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„Damit die gute Sache weiterlebt“

Kreislöwe „Damit die gute Sache weiterlebt“

Heute verleiht Landrat Robert Fischbach an Annemarie Gottfried aus Eckelshausen den „Kreislöwen“. Die 89-jährige Gründerin der Eckelshausener Musiktage ist nach Dr. Giuseppe Faussone die zweite Preisträgerin.

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Annemarie Gottfried aus Eckelshausen bekommt heute aus den Händen von Landrat Robert Fischbach den Kreislöwen verliehen.

Quelle: Benedikt Bernshausen

Eckelshausen. Annemarie Gottfried sitzt im Erdgeschoss der Konzertscheune des Schartenhofes. Mit stolzem Blick betrachtet die 89-Jährige den Raum, den ein Schreibtisch und rustikale Schränkchen füllen und in dem eine gläserne Vitrine voller Bronzefiguren steht. „Ursprünglich war dieses Gebäude eine Scheune für Heu und Stroh“, erklärt sie und berichtet, dass sie den Hof - ein Bauernhaus aus dem Jahr 1690 mit zwei Scheunen - 1970 kaufte und mühevoll restaurierte. Sie hatte die Vision, darin ein kulturelles Zentrum entstehen zu lassen. Sie verwirklichte den Traum: Seit vier Jahrzehnten bürgt der Schartenhof für Hochkultur in der oberhessischen Provinz.

Annemarie Gottfried wurde im März 1924 geboren. Schon ein Jahr zuvor kaufte die Familie ein Haus in Biedenkopf, wo das Mädchen seine Kindheit verbrachte. Kunst und Musik spielten in der Familie eine wichtige Rolle und prägten auch das Leben von Annemarie, geborene Frost. Da ihr Vater im Hinterland als Kreistierarzt arbeitete, habe sie viel von der bäuerlichen Kultur mitbekommen, die auch ihre künstlerischen Arbeiten beeinflusste. „Die Beschäftigung mit der Tracht war viele Jahre mein täglich Brot.“

Doch zunächst führte ihr Weg über Pforzheim nach Düsseldorf, wo sie zur Säuglingskrankenschwester ausgebildet wurde. Anschließend arbeitete sie in Mainz und München. Aus der bayrischen Metropole machte sie sich am Ende des Krieges zu Fuß auf den Weg in die Heimat: Biedenkopf. In der vom Zweiten Weltkrieg gezeichneten Stadt eröffnete Annemarie Gottfried eine Puppenwerkstatt. „Nach dem Krieg haben alle einen Anfang gesucht. Armut und Sparsamkeit haben uns erfinderisch gemacht“, erinnert sich die 89-Jährige, die mit ihrer Leidenschaft nun Geld verdiente: Spielpuppen nähte Gottfried schon während des Krieges für die Kinder im Krankenhaus.

Als sich die Produktion der handgefertigten Püppchen gegenüber der industriellen Massenware nicht mehr lohnte, begann sie 1951 eine Ausbildung an der Kunstakademie in Düsseldorf und gründete 1952 ein Atelier für Werbe- und Trachtenpuppen mit Sitz in Biedenkopf und Düsseldorf.

Auf die authentischen Trachtenfiguren wurde bald „Inter Nationes“ aufmerksam. Der Verein warb im Ausland für das neue Deutschland - und das fortan in aller Welt mit den liebevollen Trachtenpuppen aus dem hessischen Hinterland. Für renommierte Unternehmen, wie Lufthansa, Blaupunkt, Sarotti oder La Roche, produzierte Gottfried mit der Hilfe vieler Heimarbeiterinnen Hunderttausende kleine Werbepuppen.

Das Atelier betreibt die Eckels­hausenerin seit Jahren nicht mehr, Figuren und Puppen bestimmen ihr künstlerisches Wirken aber weiterhin. Das wohl bekannteste Werk der Künstlerin im Landkreis ist „Troubadour“, die mehr als drei Meter große Skulptur aus Kupfer, vor dem Biedenkopfer Rathaus. Den Schartenhof entdeckte die kreative Frau für sich schon gegen Ende der 1960er Jahre. „An diesem Platz, oberhalb der romanischen Kirche, hatte ich mich festgebissen“, erzählt sie.

Sie weiß von der langen Geschichte des Hauses und erzählt gern die Anekdote aus dem 17. Jahrhundert, als ein Musiker durch Eckelshausen zog. Zu seinem Spiel begann die Magd der Schartes zu tanzen und wurde bestraft, weil das Tanzen zu jener Zeit nur mit staatlicher Genehmigung erlaubt war. Als Gottfried die Geschichte hörte, wusste sie, dass dieser Ort der richtige für ihre Ideen sein würde. „Toll, dass die Musik schon damals hier war“, schmunzelt die Künstlerin, für die ein Leben ohne Musik unvorstellbar ist: „Sie ist das Elixier, das mich beflügelt schöpferisch tätig zu sein.“

Nach 1978 wurde aus dem Schartenhof ein Ort, an dem erst kleine private und dann stetig größere Konzerte stattfanden - schließlich veranstaltet Gottfried 1987 die ersten Eckelshausener Musiktage, den gleichnamigen Verein gründete sie im Folgejahr mit. Weil das Interesse an den Konzerten rasant wuchs, fand die Reihe für einige Jahre in der Erlenmühle bei Eckelshausen statt - bis das Kreisbauamt das Gebäude, in dem 300 Personen Platz fanden, sperrte. „Es sollte eben nicht sein“, betont die 89-Jährige, die damals viel Geld und Zeit in die Mühle investiert hatte.

Aus diesem Pech heraus, wuchsen die Musiktage, denn Unternehmen und Nachbargemeinden traten an Gottfried heran, boten ihr die Räumlichkeiten an, die in Biedenkopf fehlten. Dabei sei ihr ursprüngliches Ziel gewesen, den Tourismus anzukurbeln und Biedenkopf durch die Kultur zu beleben. Gelungen ist es bisher nicht. „Wie mühsam es sein würde, habe ich nicht gedacht“, betont Gottfried. Trotzdem: Die Musiktage hätten in allen Jahren ein breites Publikum aus allen Schichten angesprochen - selten aber junge Leute. Dieser Gruppe widmete sich die Künstlerin mit einem neuen Projekt. Auf Initiative von Pharmazie-Professor Max Wichtl entstand 1997 das „Marionettentheater Schartenhof“, bei dem viele der Jugendlichen von einst bis heute die hölzernen Puppen spielen. Zum Repertoire des Ensembles gehören zehn Opern, mit ihrer Wanderbühne machte die Gruppe schon im Ausland Station, spielten unter anderem im Jahr 2000 „Il flauto magico“ in Alba, Italien. Den Kontakt zum Veranstalter, der Ferrero Kulturstiftung, stellte damals übrigens Dr. Giuseppe Faussone her.

Für einen Moment schweigt sie, reibt dabei ihre filigranen Hände aneinander. „Jetzt steuere ich auf die 90 zu, fürchterlich“, sagt sie und lacht, denn sie hat noch viel vor: Ihre künftigen Figuren werden aus Bronze sein, sie arbeitet an den Marionetten für die nächste Inszenierung und steuert auch auf die 28. Musiktage zu.

Doch an diesem Donnerstag ruht die Arbeit. Dann stehen nicht ihre Projekte, sondern die Künstlerin selbst im Fokus. Dass sie vom Landkreis für den Preis auserkoren wurde, freut die Eckelshausenerin. Dafür aber ans Licht gezerrt zu werden, sei eigentlich gar nicht ihr Ding. Doch mit Blick auf den Schartenhof, ihrem einzigartigen Lebenswerk, macht sie gern eine Ausnahme: „Es muss sein, damit die gute Sache weiterlebt!“

von Benedikt Bernshausen

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