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Der Stenograph verlässt das Haus

Abschied Der Stenograph verlässt das Haus

Der Nachfolger von Magistratsoberrat Erhard Schmidt im Amt, Jürgen Niess, tritt auch in Schmidts Fußstapfen als Schriftführer der Stadtverordnetenversammlung.

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Der langjährige Schriftführer Erhard Schmidt (Fünfter von links) – hier mit Ehefrau Angelika – wurde in der Stadtverordnetneversammlung verabschiedet.

Quelle: Silke Pfeifer-Sternke

Biedenkopf. Nach gut 25 Jahren und einen Tag vor seiner Pensionierung ergriff Erhard Schmidt zum ersten und letzten Mal das Wort, richtete es am Donnerstagabend an die städtischen Parlamentarier. Nach 184 Sitzungen der Stadtverordneten, 691 Magistratssitzungen, 138 Sitzungen des Geschäftsordnungsausschusses/Ältestenrat, 124 sonstigen Sitzungen, 82 Bürgerversammlungen - „Mein Archiv ist komplett“ - nahm Schmidt Abschied von seinen Weggefährten und sie von ihm.

Schmidt diente unter 5 Bürgermeistern und unter 5 Stadtverordnetenvorsteher. In 22 Jahren musste sein Stellvertreter nur zwei Mal zum Stift greifen. Seine Sache machte Schmidt immer perfektionistisch. Er war das Scharnier zwischen Politik und Verwaltung und wenn es knarrte oder hakte, half er mit Fachwissen nach, damit die Stadtverordneten vor der Abstimmung informiert waren, um guten Gewissens eine Entscheidung zu treffen.

Weil Schmidt viele Jahre ein verlässlicher Partner gewesen ist, forderte Michael Miss (BB) „Wiederwahl“. Das hohe Haus schien für einen Moment total irriert. „Ein Scherz“, klärte Miss auf. Alle lachten.

Dieter Spies (UBL) nahm als erster Redner Abschied vom „Urgestein“: „Man kennt dich als höchst kompetent und jeder schätzt deine sympathische kumpelhafte Art.“

Jonathan Schwarz (SPD) erinnert sich an vier gemeinsame Jahre mit Schriftführer Schmidt: Er habe diese Zeit geprägt wie kein anderer. „Ich gönne dir den Ruhestand. Wir hätten es noch mit dir ausgehalten, du aber offenbar nicht mit uns.“

Erhardt Schmidt lacht: „Das kann man so nicht sagen! “

Der Erste Stadtrat Jürgen Schneider ist einer der fünf Stadtverordnetenvorsteher, die zu erleben Schmidt die Ehre hatte . Und beide kennen sich offenkundig sehr gut. „Der Erhard hat auch Widerwort gehalten, meistens hat er Recht gehabt (auf sachlicher Ebene versteht sich), gestand Schneider.

Bürgermeister Joachim Thiemig begann seine Abschiedsrede vom „Büromenschen“ Schmidt mit den Eingangsworten: „Mein lieber Herr Schmidt...“ Dann zitierte der Rathauschef aus 48 Aktenordnern zur beruflichen Laufbahn von Magistratsoberrat Schmidt. Unter anderem über einen Aufsatz des damals 17-Jährigen, der sich nach einer Berlinfahrt mit den Studentenprotesten in Deutschland auseinandersetzte. Schmidt fand es besser, die Gedanken im Kopf, statt den Stein in der Hand zu haben. Dieser unerwartete und überraschende Aufsatz brachte Schmidt ein Lob in der Personalakte bei seinem damaligen Arbeitgeber, der Kreisverwaltung, ein.

1970 erlernte Schmidt, der passionierte Stenograph, den Umgang mit dem Personal Computer. Er hätte damals nicht gedacht, dass der PC aus seinem Büroalltag nicht mehr wegzudenken ist.

In seiner letzten Sitzung als Schriftführer stand der Laptop zwar vor Erhard Schmidt, allerdings lag davor auch ein Notizblock, auf dem mit rotem Stift merkwürdige Schriftzeichen geschrieben standen, die heute kaum noch jemand schreiben, geschweige denn entziffern kann - Steno eben.

Gestern um 11 Uhr hieß es dann für Schmidt im Rathaus Abschied nehmen von den Kollegen mit denen er zum Teil seit 19971 seit seinem Wechsel aus der Kreisverwaltung in die der damaligen Kreisstadt Biedenkopf gewechselt ist. Der Büroleiter wird den Kollegen noch lange im Gedächtnis bleiben, denn er war nur einer von insgesamt zwei Büroleitern, die es in der Stadtverwaltung Biedenkopf innerhalb von 60 Jahren gegeben hat.

von Silke Pfeifer-Sternke

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