eingesetzt und missbraucht worden“, sagte Verteidigerin Beknazaryan.

Das Jugendschöffengericht sprach den Angeklagten schließlich wegen gewerbsmäßigen unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in 622 Fällen schuldig und verurteilte ihn zu einer neunmonatigen Jugendstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Die Bewährungszeit beträgt drei Jahre. Zudem hat der Verurteilte einen Kurzzeitarrest von vier Tagen zu absolvieren sowie 80 Stunden gemeinnützige Arbeit abzuleisten. Darüber hinaus muss er drei Drogenscreenings vorlegen.

„Es war allerhand los im Hinterland - was Betäubungsmittel angeht“, fasste Richter ­Boesken zusammen. Das Gericht sei überzeugt, dass der 19-Jährige an dem umfangreichen Handel gezielt mitgewirkt und „auf Dauer sowie mit Wiederholungs- und Profitabsicht“ gehandelt habe, betonte der Vorsitzende und warnte den Täter vor weiteren Straftaten.

Kurz nach Beendigung der Verhandlung teilte Staatsanwalt Sippel dem Gericht kurzfristig neue Ermittlungserkenntnisse über den Heranwachsenden mit. Diese ergaben, dass der verurteilte Dealer angeblich erneut mit Betäubungsmitteln gehandelt haben soll. Die Ermittlungen sind scheinbar noch nicht abgeschlossen.

von Ina Tannert

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