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Das Christkind heißt Sophia

Weihnachts-Brauch Das Christkind heißt Sophia

Gibt es das Christkind wirklich? Wie es daran überhaupt Zweifel geben kann, ist zumindest in Mornshausen völlig unverständlich. Natürlich gibt es das Christkind, man hätte es sogar
anrufen können.

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Alina (links) begleitet das „Christkind“ Sophia .

Quelle: Frank Rademacher

Dautphetal-Mornshausen. Wann die Tradition der Christkinder und Nikoläuse begründet wurde, lässt sich nicht mehr genau sagen. „Meine Eltern haben das als Kinder schon erlebt“, berichtet Karin Belzer aus Mornshausen. Und der Brauch hat sich gehalten, und für das Haus Belzer ist er sogar öffentlich dokumentiert, aber dazu später.

Die Weihnachtsbäume sind aufgestellt, wer selbst etwas zum Fest verschenken möchte, hat sich auch schon darum gekümmert, und die Vorbereitungen für das Abendessen dürften auch schon abgeschlossen sein. Jetzt am Nachmittag stellt sich allmählich die besinnliche Stimmung ein, die in dem ganzen Trubel der Vortage noch nicht so recht entstehen wollte. Zeit, um den Familiengottesdienst um 16 Uhr zu besuchen, auch der gehört in Mornshausen zum festen Programm des Heiligen Abends.

Das Kleid in weiß , dazu ein Schleier

Vor allem die kleineren Kinder haben schon seit ein paar Stunden so ein merkwürdiges Gefühl im Bauch. Gleich kommt gewissermaßen die Stunde der Wahrheit. Das Christkind wird erwartet – und mit seinem Besuch verbinden sich Hoffnungen und die Nervosität, ob denn auch alles klappen wird, mit dem Gedicht und natürlich den Geschenken. Dann klingelt es endlich an der Haustüre – und herein kommt tatsächlich das Christkind. Das weiße Kleid und der Schleier wischen jeden Zweifel beiseite. In der linken Hand hat es einen goldenen Stab mit Glöckchen daran, die nun erklingen. „Guten Abend, Glück herein, habt Ihr kleine Kinderlein?“, fragt es mit seiner hellen Stimme. Ja, hier sind zwei kleine Kinder zuhause, die mit noch etwas bangem Blick auf den Besuch blicken. „Könnt ihr denn etwas singen oder etwas aufsagen?“

Na klar, konnten die Kinder das. Es war auch gar nicht so schlimm, denn das Christkind war nicht alleine gekommen. Die Alina hatte es begleitet, und die kennen die Kinder ja aus dem Dorf. Und die Geschenke waren auch schon zu sehen gewesen, sie waren also nicht mit leeren Händen gekommen. Was für ein Glück!

Um Viertel nach Fünf beginnt die Tour

Wohl dem Kind, das in Mornshausen wohnt, denn hier wird es immer ein Christkind geben – solange es Konfirmanden gibt. Die haben nämlich die ehrenvolle Aufgabe, den Nikolaus und das Christkind ein wenig zu unterstützen. Anders könnten ja auch gar nicht alle Kinder an einem Abend beschenkt werden. Die Jungen haben ihre Aufgabe bereits hinter sich und am 6. November dem Nikolaus kräftig unter die Arme gegriffen. Aber auch so hat das Mornshäuser Christkind schon reichlich zu tun.

Um Viertel nach fünf beginnt die Tour durchs Dorf – und damit der erste Auftritt von Sophia Belzer. Sie ist heute das Christkind, noch dazu eines mit Vorerfahrungen. Vor zwei Jahren nämlich war ihre Schwester Elisa das Christkind. Vor sieben Jahren hatte das Christkind zuletzt die Belzers besucht, damals war Sophia sieben. Und vor zwölf Jahren war es auch dagewesen und hatte die beiden Mädchen beschenkt, wie in dieser Zeitung am 27. Dezember 2003 zu lesen war.  

Auch eine alte Gardine kann noch nützlich sein

Und heute ist Sophia selbst das Christkind. Eigentlich ein Jahr zu früh, denn Sophia wird erst im nächsten Jahr konfirmiert. Weil ihre Freundin Alina in diesem Jahr das einzige Mädchen unter den Konfirmanden war, haben die beiden gewissermaßen ein Team gebildet. Alina übernimmt heuer die Begleitung des Christkinds und schlüpft im kommenden Jahr selbst in die Rolle und damit unter den Schleier.
Der ist nämlich ein untrügliches Kennzeichen des Christkinds, das häufig auch in „ausgedienten“ Brautkleidern daherkommt. Und wenn es dazu keinen Schleier mehr geben sollte, dann tut es auch eine alte Gardine, die von geschickten Händen in einen Schleier verwandelt wird. Den mit Glöckchen behangenen Stab, den Sophia heute mit sich führt, hat ihre Schwester Elisa vor zwei Jahren gebastelt.

Auf die eigene Bescherung müssen Sophia und Alina heute und im nächsten Jahr etwas länger warten. 16 Besuche stehen heute Abend in ihrem Terminkalender – Christkinder haben eben ganz schön was zu tun. Die Besuche haben die Eltern der Kinder in den vergangenen Wochen mit dem Christkind oder seiner Mutter vereinbart. Im Kindergarten, beim Metzger und in der Bäckerei hing dazu die Telefonnummer aus, unter der das Christkind eingeladen werden konnte. Die gilt natürlich jetzt nicht mehr. Aber in gut elf Monaten wird das Christkind wieder seine Telefonnummer aushängen und alle Zweifel beiseite räumen – natürlich wird es auch 2016 ein Christkind geben.

von Frank Rademacher

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