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Dem Stress kann man davonwandern

Wandern mit Wanderforscher Rainer Brämer Dem Stress kann man davonwandern

Bei einer Tour durch die Hinterländer Schweiz erklärt Rainer Brämer, 
warum Wandern in einer schönen Landschaft hilft, dem Alltagsstress zu entfliehen und den Körper ins Gleichgewicht bringt.

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Der Ausflug in die Hinterländer Schweiz mit Wanderforscher Dr. Rainer Brämer ist abwechslungsreich. Nach dem Start im dunklen Wald öffnet sich die Aussicht und macht neugierig, wie es weitergeht. Der etwa acht Kilometer lange Spazierwanderweg zählt zu Brämers Lieblingswegen.

Quelle: Philipp Lauer

Gladenbach. Kaum zwei Minuten dauert es, schon ist man auf dem Spazierwanderweg „Hinterländer Schweiz“ der Zivilisation entflohen. Der Kontrast zwischen Parkplatz und der bizarren Schieferlandschaft könnte größer kaum sein. „Die meisten Menschen gehen wandern, um die Natur zu erleben“, berichtet Wanderforscher und Natursoziologe Dr. Rainer Brämer aus Lohra. Auf einem guten Wanderweg erfährt man also die Umwelt mit ihren unterschiedlichsten Elementen. „Eine schöne, abwechslungsreiche Landschaft ermöglicht in kürzester Zeit, den Stress des Alltags hinter sich zu lassen. Hier gibt es diese Möglichkeit direkt vor der Haustür“, sagt Brämer. „Wandern hilft dabei, Abstand von den äußeren Reizen zu gewinnen, die tagtäglich auf uns einprasseln.“

Wie gut das Abschalten gelingt, hat auch mit der Abwechslung auf dem Weg zu tun. „Besonders gut wirken kleinräumige Landschaften, die unsere Aufmerksamkeit fordern, aber nicht überfordern“, sagt Brämer, während der Weg aus dem dunklen Wald hinaus auf das offene Feld führt. Die Blicke können schweifen und bleiben immer wieder an einzelnen Bäumen, Wiesen und kleinen Wäldchen hängen. Immer wieder reizt die Aussicht auf interessante Ecken, weiterzugehen. „Eine schöne Landschaft hebt die Stimmung“, erklärt der Natursoziologe.

Wir sagen schön und meinen sicher

Was wir dabei als schön empfinden, entscheidet unser Gehirn innerhalb von Sekundenbruchteilen anhand bestimmter Muster. Das sei in amerikanischen Studien belegt, dort wird auf diesem Gebiet mehr geforscht. „Wir empfinden Landschaften als schön, die uns sowohl Übersicht bieten, als auch Schutzmöglichkeiten. Wir nennen eine Landschaft schön, meinen aber eigentlich sicher – das steckt in unserer Veranlagung.“

Früher habe man Wanderwege nahe an der Infrastruktur ausgerichtet, sich an Bahnhöfen und Ortschaften orientiert. Mittlerweile wünschen sich Wanderer naturnahe Wege, die möglichst ohne Asphalt aus der oft übertechnisierten Zivilisation herausführen, zeigt Brämer die Entwicklungen auf.

Bei einer Tour durch die Hinterländer Schweiz erklärt Rainer Brämer, 
warum Wandern in einer schönen Landschaft hilft, dem Alltagsstress zu entfliehen und den Körper ins Gleichgewicht bringt.

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Der aussichtsreiche Weg führt über die Idenhauser Wüstung hinunter in das Kehlnbachtal. „Ein guter Wanderweg komponiert die Erlebnisse zu einer gewissen Dramaturgie“, erklärt der Wanderforscher beim Blick auf das nach innen gerichtete Tal, dessen friedliche Wiesen links und rechts klar durch die Waldränder begrenzt sind.

Zur perfekten Idylle fehlt nur noch eine friedliche Horde Kühe. Auch diese lässt nicht lange auf sich warten – gleich hinter der nächsten Ecke grasen eine Handvoll Muttertiere und ihre Kälber. „Gefühlt ist man hier der Natur sehr nah, ganz mit sich selbst“, freut sich Brämer.

Bewegung bewirkt Stoffwechselprozesse

Neben Naturerlebnissen verspricht Wandern eine positive Wirkung auf die Gesundheit. Die erbrachte Ausdauerleistung verbraucht viele Kalorien und ist gut für das Herz-Kreislauf-System. Außerdem setzt die Bewegung über die Muskeln verschiedene Stoffwechselprozesse in Gang. „Im Gehirn bewirkt zum Beispiel Serotonin Entspannung.

Der Kopf wird nachweislich klarer, die Kreativität wird angeregt“, erklärt Brämer. Wandern bietet sich deshalb nicht nur zur Entspannung, sondern auch zur unterstützenden Therapie bei Depressionen und sogar Alzheimer an.

Langfristig könne Wandern auch dabei helfen, besser mit negativem Stress umzugehen. „Wandern bringt Psyche, Kreislauf, Stoffwechsel und den Hormonhaushalt ins Gleichgewicht“, erklärt der 71-Jährige.

Aus seiner Erfahrung als Leiter von Gruppenwanderungen berichtet Brämer, welchen Effekt das gemeinsame Erlebnis in der Natur auf zwischenmenschliche Beziehungen haben kann: „Wenn man sich gemeinsam mit der Natur auseinandersetzt, kann das die sozialen Beziehungen schnell wachsen lassen.“ Man tausche sich in entspannter Atmosphäre über die Eindrücke aus und findet so leicht einen Zugang zum Anderen. Widrige Umstände können das Ganze sogar noch verstärken. „Ich habe oft erlebt, dass insbesondere Regenwetter die Stimmung in einer Gruppe steigern kann, und der Zusammenhalt wächst“, berichtet Brämer.

Trend: kompakte Erlebnisse und genüssliches Wandern

Viel Zeit und Lust für lange Mehrtagestouren bringen die wenigsten Wanderer mit. Die Mehrheit wünscht sich Rundwanderwege, auf denen sie in einem kurzen Zeitraum viel erleben kann.

Diese Entwicklung führt dazu, dass kürzere Wege viel bieten. Darüber freuen sich auch Kinder und Jugendliche. „Insbesondere auf vielen Premiumwegen gibt es allerhand zu entdecken für Kinder: Felsen, Bäche, Brücken, Steine, Pfützen und Matsch. Oft können sie irgendwo hochklettern oder sich verstecken.“

Nach etwa zwei Stunden und etwa acht Kilometern Spazierwandern durch die Hinterländer Schweiz rundet ein schmaler Pfad die Wanderung ab. Er führt an Felsen vorbei hoch zur Ruine Blankenstein.

Dort lädt ein Tisch zu einer kurzen Rast ein, bevor es wieder zurück in die Zivilisation geht. „Eine gemütliche Einkehr gehört eben auch dazu. Dann kann man sich einfach rundum wohl fühlen“, beschließt Rainer Brämer den Ausflug.

von Philipp Lauer

Die Karte zur Wanderung durch die Hinterländer Schweiz können Sie hier herunterladen:

Hintergrund
Mehr zu Rainer Brämers Wanderforschung gibt es auf seiner Homepage. Im Internet finden Sie außerdem 
Informationen über den Lahn-Dill-Bergland-Pfad und über Wanderwege im Burgwald.
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