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„Da war jeder granatenvoll“

Aus dem Landgericht „Da war jeder granatenvoll“

Weil sie auf einem Volksfest eine Schlägerei anzettelten, wurden zwei Hinterländer wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu Geldstrafen verurteilt. Vor der zweiten Instanz entgingen sie den drohenden Vorstrafen.

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Täter-Opfer-Ausgleich nach Kirmesschlägerei: Zwei Angeklagte entgehen einer Vorstrafe.

Quelle: Themenfoto: dpa

Marburg. Das Landgericht Marburg hob den Schuldspruch gegen die beiden Angeklagten nicht auf, wandelte das Strafmaß jedoch in eine Verwarnung um und setzte die Geldauflagen unter Strafvorbehalt samt Bewährungsfrist.

Zur Tat: Mitte 2012 waren die 41 und 51 Jahre alten Angeklagten an einer Schlägerei während einer Dorfkirmes beteiligt. In den späten Nachtstunden griffen die stark alkoholisierten Männer einen anderen Partygast an.

Beide standen an der Festzelt-Theke, als der jüngere Angeklagte den hinzukommenden Geschädigten ohne besonderen Grund „unvermittelt gegen den Kopf“ schlug, so die Urteilsbegründung der ersten Instanz. Während der folgenden kurzen Rangelei gingen beide zu Boden und prallten gegen die provisorische Theke, die zusammenbrach.

Obwohl sich das Opfer ruhig und nicht aggressiv verhielt, näherte sich der ältere Angeklagte dem Geschädigten von hinten und nahm ihn in den Schwitzkasten. Dabei drückte er mit dem Arm gegen die Kehle, würgte den Wehrlosen zeitweise, was zu Atembeschwerden und Luftmangel führte.

Das Opfer erlitt eine Schädelprellung, Platzwunden, eine gebrochene Hand sowie einen Sehnenriss in der anderen Hand. Der ältere Angeklagte habe den Geschädigten „wissentlich und willentlich angegriffen“, stellte das Amtsgericht fest und verurteilte die beiden Männer Ende Januar 2014 zu Geldstrafen in Höhe von 2700 Euro sowie 3200 Euro.

Angeklagten und Zeugen fehlen Erinnerungen

Während der Verhandlung vor dem Landgericht Marburg am vergangenen Freitag stellten die Angeklagten den Tatverlauf anders dar. Nicht er habe den ersten Schlag abgegeben, sondern der Geschädigte habe ihn zuerst angegriffen, betonte der jüngere Beschuldigte. „Dann ging das Gerangel los und alle lagen auf dem Boden.“

Sein älterer Freund und Nachbar ging dazwischen, trennte die beiden, „mehr war da nicht“, sagte der 41-Jährige. Weitere Erinnerungen habe er nicht an den Abend. „Ich wollte schlichten und habe keinen angegriffen, auch nicht von hinten“, ergänzte der zweite Angeklagte. Widersprüchliche Angaben könne er sich nicht erklären, „da war jeder granatenvoll“, betonte der 51-Jährige.

Weitere Partygäste, die als Zeugen aussagten, schilderten einen anderen Ablauf. Mehrere Anwesende bestätigten den Angriff von hinten. Bereits vor dem Streit habe eine aufgeheizte Stimmung an der Theke geherrscht, der Angeklagte habe urplötzlich zugeschlagen, gab auch der Geschädigte an, der gleichfalls als Nebenkläger auftrat. Nach der Rangelei wurde er von hinten gepackt, weggerissen und gewürgt „bis ich Sternchen sah“, betonte der 44-Jährige.

Ein weiterer Gast sah die Beteiligten „unkontrolliert gegen die Theke fallen“. Danach seien alle wieder unverletzt aufgestanden, mehr konnte er in dem gut gefüllten Zelt nicht erkennen. Das Ganze habe wie eine „belanglose, harmlose Angelegenheit“ gewirkt, gaben zwei weitere Zeugen an. Die abweichenden Angaben machten das Gericht stutzig.

Vergleich soll Frieden im Ort wiederherstellen

„Wenn Sie etwas verschweigen, sagen Sie nicht die Wahrheit“, ermahnte der Vorsitzende Richter Hans-Werner Lange die Anwesenden. Fast alle Partygäste hatten mit Erinnerungslücken zu kämpfen, beide Angeklagte, das Opfer sowie die meisten Zeugen, die vor Gericht aussagten, waren in der Tatnacht stark alkoholisiert.

Das Gericht befürwortete schließlich die Möglichkeit, das Verfahren durch einen Täter-Opfer-Ausgleich gütlich zu beenden. „Um den Frieden im Ort wiederherzustellen“, betonte Lange. Die Angeklagten sowie der Geschädigte leben in derselben Straße. Dem Vorschlag der Kammer stimmten Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Nebenklage nach kurzer Beratung zu und einigten sich auf einen Vergleich.

Die Strafkammer hob den Schuldspruch des Amtsgerichts nicht auf, sondern stellte die Geldstrafen unter Vorbehalt. Die Bewährungszeit setzte das Landgericht auf eineinhalb Jahre fest. Als Auflage hat der jüngere Angeklagte 500 Euro, der ältere Täter 1500 Euro an den Geschädigten zu zahlen.

von Ina Tannert

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