Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Den Tod vor Augen – das Leben spüren

Persönlich Den Tod vor Augen – das Leben spüren

Beim Kriseninterventionsdienst (Kid) wird Inge Blöcher häufig mit dem Tod konfrontiert. Zwischen all den persönlichen Katastrophen, die sie sieht, zeigt sich jedoch ihr ungebrochener Glaube an das Leben.

Voriger Artikel
Im Flug abgehoben, sonst geerdet
Nächster Artikel
Bienenzüchter tauschen Informationen aus

Inge Blöcher vom Kriseninterventionsdienst (Kid) in ihrem Garten in Weifenbach .Hier findet sie einen Ausgleich zu ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit.

Quelle: Dennis Siepmann

Weifenbach . Manchmal sitzt sie einfach nur daneben und hält die Stille aus. Längst sind die Notarztsirenen verklungen und statt aufgeregter Stimmen, die sich in Verzweiflung und Trauer überschlagen, ist da nur noch Schweigen. Inge Blöcher weiß, dass es in diesem Moment keine Worte gibt, die trösten können. Aber sie weiß auch, dass dieser Moment der Anteilnahme einem Menschen helfen kann, der gerade etwas Furchtbares miterleben musste.

Ist Inge Blöcher „im Dienst“, dreht sich alles um ein kleinen Kasten. Ihr „Pieper“, der sogenannte Funkalarmempfänger, bestimmt dann sogar ihren Bewegungsradius. „Wenn es klingelt, muss ich alles stehen und liegen lassen“, sagt die Weifenbacherin. Deshalb verzichte sie unter anderem auf ausgedehnte Spaziergänge im Wald oder auf Fahrten, die sie zu weit von ihrem Wohnhaus führen würden.

So wie Inge Blöcher haben alle ehrenamtlichen Mitarbeiter des Kriseninterventionsdienstes (Kid) – im Landkreis Marburg-Biedenkopf sind es etwa 50 – den Anspruch, spätestens eine halbe Stunde nach Alarmierung durch die zentrale Leitstelle am Einsatzort zu sein. Zuvor hat entweder Polizei, Feuerwehr oder der Rettungsdienst einen Notfall gemeldet, bei dem die Hilfe der Kid-Mitarbeiter erwünscht ist. Bei diesen Einsätzen geht es mehrheitlich um nicht weniger als Leben und Tod: Unfälle im Straßenverkehr, auf den Gleisen oder in Firmen. Suizide, Gewaltverbrechen, Überbringung von Todesnachrichten und erfolglose Reanimationsversuche.

Eine wahre Aufzählung des Schreckens, die jedoch fast immer eine Gemeinsamkeit beinhaltet: Es gibt Menschen, die von diesen Ereignissen unmittelbar betroffen sind. Seien sie nun Angehörige oder Augenzeugen.

"Von ganz still bis zu Fassungslosigkeit und schreiendem Schmerz"

Angekommen am Einsatzort zeigt sich dann die ganze Bandbreite der menschlichen Gefühlspalette, sagt Inge Blöcher: „Das geht von ganz still bis zu Fassungslosigkeit und schreiendem Schmerz.“ In diesen belastenden Situationen komme es auf das richtige Fingerspitzengefühl an, erklärt sie weiter.

Bei Trauernden, die ein Familienmitglied verloren haben, gehe es häufig erst einmal darum, dieses schreckliche Ereignis überhaupt zu akzeptieren. „Es ist wichtig für die Menschen, wirklich zu spüren, dass der andere gerade verstorben ist.“ Die Weifenbacherin versucht die Situation am Einsatzort, so weit es eben möglich ist, zu stabilisieren.
„Viele Menschen, die gerade etwas schlimmes erlebt haben, glauben wirklich, dass sie nun verrückt werden, weil die Emotionen so rauf und runter gehen. Wir sagen ihnen dann, dass ihre Reaktion aber völlig normal und menschlich ist“, erklärt Inge Blöcher, die auch auf das körperliche Wohl der Trauernden achtet. „Hat derjenige etwas zu trinken oder braucht er vielleicht eine Decke?“, stellt sie sich immer wieder die selben Fragen. „Oft sagen Hinterbliebene auch so etwas wie: ‚Hätte ich dies oder jenes gemacht, wäre das alles nicht passiert‘. Diese falsche Bewertung versuchen wir, so weit es geht, zu korrigieren.“

"Der Abschied ist total wichtig"

Genauso heikel wie die Schuldfrage sei auch das Thema des Abschiednehmens. Im Gespräch am Einsatzort geht es deshalb häufig um die letzte Begegnung mit dem nun Verstorbenen. „Der Abschied ist total wichtig“, sagt Blöcher, sei es nun ein letzter Blick auf den geliebten Menschen oder die bloße Berührung dessen Hand.

Es seien die besonders kleinen Dinge, die bei ihr Aufmerksamkeit erzeugen würden, sagt die Mutter von zwei Töchtern und einem Sohn. Beispiels­weise, wenn ein trauernder Angehöriger irgendwann einen Kaffee anbietet.

Keine große Sache, sollte man meinen. „Wichtig ist, dass derjenige in diesem Moment wieder etwas selbst in die Hand nimmt und Sicherheit bekommt, Dinge selber zu machen“, sagt die Weifenbacherin. Kann man bei diesen vielen schlechten Nachrichten überhaupt ein glückliches Leben führen, ohne zynisch zu werden? „Die Professionalität hilft, nicht ganz mit in das Leiden hinein zu gehen“, erklärt Blöcher.

Wichtig sei, Abstand zum Geschehen zu halten. Außerdem habe sie jederzeit die Möglichkeit, „einen Einsatz nicht zu fahren“. Das Ehrenamt habe sie belastbarer gemacht, sagt sie: „Ich weiß, dass das Leben plötzlich auch anders sein kann. Der Tod darf einfach nicht so eine große Rolle spielen.“

Um ein Gegengewicht zu schaffen, verliert sie sich häufig in Büchern oder schwitzt beim Sport. „Ich kümmere mich auch um meinen Garten und pflege intensive Beziehungen, um das Leben zu spüren. Dabei hilft mir auch mein Glaube, der eine wichtige Rolle in meinem Leben einnimmt.“

Hintergrund
Etwa 80 bis 100 Mal werden die Kid-Mitarbeiter jährlich im Landkreis zu Notfällen gerufen. Vorbereitet werden die mehrheitlich aus Sozialberufen stammenden Freiwilligen in Wochen­endseminaren. Die Einteilung zu den Diensten erfolgt, ebenso wie die Einsatz-Reflexion, in Gruppentreffen. Inge Blöcher schätzt die durchschnittliche Dauer eines Einsatzes, der immer von zwei Kid-Mitarbeitern bewältigt wird, auf zweieinhalb bis drei Stunden.

von Dennis Siepmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr