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Die Bisons sind endlich los

Artenschutz Die Bisons sind endlich los

Nach zehnjähriger Planung kamen die ersten Waldbisons im Artenschutzzentrum an.

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Dolora, Don und Catejan erkunden das Gehege.

Quelle: Benedikt Bernshausen

Feudingen. Mit dem Sonnenaufgang am Freitagmorgen setzt starker Schneefall ein. Mehr als 20 Zentimeter sind seit der Nacht schon gefallen und erschweren die Freilassung der Tiere „Im Dernbach“. Mit dem Transporter kann der massige Anhänger im tiefen Schnee nicht bewegt werden. Es wird ein Traktor gebraucht. Als der sich nach einiger Wartezeit mit den Wagen in Bewegung setzt, steigen bei allen Beteiligten Spannung und Nervosität – besonders bei Achim Wickel, dem Vorsitzenden des Vereins „Artenschutzzentrum Feudingen“.

Der Initiator steht zusammen mit Wegbegleitern, Freunden und einer Handvoll interessierter Bürger des Dorfes auf einer Anhöhe und beobachtet, wie der Traktor durch das Tor in das Gehege rollt. Dort öffnet Roy Smith schließlich die Heckklappe: Zögerlich schreiten Catejan, Dolora und Don aus dem warmen Anhänger in die kalte Feudinger Winterlandschaft. Erstmals betreten damit Waldbisons Wittgensteiner Boden.

Dolora, Don und Cajetan erkunden das Gehege.

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Bei Achim Wickel (Foto) wandelt sich die Anspannung in sichtbare Freude: „Wir haben es endlich geschafft!“ Seit beinahe zehn Jahren plant der 56-Jährige im Oberen Lahntal ein Tiergehege mit den vom Aussterben bedrohten Bison-Arten. Doch starker „Gegenwind“ verzögerte den Projektbeginn mehrere Jahre (die OP berichtete).

Der Transport mit den drei jungen Waldbisons aus dem Tierpark Nordhorn an der niederländisch-niedersächsischen Grenze erreichte das Obere Lahntal bereits am Donnerstagabend. Über Nacht blieben die Tiere jedoch im Wagen, sollten nach der stressigen Anreise zunächst zur Ruhe kommen können. Mit Erfolg: Unaufgeregt erkundete das pelzige Trio die neue Umgebung – ohne des befürchteten Ausbruchsversuchs aus dem Gehege.

Verteilung auf viele Gebiete sinnvoll

Rückblende: Noch vor der Morgendämmerung sitzen die Experten im benachbarten Wohnhaus von Familie Wickel und sprechen über das bemerkenswerte Projekt im Oberen Lahntal. Auf dem Anwesen der Familie soll eine dreigeteilte Zuchtstation für die Bisonarten entstehen. Die drei amerikanischen Waldbisons sind die ersten Bewohner der Station. In einem zweiten Gehege sollen spätestens im nächsten Jahr Wisente (europäische Bisons), in einem dritten danach amerikanische Präriebisons einziehen.

Biologe Uwe Lindner aus Berlin benennt die Ziele des Projektes: „Wir wollen Tiere aufnehmen, sie sollen sich vermehren und einen festen Sozialverband bilden.“ Nach einigen Jahren in Feudingen sollen die kleinen Herden freilebenden Verbänden im Rahmen von Wiederansiedlungsprojekten – je nach Art – in Osteuropa und Sibirien angeschlossen werden.

Zunächst steht allerdings der Waldbison im Fokus. „Wir stehen noch am Anfang, werden uns in nächster Zeit um weitere Tiere bemühen, um eine ordentliche Zuchtgruppe aufbauen zu können“, erklärt Lindner mit Blick auf die gefährdete Art.

Catejan, Don und Dolora sind Schenkungen des Tierparks Nordhorn und bilden zugleich eine Basis für Gespräche über potenzielle Kooperationen mit weiteren Züchtern und Tierparks. „Es gibt nämlich für Waldbisons bisher keine Gesamtidee“, betont Achim Wickel. Freie Herden leben in Kanada, Alaska und Sibirien.

Zusammenarbeit mit sibirischem Projekt geplant

Die ursprüngliche Heimat der Tiere sind die großen Waldgebiete Kanadas. Dort leben rund 7000 Tiere in freier Wildbahn. Zur Sicherung der Art wurden weitere Herden in Alaska (seit 2008; rund 135 Tiere) und Sibirien (seit 2006; rund 120 Tiere) angesiedelt. Die Verteilung der Tiere auf vergleichbare Lebensräume ist sinnvoll, da extreme Wetterlagen oder Krankheiten in einer Region nicht die gesamte Population gefährden.

Die Feudinger streben eine Zusammenarbeit mit dem sibirischen Projekt an, auch die Verantwortlichen in Russland befürworten eine Kooperation. In der morgendlichen Runde kann Achim Wickel deshalb einen international anerkannten Waldbison-Experten begrüßen: Professor Taras Sipko vom Institut für Ökologie und Evolution an der Universität Moskau. Der 57-Jährige betont: „Wir sind sehr an neuem Blut für unsere Waldbisons interessiert.“

Wölfe im Siegerland gesichtet

Gelingt also der Aufbau einer Herde in Feudingen, werden die Tiere für das Wiederansiedlungsprojekt in Jakutien zur Verfügung gestellt. Für das kleine Artenschutzzentrum ein enormer Kraftakt. „Ich denke aber, dass wir das hinbekommen werden“, sagt Biologe Uwe Lindner.

Am Morgen nach der vielbeachteten Entlassung der Tiere in das Gehege betrachtet Professor Sipko die Waldbisons zufrieden und in aller Ruhe vom oberhalb gelegenen Wohnhaus der Familie Wickel.

Begleitet wurde die Ankunft der amerikanischen Wildrinder übrigens von einer weiteren Sensationsmeldung: Eine Wild-Kamera hatte im benachbarten Siegerland einen Wolf abgelichtet. Gut gelaunt scherzt Taras Sipko deshalb: „Waldbison – hier! Wolf – hier! Russischer Experte – hier! Das ist wirklich eine gute Gegend!“

Weitere Tiere und eine Aussichtsplattform sollen folgen

Diesen positiven Gedanken will der Wissenschaftler in Russland an seine Kollegen weitergeben. Ein guter Start für Wickel und Lindner – und die jungen Bisons im Feudinger Dernbach.

Doch mit der Ankunft der ersten Tiere im Oberen Lahntal ist nur die primäre Etappe gemeistert. Geplant ist neben der Aufnahme weiterer Tiere in die Zuchtstation auch die Eröffnung eines Cafés sowie eines Beherbergungsbetriebs auf dem Grundstück der Familie. Die Voraussetzungen sind ideal: Unweit des Geländes verlaufen mit dem Rothaarsteig und dem Lahntalradweg zwei stark frequentierte Touristen-Routen. Außerdem sollen Rundwege zwischen den Gehegen und zwei Aussichtsplattformen eine gute Sicht auf die Tiere ermöglichen.

von Benedikt Bernshausen

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