Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Landärzte suchen Landärzte

Werbekampagne Landärzte suchen Landärzte

Zwei Ärzte in Dautphetal schließen Mitte 2018 ihre Praxen. Die Suche nach Nachfolgern muss jedoch nicht aussichtslos sein, wie das Beispiel von Dr. Daniel Sieveking in Wallau zeigt.

Voriger Artikel
Gefährliche Fahrt mit Alkohol
Nächster Artikel
Integration geht durch den Magen

In der Regel gehen Ärzte Krankheiten auf dem Grund, manchmal müssen sie aber auch Nachfolger finden.

Quelle: Joerg Koch

Holzhausen. Die Allgemeinmediziner Dr. Martin Bohe und Dr. Joachim Ziegler verkündeten vorigen Monat, ihre Praxen in Holzhausen und Friedensdorf im Sommer 2018 zu schließen. Wenn sie bis dahin keine Nachfolger finden, wären 4000 Patienten unversorgt.

Die Aussichten, Ärzte für Landarztpraxen zu gewinnen, sind jedoch nicht rosig. Bohe bemüht sich schon seit zwei Jahren, jemanden zu finden, der seine Patienten übernimmt. Damit „sich hier etwas tut“, verkündete der Mediziner seine Ruhestandspläne frühzeitig und knüpft daran seine Hoffnung, einen Kollegen zu finden, der in einer Landpraxis arbeiten will.

Nachdem die Dautphetaler Ärzteschaft Kontakt mit dem Bürgermeister aufnahm, um bei der Suche gemeinsam vorzugehen ( die OP berichtete), wollen die Ärzte nun den nächsten Schritt angehen. „Wir beabsichtigen, eine Werbeagentur zu engagieren“, stellte der Allgemeinmediziner am Dienstag den Plan der Dautphetaler Ärzte vor. Anlass war ein Gespräch mit der SPD-Fraktion. Die Agentur müsse mehreres leisten:

  • herausfinden, wie die Zielgruppe zu erreichen ist,
  • Filme und Projekte erstellen, um die Zielgruppe anzusprechen.

Die Botschaft, die zu vermitteln ist, sind die Gründe, weshalb junge Ärzte nach Dautphetal kommen sollen, erklärt Dr. Bohe. Die PR-Aktion müsste hessenweit laufen, meint der Arzt: „Wir müssen größer denken, über die Region hinaus.“

Denn obwohl mit dem Universitätsklinikum in Marburg eine Ausbildungsstätte vor der Tür des Hinterlandes liegt, finden immer seltener junge Ärzte den Weg aufs Land. Dabei haben sich die Bedingungen seit Jahren geändert. Aufs Land ziehen, so wie es Bohe (Foto: Christian Röder) vor rund zehn Jahren tat, als er die Praxis am Fuße des Hünsteins übernahm, muss heute kein Arzt mehr.

Doch ihm wuchsen in dieser Zeit die Dorfgemeinschaft und seine Patienten ans Herz. Vor allem aus diesem Grund fällt ihm die Aufgabe seiner Praxis in der Gasserstraße nicht leicht. Um für seine Patienten einen neuen Arzt zu finden, warb er zum Beispiel über die Kassenärztlichen Vereinigung. Drei Interessenten meldeten sich, doch „da war nichts Ernstzunehmendes dabei.“

Dabei stünden einem oder mehreren Nachfolgern viele Möglichkeiten offen: zum Beispiel eine Gemeinschaftspraxis von zwei jungen Ärztinnen, die halbtags arbeiten könnten. Denn die Sorge, bei einer Praxisübernahme auf dem Land total eingespannt zu sein, sei einer der Hinderungsgründe. Zudem werde die Medizin immer weiblicher. 70 Prozent der neuen Ärzte sind Frauen. „Und die planen häufig Familie und arbeiten deshalb gerne halbtags.“

Selbst tolle finanzielle Anreize der Kassenärztlichen Vereinigung fruchteten bisher kaum. Finanziell ließe es sich mit einer Arztpraxis auf dem Land gut leben, doch Geld sei für viele junge Ärzte nicht der entscheidende Faktor. Die Stadt zieht, stellt die ländliche Region mit ihrer kulturellen und der Versorgungsinfrastruktur ins Abseits. Dabei habe Dautphetal einiges zu bieten: Es gibt Kindergärten, Schulen, ein kulturelles Angebot, und man erreicht Marburg oder Gießen in 30 Minuten.

Doch allen guten Gründen zum Trotz hat Dr. Bohe eine Vermutung, gegen die auch eine Werbeagentur kaum wird ankommen können: In einer Landarztpraxis gebe es keinen Oberarzt, den man im Zweifelsfall fragen könnte, niemanden, der hinter einem stehe. „Die junge Mediziner-Generation hat Angst vor der Selbstständigkeit und der Verantwortung.“

Dies kann Dr. Daniel Sieveking (Foto: Fain) aus seiner eigenen Lehrtätigkeit mit Studenten nur bestätigen. Der 37-Jährige übernahm vor rund einem Jahr eine Praxis in Wallau. „Viele können sich nicht vorstellen, allein zu arbeiten“, sagt der in Wallau tätige Mediziner. Und die Zahl derer nehme stetig zu. Die Gründe dafür seien auch in der Ausbildung zu suchen.

Statt einer breit gefächerten werde auf Gerätemedizin gesetzt, und der zunehmende Kostendruck in den Kliniken wirke sich auch auf die Ausbildung negativ aus. Zudem genieße der Allgemeinmediziner unter Studenten einen schlechten Ruf, der an den Kliniken noch verstärkt werde.

Dabei seien die Aufgaben eines Allgemeinmediziner umfassend. Er müsse „viel gesehen haben“, Menschen schnell einschätzen können und auch ohne viel Technik zur richtigen Diagnose kommen. Der im Ruhrgebiet geborene Sieveking durchlief nach seinem Studium in Marburg mehrere Fachbereiche des Klinikums, war auch in Häusern in Offenbach, Limburg oder Frankenberg tätig, bevor er sich in Wallau niederließ. Seitdem pendelt er von Marburg aus zu seiner Praxis und findet: „Es ist das Erfüllendste, was ich in meinem Leben gemacht habe.“

Er genießt die weitestgehende Behandlungsfreiheit ohne Diktat eines Verwaltungsdirektors oder Chefarztes, und er gestaltet seinen Tagesplan selbst. Dies führe entgegen der Tätigkeit in den Notfallbereichen zu einer völlig anderen Zusammenarbeit mit den Patienten. Deshalb glaubt Dr. Sieveking auch, dass sich der Trend unter Idealisten wieder zugunsten der Landpraxen wenden wird.

Dort ist man auch als Neuling nicht allein, verdeutlicht Dr. Bohe: „Wir haben hier in der Dautphetaler Ärzteschaft einen kurzen Draht zueinander. Weiß ich nicht weiter, rufe ich einen Kollegen einen Ort weiter an – und umgekehrt.“ Und auch wenn seine Praxis nicht so ausgestattet sei wie eine in der Großstadt, ließe sich das beheben. Für die Übernahme seiner Praxis will er von einem Nachfolger jedenfalls „nicht einen Cent nehmen“.

von Gianfranco Fain

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Gemeindeparlament Dautphetal
Zielgerichtet, nach Vorstellung der CDU unter anderem mit einer Finanzspritze, soll die Ansiedlung von Ärzten in der Gemeinde Dautphetal gefördert werden. Archivfoto: Erwin Wodicka

Während CDU und SPD Vorschläge für die nächste Gemeindevertretersitzung unterbreiten, sind die Freien Wähler noch 
unschlüssig, welche Ideen sie unterstützen wollen.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr