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Breidenbacher muss acht Jahre ins Gefängnis

Totschlagsprozess Breidenbacher muss acht Jahre ins Gefängnis

Das Marburger Schwur­gericht verurteilte den 31-Jährigen, der seine Ehefrau im Februar in der gemeinsamen Wohnung mit mehr als 20 Messer­stichen tötete, zu einer achtjährigen Haftstrafe.

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Zwei Justizbeamte nehmen dem Angeklagten, der nach Überzeugung des Gerichts seine Frau mit 23 Messerstichen getötet hat, die Handschellen ab.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Mit gesenktem Kopf verfolgte der Angeklagte am Freitag die sechs Plädoyers von Staatsanwalt, Nebenklage und Verteidigern. Die Strafkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Dr. Carsten Paul verurteilte den 31-Jährigen wegen Totschlags zu einer achtjährigen Haftstrafe.

Am 8. Februar dieses Jahres hat der Mann aus Breidenbach im Streit seine Ehefrau mit 23 Messerstichen getötet. Familiäre Probleme und Auseinandersetzungen zwischen dem Paar waren während des umfangreichen Prozesses wiederholt Gegenstand der Beweisaufnahme.

Nahezu während der gesamten Dauer der Ehe kam es zu Spannungen, fasste Staatsanwalt Nicolai Wolf die Ergebnisse in seinem Plädoyer zusammen. Streitpunkt war häufig die Familie der Frau, die sich in den Augen des Angeklagten in die Ehe einmischte, wie auch die individuellen Eigenarten der Ehepartner. Diese waren „zwei vollkommen unterschiedliche Charaktere“, die im Endeffekt auf gewisse Weise nicht zusammen passten, so Wolf.




 
 
 
 
 
 
 
 
  

  

Nicht zuletzt sei der Angeklagte zudem durch seinen kulturellen Hintergrund erheblich vorgeprägt. Er habe einen großen Geltungs- und Führungsanspruch, den er ausleben wolle und der zu Spannungen mit seiner selbstständigen Ehefrau führte.

Der Bluttat ging ebenfalls eine „heftige und langandauernde Auseinandersetzung“ voraus. Diese habe der Täter im Zustand einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung und einer „erheblich verminderten Schuldfähigkeit“ ausgeführt, sagte der Staatsanwalt und bezog sich auf das forensisch-psychiatrische Gutachten über den Angeklagten.

Es gebe keine Anhaltspunkte für ein gezieltes Vorhaben, seine Frau zu töten, es handele sich in diesem Fall um eine Affekttat. Unter Berücksichtigung der Gesamtumstände ging der Staatsanwalt daher von einem minderschweren Fall des Totschlags nach Paragraph 213 des Strafgesetzbuches aus. Wolf forderte ­eine Haftstrafe in Höhe von acht Jahren und neun Monaten.

Nebenklage: Angeklagter bedauert Tat nicht wirklich

Es gebe wenig Gründe für eine Abweichung des Strafrahmens, eher einiges, was für eine Erhöhung spreche, betonten die Vertreter der Nebenklage. Das Verfahren habe auffällige Charakterzüge des Angeklagten hervorgebracht: Dieser habe kein wirkliches Bedauern gezeigt, häufig sehr ich-bezogen gesprochen und sich selbst als das Opfer einer Intrige dargestellt. Das er die Verantwortung tragen wolle sei nicht wirklich zum Ausdruck gekommen.

Auslöser für die angestrebte Versöhnung mit seiner Frau sei eher die Angst vor einem Statusverlust gewesen. Die Möglichkeit, die Beziehung abzubrechen, habe er nicht genutzt und die Eskalation zugelassen, betonte Rechtsanwalt Stefan Grohs und sprach sich für die Höchstgrenze des Strafmaßes in einem minderschweren Fall des Totschlags von zehn Jahren aus.

Der Angeklagte konnte die Beziehung nicht einfach beenden, widersprach Verteidiger Sascha Marks. Durch die vom Sachverständigen attestierte tiefgreifende Bewusstseinsstörung sei er nicht vollständig in der Lage gewesen, objektiv zu handeln. Über lange Zeit habe sich Familienfrust und Druck aufgestaut, der sich nach dem sprichwörtlichen „Tropfen auf den heißen Stein“ explosionsartig entlud.

Gericht geht von Tat im Affekt aus

Die Vielzahl der Messerstiche wertete die Verteidigung als weiteres Zeichen einer geistigen Störung des Täters und damit als strafmildernden Umstand und sprach sich für ein Strafmaß von etwa sechs Jahren aus. Auch die Selbstmordversuche habe er nicht ausgeführt weil er in Haft saß, sondern weil „er hat tatsächlich die Frau getötet, die er geliebt hat“, schloss Marks.

Dies betonte auch der 31-jährige Angeklagte in seinen Schlussworten. „Ich kann nicht ersetzen, was ich weggenommen habe.“ Die Strafkammer verurteilte den Mann wegen Totschlags zu acht Jahren Haft. Die Beweisaufnahme habe ergeben, dass in diesem Fall von einem Affekt auszugehen ist und der Tat vorhergehende Konflikte zugrunde liegen, erklärte Richter Paul und schloss sich der Zusammenfassung des Staatsanwaltes an.

Eine verminderte Schuldfähigkeit des Angeklagten habe sich bestätigt. Zugunsten des Angeklagten wertete das Gericht das vorhandene, wenn auch knappe Geständnis, so Paul. Eine von der Verteidigung beantragte vorübergehende Aufhebung des Haftbefehls lehnt die Kammer ab. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

von Ina Tannert

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