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Der Basar der kalten Finger

Wintersportartikel auf der Sackpfeife Der Basar der kalten Finger

Schnell müssen Skisportbegeisterte sein, wollen sie ein Schnäppchen 
 machen. Die Basar-Saison ist kurz: Anfang Oktober starteten die Laaspher Vereine, am Sonntag 
setzte der Skiclub Sackpfeife den Zieleinlauf fest.

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Beim Ski-Basar auf der Sackpfeife gab es ein vielfältiges Angebot.

Quelle: Gianfranco Fain

Biedenkopf. Herbstlich rot leuchten die Blätter der Bäume am Wegesrand, die zur Sackpfeife hinaufführende Straße ist feucht, das Thermometer im Auto zeigt 4 Grad an. Zumindest die Außentemperatur passt zum Anlass. Es ist wieder Skibasar-Zeit auf der Sackpfeife.

Auch das Outfit von Annette Born und Heike Balzer wirkt angemessen: Dicke Jacken verbergen offenbar mehrere nach dem Zwiebelprinzip übereinandergeschichtete Kleidungsschichten, Handschuhe und Mützen schützen vor der morgendlichen Kälte. Sie stehen an der Zufahrt zum Parkplatz des Freizeitgeländes, knöpfen denjenigen, die aufs Gelände wollen – ob zum Verkauf oder nur zum Kaufen – zwei Euro ab.

Die Einnahmen fließen in die Vereinskasse. Das war schon immer so. Wie lange genau, weiß ad hoc niemand. „Seit den 1970er-Jahren“, erinnert sich Born vage, die noch nicht weiß, dass ihr dieses Jahr besonders in Erinnerung bleiben wird.

Das Prozedere haben die Anbieter seitdem ebenfalls nicht verändert: Auf die Sackpfeife­ fahren, Standgebühr zahlen,­ Auto in die Parklücke lenken, Kofferraum auf und Waren ausbreiten. So handhaben das noch heute die meisten der privaten Anbieter, die aus dem Wittgensteiner Land, Frankenberg, 
­Marburg oder auch Lohra kommen.

Einer von ihnen ist Carsten Scheffel (rechts, Foto: Fain), der aus Holzhausen/Eifa anreiste und mit seiner Lebensgefährtin seine Skiutensilien auslegt. „Alles was sich in den Jahren so angesammelt hat“, sagt der Holzhäuser. Sachen, die er oder seine Kinder nicht mehr benötigen, aber auch Dinge, die sich nach einmaligen Gebrauch als Fehlkauf erwiesen.

Scheffel, der auch schon in früheren Jahren auf die Sackpfeife kam, ist gut organisiert, hat einen Kleiderständer und für eventuelle Anproben auch einen Spiegel dabei. Überhaupt scheinen die Anbieter hier besser ausgestattet als Wochen zuvor auf einem Schulhof in Laasphe. Einige haben Tapeziertische dabei, andere gar Pavillons aufgestellt. Die erweisen sich als goldrichtig, denn während des Aufbaus kommt der erste Nieselregen herab.

Noch vor der offiziellen Eröffnung um 10 Uhr gehen die ersten Kaufwilligen durch die Reihen der rund 35 Fahrzeuge. „Konkurrenzbeschnuppern“ nennt das eine Frau, die das Nützliche gleich mit dem Praktischen verbindet: Informationen über Preise einholen und zugleich schauen, ob es das ein oder andere Stück gibt, das sie selbst gebrauchen kann. An den Ständen warten gebrauchte Skier aller Art, Snowboards, Schlitten, Skischuhe und Helme ebenso wie Handschuhe, Mützen und Wintermode auf neue Besitzer.

Winter passt sich Waren an

Kurz vor zehn Uhr erklingt aus großen Boxen des Vereins Stimmungsmusik, die ein Après-Ski-Feeling verbreitet, als der Basar beginnt. Interessenten gehen durch die Auto-Reihen und es zeigt sich: Wer eine große Auswahl hat und auch Fachwissen gut vermitteln kann, ist im Vorteil. So wie ein Lehrer aus Marburg. Selbst seit Jahren viel auf Pisten unterwegs, hat er einige Ski und weiteres Zubehör aus dem eigenen Fundus aber auch von Freunden aus dem Kleingladenbacher Skiclub dabei. Sein Credo: Interessenten gut beraten und faire Preise bieten. Darunter versteht er zum Beispiel 150 Euro für eine Paar Ski, die vor zwei oder drei Jahren im Geschäft noch nahezu 800 Euro kosteten.

Geschäfte werden an allen Ständen gemacht, bis der Niederschlag erneut einsetzt. Begleitet von eisigen Windstößen fallen diesmal Kristalle­ vom Himmel, bedecken die ausgelegten Waren. Der Wintereinbruch währt nicht lang, dennoch veranlasst er einige Anbieter, kurz nach 10.30 Uhr die Segel zu streichen.

Nach der Unterbrechung geht das muntere Treiben weiter. Nur wer viel Winterbekleidung zu bieten hat, schaut etwas betrübt aus der Wäsche. Bei den Temperaturen ist das Anprobieren von Ski-Stiefeln offenbar das Höchste der Gefühle. Auch Kindermode lässt sich ohne Anprobe absetzen, zum Beispiel eine Marken-Skihose für 5 Euro, die zur Not auch erst im nächsten Winter passt.

Altes Material in Zahlung gegeben

Doch zum Verkaufen gehört auch das Glück, das richtige Angebot zur rechten Zeit zu haben. Scheffel hat das, was eine sehr junge Frau sucht. Diese will sich für eine Fahrt ins Stubaital einkleiden und rechnete wohl nicht schon auf der Sackpfeife mit winterlichen Temperaturen. Mit Leggings, einem dünnen Oberteil, einem breiten Schal und ohne Socken in den Stiefelletten, sucht sie nach einem Skianzug. Sie probiert die weiß-orangene Kombi an Ort und Stelle, betrachtet sich im Spiegel und behält sie gleich an.

Mit der Zeit nimmt die Zahl der Kaufwilligen ab, während der Absatz am Getränke und Imbiss-Stand des Skivereins kontinuierlich zunimmt. Die heißen Getränke wirken nicht nur innerlich, sondern dienen auch als Handwärmer. Die Kälte setzt vielen zu. Interessenten bleiben aus, Anbieter resignieren, packen ihre Waren ein und fahren davon.

Gegen 11.30 Uhr haben sich die Reihen zu zwei Dritteln gelichtet. Dennoch gibt es auch zufriedene Anbieter, denn: „Wer bei diesem Wetter hier hoch kommt, der will was kaufen“, weiß der Marburger Lehrer aus Erfahrung. Auch der Großanbieter aus Siegen, der mit einem Wohnmobil und jeder Menge Skier, Skistiefeln sowie Helmen und anderen Ausrüstungsgegenständen vor Ort ist, äußert sich zufrieden. Auch weil er viele Stammkunden hat, mit denen ihn so etwas wie einen Waren-Kreislauf verbindet. „Die Kinder wachsen mit“, sagt er. Oft nehme er Sachen in Zahlung, die er im Vorjahr verkaufte.

Auch die Veranstalter sind zufrieden. „Für diese Wetterverhältnisse hatten wir einen guten Zulauf“, sagt Vorstandsmitglied Annette Born Balzer. Und obwohl die Zufahrt über die Bundesstraße für die Interessenten aus dem Frankenberger Raum gesperrt war, kamen an diesem Sonntagvormittag rund 200 Zahlende – einer sogar aus Wetzlar – auf den Sackpfeifen-Parkplatz.

Für die 25 Mitglieder des Skiclubs, klingt ihr Einsatz gegen 12 Uhr aus. Schluss ist für sie aber noch lange nicht. Dem Abbau geht mit einem gemütlichen Beisammensein der Einstieg in die Saison voraus.

von Gianfranco Fain

 
 
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