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Drogen zur Schmerztherapie

Amtsgericht Biedenkopf Drogen zur Schmerztherapie

Zu einer Geldstrafe von 160 Euro verurteilte das Amtsgericht Biedenkopf einen 58-jährigen Rentner aus dem Hinterland, weil er Drogen besaß und Cannabis-Pflanzen anbaute.

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Mildes Urteil für einen 58-Jährigen wegen des Anbaus und Konsums von Cannabis.

Quelle: Andrea Mertes / pixelio.de

Biedenkopf. In der Wohnung seiner Lebensgefährten in einem Gladenbacher Stadtteil hatte der Rentner versucht, in 27 Blumentöpfen Cannabis anzubauen. Außerdem fanden Ermittler bei der Durchsuchung der Wohnung im Januar dieses Jahres 10,2 Gramm Haschisch und 5,5 Gramm Marihuana, mit einem geschätzten Wirkstoffgehalt von 4 Prozent.

Beide Taten - den Anbau und den unerlaubten Besitz - räumte der Angeklagte ein: „Das stimmt. Und dass es rechtlich nicht okay ist, dass weiß ich jetzt auch!“

Auf der Straße hatte der 58-Jährige Marihuana gekauft. In einem Beutelchen fand er „kleine Körner“, die er versuchsweise pflanzte, um das Geld für den Erwerb der teuren Betäubungsmittel einsparen zu können - allerdings ragten während der Durchsuchung erst aus sieben Töpfen zarte Pflänzchen kaum fünf Zentimeter aus der Erde.

Der Rentner konsumierte sechs Wochen lang

 Die gefunden Betäubungsmittel dienten zur Deckung des Eigenbedarfs. Damit versuchte der Angeklagte Schmerzen und Schlafstörungen zu lindern. Denn schon seit vielen Jahren ist er schwer herz-, krebs- und hüftkrank sowie depressiv. Zwar hatten Ärzte dem Rentner Schmerzmittel auf Morphium-Basis verschrieben. Doch erst mit dem Konsum der Drogen habe er seine Lebensqualität verbessern können, erklärte der 58-Jährige.

Sein Rechtsanwalt erinnerte an das „große therapeutische Potenzial“, das im Cannabis-Wirkstoff THC stecke. Bisher aber sehe das Gesetz den legalen Bezug der Droge nur theoretisch vor, weil die zuständige Behörde mit zu konservativen Mitarbeitern besetzt gewesen sei. Trotzdem wolle sein Mandant jetzt versuchen, den Wirkstoff auf legalem Weg zu beziehen. Denn der Konsum von Cannabis führe, anders als das dem Angeklagten verschriebene Morphium-Präparat, nicht zu körperlicher Abhängigkeit.

Amtsgerichtsdirektor Mirko Schulte zog schon vor Urteil Bilanz:

Er sehe einen schwerkranken Mann auf der Anklagebank, der wegen anderer Delikte vorbestraft sei und noch unter Bewährung stehe. Die Menge der Drogen beschrieb der Richter als „ganz, ganz gering“. Das Verfahren könne - anders als bei unbescholtenen Angeklagten - aber nicht eingestellt werden.

Der Vertreter der Staatsanwaltschaft glaubte den Schilderungen des Angeklagten und hielt vor dem Hintergrund seiner Kranken- und Strafgeschichte eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 10 Euro für angemessen.

Der Verteidiger prangerte den Gesetzgeber an: Würde der sich schlauer verhalten, würden Menschen wie der Angeklagte nicht in die Illegalität getrieben. Mit der Blumentopf-Plantage habe sein Mandant versucht, „dem Rüchlein der Straße zu entfleuchen“. Ob eines der Pflänzchen jemals einen Wirkstoffgehalt gehabt hätte, wisse niemand.

Der Angeklagte beziehe Grundsicherung nach dem Zwölften Buch Sozialgesetzbuch, weshalb zehn Tagessätze ausreichend seien. Schulte setzte in seinem Urteil die Strafe auf 20 Tagessätze zu je 8 Euro fest. Schließlich sei der Wirkstoffgehalt der sichergestellten Drogen „sehr gering“ und der „Anbau schon in den Kinder­schuhen stecken geblieben“.

von Benedikt Bernshausen

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