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Die wundersame Vermehrung

Obstbaumschnitt Die wundersame Vermehrung

Es hat etwas von Zauberei: Damit der Apfelbaum groß und stark wird, schneidet der Gärtner einen Teil der jungen Triebe ab – Obstbaumschnitt folgt natürlichen Regeln, die es zu beachten gilt.

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Wer in diesem Jahr leckere Äpfel ernten will, muss seine Obstbäume regelmäßig beschneiden - wie zum Beispiel jetzt im Frühling.

Quelle: Kai Remmers

Obereisenhausen. Jan Bade ist der „Birnenflüsterer“ – wenn bei der Sortenbestimmung kein Rat mehr zu bekommen ist, wird er gerufen. Der anerkannte Experte ist an diesem Samstagmorgen nach Steffenberg gekommen, um rund 40 Interessierte in Sachen Obstbaumschnitt zu unterweisen. „Machen Sie so viele Schnittkurse wie möglich“, lautet sein erster Rat. Obstbäume zu beschneiden bedeute ein lebenslanges Lernen, erklärt er und macht zugleich mit seinen ersten Misserfolgen Mut: Er habe beim ersten Mal viel rausgeschnitten „und die Bäume haben es mir sehr gedankt, mit viel Triebwachstum reagiert und drei Jahre kein Obst getragen.“

Die persönliche Anekdote verrät zweierlei: Zum einen, dass der Obstbaumschnitt Wirkung zeigt, und zum zweiten, dass es sehr darauf ankommt, wie man schneidet. „Das wichtigste ist die theoretische Grundlage“, sagt Bade und meint damit acht „Wachstumsgesetze“: Regeln, die die natürlichen Triebe beschreiben, denen die Obstbäume unterliegen. Sie müssen beachtet werden, wenn man mit dem Schnitt die gewünschten Ziele erreichen will.

Und von denen formuliert der Birnenexperte gleich drei: „Natürlich wollen wir leckere Äpfel ernten“, lautet das oberste Ziel. Zugleich sollen auch die Enkel noch etwas von den Obstbäumen haben, das heißt, die Bäume sollen möglichst alt werden und gesund bleiben. Jan Bade will aber auch die alten Sorten erhalten, von denen es allein bei Äpfeln und Birnen jeweils rund 450 gebe. Im Supermarkt finden sich nicht einmal zehn Sorten.

Der „normale“ Apfelbaum besteht eigentlich aus zweien, der so genannten Unterlage und der darauf veredelten Sorte. Die Unterlage mit den Wurzeln bestimmt, wie groß der Baum werden will – und da reicht das Spektrum von der schlanken Spindel wie im Erwerbsobstbau, die höchstens drei Meter groß wird, bis zum imposanten Hochstamm, der 12 Meter groß und ebenso breit werden kann. Auch das Alter variiert stark; die Spindel wird nach 20 Jahren gerodet, während der Hochstamm auch nach 100 Jahren noch zuverlässig „liefern“ kann.

Ein stabiles „Gerüst“

In Obereisenhausen vermittelt Jan Bade den in der Schweiz entwickelten „Öschbergschnitt“, dessen Ziel langlebige und vitale Halb- und Hochstämme mit möglichst gutem Fruchtertrag sind. In der Praxis bedeutet dies, dass in den ersten Jahren wenig oder gar nicht geerntet wird. Rund acht Jahre werden darauf verwendet, dem jungen Obstbaum ein stabiles „Gerüst“ zu verpassen, das anschließend auch größere Obstmengen tragen kann, ohne dass die Äste brechen. Den Großteil der Früchte will Bade vom Boden aus ernten können – „und was ganz oben hängt, ist für die Vögel“.

Geschnitten wird im zeitigen Frühjahr. Dann stehen die Jungbäume noch kahl in der Landschaft, an den Trieben aus dem vergangenen Jahr sind aber die Knospen, die auch Augen genannt werden, schon gut zu sehen. Für das „Gerüst“ sind der Stamm und vier spätere Leitäste wichtig. Der Stamm soll dauerhaft in der Mitte des Baums bleiben und möglichst gerade nach oben wachsen sowie die Spitze bilden. Die Leitäste führen im Idealfall nach vier Seiten in einem Winkel von 45 Grad vom Stamm weg. Der Mitteltrieb und die „Spitzen“ der Leitäste werden jetzt „angeschnitten“, also mit einer scharfen und sauberen Schere etwa einen Zentimeter oberhalb eines Auges abgeschnitten. Bei den Leitästen müssen diese Augen nach außen weisen. Das Anschneiden regt das Längen- und Dickenwachstum an.

Die Folgen der fünf Anschnitte sind schon drei Monate später zu sehen. Am jeweils obersten Auge haben sich lange, nach oben strebende Jungtriebe gebildet. Auch am nächsten Auge hat sich ein kräftiger Trieb entwickelt, der gleichfalls nach oben strebt. Weitere Triebe an den darunter liegenden Augen bleiben in der Länge schon deutlich dahinter zurück und wachsen nicht so steil nach oben.

Die Folgen sind Ausdruck von vier Wachstumsgesetzen: Die Triebe wachsen nach oben zum Licht hin. Diese Zielrichtung ist an der Triebspitze mit der so genannten Terminalknospe besonders ausgeprägt und lässt bei den tiefer liegenden Augen nach. Der Baum steckt die meiste Kraft in die obersten Teile, also die Stammverlängerung und die Spitzen der Leitäste, und die Astoberseite wird stärker gefördert als die Unterseite.

Im nächsten März folgt der zweite Erziehungsschnitt, bei dem wieder die Mitte und die vier Leitäste wie im Vorjahr angeschnitten werden. Die Triebe aus den zweiten Augen werden als so genannte Konkurrenztriebe komplett entfernt – sie nehmen ansonsten dem Haupttrieb die Kraft. Das gilt bei den Leit­ästen auch für alle anderen Triebe, die sich auf der Astoberseite gebildet haben.

Stamm von Bewuchs frei halten

Kleinere Triebe an den Astunterseiten bleiben, sie sind die zukünftigen Nebenäste und bilden das Fruchtholz. Wenn man alle auf der Astoberseite liegenden Augen mit einem Messer oder dem Fingernagel abkratzt, können sich hier keine unerwünschten Triebe entwickeln. Auch kürzere Triebe am Stamm dürfen bleiben.

Äpfel, Birnen und Quitten, aber auch Süßkirschen und Zwetschgen fruchten am mehrjährigen Holz. So kann spätestens im dritten Jahr damit gerechnet werden, dass sich an den Kurztrieben der Leitäste und den Seitenästen die ersten Blüten bilden.

Entwickelt der Jungbaum kräftige Jungtriebe, die mindestens 40 Zentimeter lang sind, dürfen sich auch einige Äpfel entwickeln. Bleiben die Jungtriebe bei 20 Zentimeter „hängen“, werden die Blütenknospen entfernt, um alle Kraft in das Wachstum des „Gerüsts“ zu leiten. In diesem Fall sollte der Blick auch auf den Boden gerichtet werden. Rund um den Stamm empfiehlt es sich, in den ersten Jahren die so genannten Baumscheiben von konkurrierendem Bewuchs frei zu halten.

Nährstoffe und Regenwasser sollen ganz dem Jungbaum zugute kommen. Fällt der Frühling trocken aus, muss in den ersten Jahren gegossen werden – und da gilt das Prinzip: Lieber 40 Liter auf einmal als vier mal zehn Liter. Nur so bekommen auch die tiefer liegenden Wurzeln etwas ab. „Ein Baum, der kaum noch austreibt, darf nicht geschnitten werden. Das Problem liegt unter der Erde“, erklärt Jan Bade.

„Luft muss in den Baum“

Und dieses Problem hat mitunter vier Beine und hört auf den Namen Wühlmaus. Sie frisst die Wurzeln ab und lässt sich nur mit Fallen davon abhalten. Manchmal ist der Boden zu mager, dann hilft eine Portion Kompost oder eine dünne Mulchdecke aus Gras auf der Baumscheibe. Entwickeln sich die Mitte und die Leitäste wie gewünscht, bleiben zwischen den Leitästen Freiräume, die so genannten „Leitergassen“. Sie sollen später sicherstellen, dass der Gärtner einen freien Zugang zum Stamm behält, um auch den Kronenbereich dauerhaft pflegen zu können.

Das Ziel der Altbaumpflege sei der ruhige Baum, erklärt der Birnenspezialist. Deshalb werde nur wenig angeschnitten. „Werden die Triebe zu lang, fehlt die Kraft zur Blütenbildung“, erklärt Bade und weist auf ein weiteres Ziel hin: „Luft muss in den Baum“. Sie verhindert zum einen, dass sich Pilzkrankheiten ausbreiten, zum anderen kommt mit der Luft auch Licht an das Obst. Ingrid Marie sei eine Apfelsorte, die durch ihre dunkelrote Färbung hervorsteche. Ohne das nötige Licht aber blieben die Früchte grün und sauer – Folge eines falschen oder fehlenden Beschnitts.

von Frank Rademacher

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