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Breidenbacher Tötungsdelikt: Gutachter hält Täter für schuldfähig

Gericht Breidenbacher Tötungsdelikt: Gutachter hält Täter für schuldfähig

Erstmals äußerte sich der Angeklagte gestern vor Gericht, gab jedoch an, keine Erinnerung an die eigentliche Messerattacke zu haben.

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Zwei Justizwachtmeister führen den wegen Mordes Angeklagten in den Gerichtssaal, wo sein Verteidiger Sascha Marks bereits auf ihn wartet. Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Mit gebrochener Stimme versuchte der 31-Jährige gestern die Problematik in der kurzen Ehe zu erklären, die letztendlich zu der grausamen Tat geführt haben soll. Er beschrieb die Umstände und den Verlauf der Beziehung aus seiner Sicht und entschuldigte sich bei der Familie des Opfers. „Heute will ich viele Menschen um Verzeihung bitten, vor allem die Familie meiner Frau“, so der Angeklagte.

Zeitgleich bezeichnete er das schlechte Verhältnis der Familien als wiederholten Konfliktauslöser. Er habe seine Frau immer geliebt, finanzielle Krisen und dass ihre Familie ihn seiner Meinung nach nicht akzeptierte, ihn ablehnte und seine Frau negativ beeinflusste, hätten immer wieder zu Problemen in der Ehe geführt.

Täter soll in Haft versucht haben, sich das Leben zu nehmen

Die letzten Wochen vor der Tat habe er als sehr negativ und belastend empfunden. Das Verhältnis des Ehepaares hatte sich nach der vorübergehenden Trennung und dem Umzug nach Breidenbach nicht gebessert. Immer wieder kam es zu langwierigen verbalen Auseinandersetzungen wegen finanzieller sowie familiärer Probleme. Die von mehreren Zeugen berichtete wiederholte Gewalt in der Ehe stritt er ab. Die Drohung dem Schwiegervater gegenüber gab er zu. Dies habe ihm seine Frau wiederholt vorgeworfen und zu weiteren Auseinandersetzungen und „unbegrenzten verbalen Attacken“ geführt, womit alles angefangen habe, so der Angeklagte.

Zum eigentlichen Tatablauf und dem vorhergehenden Streit zwischen dem Paar machte er keine Angaben. Diese Erinnerung sei „zu emotional“ für den angespannten Mann, erklärten seine Verteidiger. Ihr Mandant habe während der Untersuchungshaft mehrfach versucht, sich das Leben zu nehmen, befinde sich seitdem in psychologischer Betreuung, was die medizinischen Unterlagen der Justizvollzugsanstalt bestätigten. Aufschluss über die Tat sowie den Geisteszustand des Mannes gab das umfangreiche forensisch-psychiatrische Gutachten, das der behandelnde Psychiater während der gestrigen Verhandlung vorbrachte. Der Tat zugrunde lägen demnach wiederholte Kränkungen, Demütigungen, Enttäuschungen und die gefühlte soziale Isolation, bestätigte der Sachverständige.

Psychosoziale Belastungführte zur folgenschweren Tat

Wenige Tage vor der Tat sei es erneut zum Streit gekommen, seine Frau soll ihn als Versager beschimpft und ihm vorgeworfen haben, er sei nur wegen ihres Geldes zurückgekehrt, habe der Angeklagte erklärt. Die angespannte Situation soll sich in der darauffolgenden Zeit weiter verschlechtert, der Streit über Tage hinweg, bis tief in die Nacht vor dem Tattag angedauert haben. Am Vormittag des 9.Februar soll seine Frau ihm erneut Vorwürfe gemacht haben, drohte angeblich, ihn umzubringen und „befahl ihm“ zu bleiben, berichtete der Gutachter.

Daraufhin soll der Angeklagte in die Küche der gemeinsamen Wohnung gegangen und ein Messer geholt haben. Mit der Aufforderung, ihre Drohung doch wahr zu machen, reichte er der Frau die Waffe. Diese soll ihn daraufhin als „den größten Fehler, den sie hatte“ bezeichnet und einen Gegenstand nach ihm geworfen haben. Diesen letzten Satz seiner Ehefrau wertete der Gutachter als weiteren Auslöser einer ganzen Reihe von Verkettungen wie den anhaltenden Streitigkeiten und einer erheblichen „psychosozialen Belastung“, die schlussendlich zu der Bluttat führten. Der Satz habe sich immer wieder in seinem Kopf wiederholt, hatte der Angeklagte erklärt. Das letzte Bild, das er gesehen habe, sei seine Frau, die im Wohnzimmer stand.

Urteil soll am Freitag fallen

An die folgende, mehrere Minuten andauernde Messerattacke könne er sich nicht erinnern. Die nächste Erinnerung sei seine blutüberströmte, auf dem Boden liegende Frau, bestätigte der Gutachter. Dem folgte ein im psychologischen Sinne typischer, umfassender Zustand der Verzweiflung mit vermehrt depressiven Symptomen. Im Verlauf der Untersuchungen habe er bei dem Angeklagten keine Anzeichen einer Persönlichkeitsstörung gefunden, erklärte der Gutachter. Er geht nicht von einer psychiatrischen Erkrankung aus.

Die Handlung sei eine Beziehungstat mit einer „explosionsartigen Affekt-Entladung“ einhergehend mit einer großen Aggression, die sich gegen das Opfer richtete. Der Gutachter geht von einem „höchstgradigen Affektdelikt mit Bewusstseinsstörung“ des Angeklagten aus. Aufgrund dessen sei eine verminderte Schuldfähigkeit nach Paragraf 21 des Strafgesetzbuches bei dem Angeklagten möglich, bestätigte der Gutachter. Eine Schuldunfähigkeit schloss er hingegen aus. Die Beweisaufnahme ist damit abgeschlossen. Plädoyers und Urteil sollen am letzten Verhandlungstag erfolgen. Die Verhandlung wird am Freitag, 21. November, um 9 Uhr im Saal 101 des Landgerichts Marburg fortgesetzt

von Ina Tannert

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