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Denkwürdiger Moment in Kriegswirren

Krippenspiel Denkwürdiger Moment in Kriegswirren

Im Steffenberger Ortsteil Oberhörlen führten die Konfirmanden im Advent ein ganz besonderes Weihnachtsstück auf.

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Während Soldat Wilhelm (Paula Kornmann) eine Kerze entzündet, beobachten ihn seine KameradHans (Luca Achenbach) und Karl (Marie Schmitt) misstrauisch.Foto: Jürgen Jacob

Oberhörlen . Nicht Maria und Josef mit dem Jesuskind und der Krippe standen im Mittelpunkt, sondern eine Szene, die sich vor 100 Jahren im belgisch-französischen Grenzgebiet abgespielt hat.

Im Bürgerhaus erlebten die zahlreichen Besucher nach „Weihnachten im Gefängnis“ und „Weihnachten im Schaufenster“ in den Vorjahren diesmal ganz nebenbei eine Geschichtsstunde der ganz besonderen Art.

Auf der Bühne gab es statt einer klassischen Weihnachtskrippe vielerlei historische Utensilien: Sandsäcke, Schaufel, Knüppel, Holzkörbe und ein Dreibein. Selbst die Türen wurden mit alten Holztüren verblendet. Nachgestellt waren die Schützengräben und det „Unterstand Messines“, aus Holz zusammengezimmert und mit dem Reichsadler versehen.

Die Konfirmanden waren in aufwendige Kostüme geschlüpft, die speziell für das Spiel vom Gießener Stadttheater entliehen wurden, und hatten dietypischen Pickelhauben auf dem Kopf.

Pfarrer Stefan Föste hatte sich das Stück vom „Wunderbaren Weihnachtsfrieden 1914“ von Wolfgang Kohlstruck vorgenommen und für seine Konfirmanden umgeschrieben.

Gemeinsam mit Magda Thome, die in der evangelischen Kirchengemeinde Ober-/Niederhörlen und bei der Evangelischen Jugend im Dekanat Gladenbach ihr Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, hat der Ortspfarrer und Dekanatsjugendpfarrer Stefan Föste in den vergangenen Wochen das Weihnachtsstück eingeübt, das 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges auch an einen kleinen Frieden darin erinnert.

„Der wunderbare Weihnachtsfriede 1914“ zeigt in elf Szenen den Protest französischer, englischer, belgischer und deutscher Soldaten gegen den Krieg. Die Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg konfrontieren uns zumeist mit Schilderungen vom hoffnungslos verkrampften, schrecklichen Stellungskrieg an der Westfront, der Hunderttausenden das Leben kostete. Eine ganz andere Nachricht, dass nämlich eine nicht geringe Anzahl von Soldaten aus den beteiligten Nationen dem Krieg wenigstens einmal ihr Nein entgegengesetzt haben, steht im Mittelpunkt der Geschichte.

Sie verließen entgegen allen militärischen Vorschriften und wider alle Hasspropaganda ihre Gräben und verständigten sich im Niemandsland mit ihren „Feinden“. Das geschah in den Weihnachtstagen 1914. Im Weihnachtsstück stehen dabei die vier deutsche Soldaten: Karl (Marie Schmitt), Hans (Luca Achenbach), Wilhelm (Paula Kornmann) und Ernst (Rosa Schneider) in ihrem Unterstand des kaiserlichen Heeres an der Westfront im Zentrum.

Sie erzählten von ihren Erlebnissen, die schon in den ersten Kriegsmonaten zu vielen Toten geführt hatte. Aber dann in den Weihnachtstagen 1914 zwischen Gräben von Schlamm, Artillerieangriffen, Ratten, Blut und Leichen geschah etwas, was so keiner geplant hatte.

Es begann mit Weihnachtsliedern und ging weiter mit dem gemeinsamen Bestatten der Toten im Niemandsland; dann tauschte man: Rum gegen Plumpudding, Zigarren gegen Äpfel, Erinnerungsstücke und Adressen und spielte an einer Stelle auch Fußball - nicht gegen- sondern miteinander. Der Krieg war nicht zu Ende, aber an diesem Weihnachten, musste er dem göttlichen „Friede auf Erden“ das Feld überlassen.

Dieser „Sieg von Weihnachten“ und der „Frieden von Weihnachten“ hat der spätere Chemie-Nobelpreisträger Otto Hahn schon in einem Brief an seine Frau am 25. Dezember 1914 herausgestellt. Dies machte aus lebensgefährlichen „Feinden“ liebenswürdige Mitmenschen, wahrlich ein revolutionäres Geschehen.

Die ganzen Szenen wurden von den jugendlichen Konfirmanden aus Nieder- und Oberhörlen mit soviel Überzeugung gespielt, dass es am Ende stehende Ovationen gab.

Im gottesdienstlichen Rahmen um die Geschichte des Weihnachtsfrieden 1914 wirkten neben Pfarrer Stefan Föste auch der Flötenkreis der Kirchengemeinde mit und auch die Besucher waren zum singen weihnachtlicher Lieder eingeladen.

von Jürgen Jacob

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