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„Andres“: Mehr als ein Dorfladen

Geschäftsaufgabe „Andres“: Mehr als ein Dorfladen

Ende einer Ära: Nach mehr als 80 Jahren hat dort der letzte verbliebene Dorfladen dichtgemacht. Dabei war er stets mehr als nur ein ­Geschäft, wie die Besitzerinnen Christa und Doris Muth berichten.

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Christa Muth und Ortsvorsteher Harald Velte erinnern sich an die Zeiten, als der Laden noch richtig gut lief und den Mittelpunkt des dörflichen Lebens bildete.

Quelle: Sascha Valentin

Silberg. „Der Laden war auch immer ein Treffpunkt für die Menschen im Dorf“, erinnert sich Christa Muth. Vor allem die Älteren seien regelmäßig gekommen, auch wenn sie nichts kaufen wollten. Zu „Andres“, so der Hausname, ging man, um einander zu sehen und sich die neuesten Geschichten zu erzählen. Und das traf keineswegs nur auf die Silberger zu. „Wir hatten immer Kunden aus dem ganzen Hinterland“, sagt Doris Muth. Aus Bad Endbach sei immer ein ganzes Auto­ voller Frauen gekommen, um in dem Laden Kittel zu kaufen.

Und noch während die Besitzerin davon erzählt, kommen zwei Frauen aus Weifenbach durch die Ladentür, die von der Geschäftsaufgabe gehört haben. Sie hätten schon hier eingekauft, als Christas und Doris‘ Vater den Laden noch geführt habe, erzählen sie.

Die Wurzeln des Geschäfts reichen bis vor den Krieg zurück, als der Großvater der Muths Waren verkaufte. Nach dem Krieg habe ihr Vater das Geschäft dann wieder belebt und die ganze Familie eingespannt. „Ich selbst habe schon mit neun Jahren geholfen, die Regale einzuräumen“, erinnert sich Doris Muth. Dabei habe ihr Vater sie nicht geschont. „Er war schon ein strenger Chef. Aber rückblickend können wir sagen, dass das gut war“, stimmen die beiden Schwestern überein.

Vater hatte das erste Auto im Ort

Auch ihre Mutter arbeitete in dem Geschäft mit – und das bis ins hohe Alter hinein. Noch mit 87 Jahren habe sie die Buchführung erledigt und eine Betriebsprüfung vorbereitet. „Sehr zur Freude des Prüfers“, berichtet Doris Muth. Der hatte eigentlich angekündigt, eine ganze Woche bleiben zu wollen, um alles genau unter die Lupe zu nehmen. „Nach drei Tagen hat er gesagt, er gehe jetzt wieder, weil er noch nie eine so akkurate Buchführung gesehen habe“, berichtet sie.

Neben Lebensmitteln gab es in dem Laden auch Farben, Fahrradzubehör, Haushaltswaren und vor allem Textilien. Die ersten Stoffe habe ihr Vater nach dem Krieg mit dem Fahrrad vom Bahnhof in Wilhelmshütte geholt und nach Silberg gefahren, erzählen die Schwestern. Weil das auf die Dauer aber zu anstrengend wurde, habe er sich für damals viel Geld einen Opel P4 gekauft – das erste Auto im Dorf. „Mit dem hat er dann sogar die Leute zum Arzt oder ins Krankenhaus gefahren“, erzählt Christa Muth.

Den Schwestern tut die Entscheidung, den Laden aufzugeben, sichtlich leid. Mehr als 30 Jahre lang haben sie ihn nun geführt und in dieser Zeit ist er auch ein Stück zu ihrer Identität geworden. „Aber irgendwann rechnet es sich einfach nicht mehr“, gibt Doris Muth zu. Von den früheren Kunden seien die meisten längst verstorben und die Einkäufe hätten sich schon lange auf die großen Märkte und das Internet verlagert.

Hoffnung auf Fortführung als Treffpunkt

Letztlich müssten sie drauflegen, wollten sie den Laden weiterführen, und deswegen hätten sie nun die Konsequenz gezogen und das Gewerbe abgemeldet. „Das ist schade, aber verständlich. Es muss sich schließlich auch lohnen“, gesteht Ortsvorsteher Harald Velte, der den beiden Schwestern für ihre jahrzehntelange Arbeit lobt. Er erinnert sich noch gut, wie er schon als Kind oft in den Laden kam, um sich für zehn Pfennige einzelne Kaugummis und Bonbons zu kaufen.

Deswegen hegt Velte auch immer noch die Hoffnung, dass „Andres“ vielleicht doch noch erhalten bleibt – wenn auch in einer anderen Form. Es gebe im Ort durchaus Ideen dafür, sagt er. So sei von einer Gruppe aktiver Frauen zum Beispiel schon einmal überlegt worden, die Räume für eine Art Dorfcafé zu nutzen, das ein oder zwei Tage in der Woche öffnen und das weiter als Treffpunkt dienen könnte.

Bis es soweit ist, müssen Christa und Doris Muth aber erst einmal „klar Schiff“ in ihrem Laden machen. Und das sei gar nicht so einfach, verraten die beiden. Denn auch wenn sich die Reihen der Waren in den Regalen bereits gelichtet haben, lagerten noch unzählige Artikel in anderen Räumen. Die wollen die Schwestern auf jeden Fall noch zu verkaufen versuchen – zur Not eben auch über einen der Wege, der ­ihnen in den vergangenen Jahren mehr und mehr zum Verhängnis geworden ist: das Internet. Was bleibt, seien dann aber immer noch unzählige Erinnerungen an die vielen schönen Zeiten, in denen „An­dres“ der Mittelpunkt des dörflichen Lebens in Silberg war.

von Sascha Valentin

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