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„Wir sind Bio-Pioniere aus Überzeugung“

Direktvermarkter :Die Brücker Mühle in Amöneburg „Wir sind Bio-Pioniere aus Überzeugung“

Es war kein gradliniger Weg für die Bio-Pioniere Sabine Walter und 
Thomas Kleinschmidt. Nach einer fünfjährigen Unterbrechung kaufte das Paar 2006 die Brücker Mühle, um dort zu leben und zu arbeiten.

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Sabine Walter und Thomas Kleinschmidt betreiben einen Naturkostladen in der Brücker Mühle. 2006 kauften sie das historische Ensemble, erweiterten den Mühlenladen und eröffneten einen ­Gastronomiebetrieb mit 40 Sitzplätzen und einer Außenanlage.

Quelle: Silke Pfeifer-Sternke

Amöneburg. Seit 1929 war Familie Kleinschmidt Pächter der Brücker Mühle, die im Besitz der Stadt Amöneburg war. 1997 besuchte Prinz Charles aus Interesse an ökologischer Landwirtschaft die Mühle, die 1986 ein Biosiegel erhielt. Bis 2001 wurde dort noch Korn zu Mehl verarbeitet: in konventioneller und in Bio-Qualität.

Heute führen Thomas Kleinschmidt und Sabine Walter Gruppen durch die vier Stockwerke der Mühle und erklären, wie aus Roggen, Weizen und Dinkel Mehl hergestellt wird. So fasziniert wie die Besucher heute noch sind, war Agraringenieurin Sabine Walter von der Mühlentechnik, als sie 1994 auf die Brücker Mühle kam. Die Nordhessin hat mit der Mühle auch zu ihrer Liebe gefunden: Sie und Thomas Kleinschmidt sind seit 21 Jahren ein Paar, sie haben eine 18 Jahre alte Tochter.

Gastraum besteht seit Mitte der 1990er-Jahre

„Jedes Korn muss 18 Mal hoch und runter vom Erdgeschoss bis zum 4. Stock, bis es zu Mehl wird“, sagt Sabine Walter. Das Faszinierende: Es funktioniert alles rein mechanisch. Mehl wird zurzeit wegen des hohen Sanierungsaufwands nicht gemahlen. Die Mühle dient aber noch zu Bildungszwecken – sowohl für Schüler- als auch für Erwachsenengruppen.

Das Paar hat in dem Mühlengebäude Mitte der 1990er-Jahre einen Gastraum eingerichtet und den Mühlenladen erweitert, der anfangs nur 20 bis 30 Quadratmeter groß war. Ihren Traum, die Brücker Mühle zu betreiben, mussten Walter und Kleinschmidt für fünf Jahre aufgeben. Im Januar 2006 wendete sich das Blatt und der Kaufvertrag der Brücker Mühle wurde unterzeichnet. Im Juni desselben Jahr nahm das Paar den Betrieb wieder auf.

Im Gastraum lodert an den ­kalten Tagen das Feuerholz. Ein Kaminofen sorgt für woh­lige Wärme und eine große ­gusseiserne Kolbentrinkwasserpumpe aus dem Jahr 1859 erinnert an anno dazumal. Auf der Speisekarte stehen auch vegetarische und vegane Gerichte. „Schnitzel oder mal einen schönen Rinderbraten gibt es ebenfalls“, sagt Sabine Walter.

Zur Direktvermarktung werden in der Mühle Leinöl aus heimischem Bio-Leinsamen und diverse Nussöle hergestellt. „Die Nussöle verwendet man nur tröpfchenweise zum Würzen, weil sie geschmacklich sehr intensiv sind“, sagt Walter.

Schafskäse aus Thüringer Käserei

Im Mühlenladen wird ein Vollsortiment angeboten: von Backwaren einer Hofbäckerei über spezielle Käsesorten – 40 Sorten gibt es im Laden – bis hin zu frischem Obst und Gemüse, Eiern, Molkereiprodukten, Honig, Kartoffeln, Gewürzen, Kräuter, Tees sowie ausgesuchte Spirituosen aus heimischer Produktion. Das neueste Angebot ist ein Kürbissecco aus Hungen.

Sabine Walter findet ihre Angebotssorten manchmal auch rein zufällig. So stieß sie zum Beispiel in einem Bioladen in Eschwege auf einen speziellen Schafskäse. Sie war so angetan von dem Geschmack, dass sie die Käserei in Thüringen ausfindig machte und sich seitdem von dort beliefern lässt.

Aber auch Käse aus Eisemroth und aus dem Burgwald verkauft sie im Mühlenladen. Obst und Gemüse bezieht das Paar von einem regionalen Biogroßhändler, der in der Wetterau und in Hessen, aber auch im Ausland, bei alteingesessenen Biobetrieben bestellt. Deutschlandweit gibt es laut Sabine Walter zehn solcher Biogroßhändler, die jeweils nur Biofachgeschäfte in ihren Regionen beliefern.

„Die Qualität ist uns wichtig“, sagt sie. Thomas Kleinschmidt nickt zustimmend. Natürlich komme im Winter einiges nicht aus der Region, aber den Betreibern ist es wichtig, dass die Nahrungsmittel nicht mit Pestiziden belastet sind.
„Wir sind keine Dogmatiker, aber 90 Prozent von dem, was wir verzehren, muss Bio-Qualität haben“, sagt Sabine Walter, und diesen Anspruch stellt sie auch an die Produkte, die sie in ihrem Laden anbietet. „Wir sind Bio-Pioniere aus Überzeugung“, sagt sie stolz.

Stiftung soll Zukunft sichern

Ihr Arbeitstag und der von Thomas Kleinschmidt beginnt um 8.30 Uhr und endet oft erst dann, wenn der letzte Gast gegen 22.30 Uhr gegangen ist. Da das Paar dort lebt, wo es auch arbeitet, bieten sich zwischendurch auch mal Pausen an, doch „das Füße hochlegen klappt nicht immer“, sagt Sabine Walter. Für sie ist es ein ungeschriebenes Gesetz: Der Chef kommt als erster und geht als letzter. Montag und Dienstag ist Ruhetag in der Brücker Mühle, da an den Wochenenden auf dem Mühlengelände meist viel Betrieb herrscht.

Die Zukunft des eigentlichen Mühlenbetriebes will das Paar mit einer Stiftungsgründung für den Mühlentrakt sichern. Das eingetragene Kultur- und Industriedenkmal soll langfristig auch für Besucher erhalten bleiben. Die rechtlichen Voraussetzungen sind bereits erfüllt und ein über die Sanierung hinausgehendes Nutzungskonzept ist in diesem Jahr entwickelt worden.

Mit der Umsetzung dieses Projektes „ist der Weg vom Korn zum Brot weiterhin für die Besucher der Mühle erlebbar“, sagen Müllermeister Thomas Kleinsschmidt und Sabine Walter.

von Silke Pfeifer-Sternke

 
Betriebsdaten

Name: Brücker Mühle, Naturkost und Gastronomie

Gründungsjahr: 1986 Naturkost, 2006 Gastronomie

Fläche: Laden: 100 Quadratmeter, Gastronomie: 40 Sitzplätze

Tierhaltung: keine


Mitarbeiter: Laden: 4, Gastronomie: 2

Vermarktung: Mühlenladen

 
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