Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Die Gemeinde gibt, ein Verein übernimmt

Konzept Die Gemeinde gibt, ein Verein übernimmt

Ein Modell, das es so in Deutschland nicht gibt, soll den Fortbestand der Dorfgemeinschaftshäuser sichern und die Gemeinde von Kosten befreien.

Lohra. Noch ist nicht bekannt, was für Vorschläge die Haushaltsicherungskommission hinsichtlich des Fortbestands der Dorfgemeinschaftshäuser (DGH) in den Lohraer Ortsteilen ausarbeitet. Im Frühjahr sollten die Vorschläge der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Währenddessen war der Gemeindevorstand nicht untätig. Er hat nicht nur die Dorfgemeinschaften aufgefordert selbst Vorschläge auszuarbeiten, er lässt auch ein Modell vorstellen, das die Gemeindevertreter Hans-Wilhelm Kisch und Herrmann Schorge ausgearbeitet haben. Schorge ist auch bereit, dieses „in Deutschland einmalige Konzept“ den Ortsbeiräten vorzustellen.

Doch was hat sich die zweiköpfige Denkfabrik ausgedacht? Grundlage ist das Bestreben der Gemeinde, die Kostenträger Dorfgemeinschaftshäuser als Anlagevermögen aus ihren Büchern zu tilgen. Zugleich soll auch der Bevölkerung ermöglicht werden, die Dorfgemeinschaftshäuser in bisheriger Form weiterzuführen - sofern die Ortsbewohner das wünschen und auch bereit sind, etwas dafür zu tun.

Fördervereine „stottern“ Kosten ab

Wie soll das funktionieren? Voraussetzung ist, dass die Dorfgemeinschaft ihr Haus in Eigenregie übernimmt, zum Beispiel über einen Förder- oder sonstigen Verein. Das wird viele natürlich schrecken, wenn sie an die Kosten denken, die dann auf sie zukommen. Sie haben vermutlich noch die Kostenaufstellung vor Augen, die der Gemeindevorstand den Lohraern für alle DGH präsentierte.

Kisch und Schorge haben deshalb errechnet, welche Summen pro Jahr auf die Selbstverwalter zukommen könnten. Sie gingen davon aus, dass viele der Kosten entfallen, die zurzeit noch die Gemeinde tragen muss: Personal, Abschreibungen, kalkulatorische Zinsen oder Bauhof­einsatz. Auch Erhaltungsarbeiten könnte ein Verein durch ehrenamtlichen Einsatz kostengünstiger gestalten als die Gemeinde.

„Wir sind auf 25 bis 30 Prozent der Gemeindeaufwendungen gekommen“, berichtet Schorge. Für ein Haus wie jenes in Rodenhausen wären das zum Beispiel rund 520 Euro im Monat. „Das sind reine Ausgaben, die jeder Verein durch Einnahmen noch verringern kann“, verdeutlicht Schorge.

Diese 520 Euro entsprechen der Summe, die als Tilgungszahlung für den Kauf des Hauses an die Gemeinde zu zahlen wären, im eigentlichen Sinne aber einen Verzicht der Gemeinde auf Einnahmen darstellen. Dazu wird zwischen den Parteien ein Kaufvertrag geschlossen, wobei sich der „Preis“ am derzeitigen Buchwert der Häuser orientieren soll. „Es wird höchstwahrscheinlich ein politischer Preis sein“, deutet Schorge einen Verhandlungsspielraum an.

Gegenleistung: Verein führt Haus wie bisher weiter

Verkaufspreis und „Tilgungszahlung“ werden so in Einklang gebracht, dass der Schuldenstand des übernehmenden Vereins nach 20 Jahren null erreicht - einen tatsächlichen Geldfluss soll es nicht geben.

Als Gegenleistung erwartet die Gemeinde, die vertraglich festgehaltene Erfüllung der Verpflichtung, das Haus für die Dauer der vertraglichen Vereinbarung so weiterzuführen wie bisher.

Daraus ergeben sich aus Schorge und Kischs Sicht für beide Seiten Vorteile:

nDie Gemeinde erzielt einen angemessenen Verkaufspreis für ihr Anlagevermögen;

nsie ist nicht mehr für das Gebäude verantwortlich;

nsie hat keine weiteren Aufwendungen mehr, die das Jahresergebnis belasten außer den Abschreibungen in 20 Jahren, und diese wären wesentlich geringer als die bisherigen Aufwendungen, wodurch die Finanzlage der Gemeinde verbessert wird.

nDer übernehmende Verein erhält ein Anlagevermögen, über das er bestimmen kann;

ner muss sich dafür bei keiner Bank verschulden;

n und dies bei tragbaren Belastungen.

Zudem wird ein Vereinnahmungs-Effekt erwartet: Bürger, die sich ehrenamtlich für das Haus einbringen, investieren in dessen Erhaltung, Aussehen und Gastlichkeit, wodurch die Attraktivität des Hauses, zum Beispiel für Verpachtungen, zunimmt.

Natürlich gibt es auch Sicherungen, falls das Modell nicht funktionieren sollte:

nDie Gemeinde erhält ein Vorkaufsrecht, hat aber keine Rücknahmepflicht;

nder Rücknahmepreis errechnet sich aus den noch nicht erbrachten Leistungen des Vereins und dessen Verbindlichkeiten;

nsollte das Gebäude an Dritte verkauft werden, hat die Gemeinde Anspruch auf den Betrag, der die Verbindlichkeiten des Vereins übersteigt.

von Gianfranco Fain

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Hinterland