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Schüler erforscht Geschichte der Juden

Geschichtswettbewerb Schüler erforscht Geschichte der Juden

Wurden Juden auf dem Dorf in Nazi-Deutschland von ihren Nachbarn besser behandelt, als in der Stadt? Die Theorie hatte Moritz Pfeifer bei seiner Forschungsarbeit – zumindest zu Beginn.

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Der jüdische Friedhof in Breidenbach.

Quelle: Benedikt Bernshausen

Breidenbach. Für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten hat Moritz Pfeifer von der Lahntalschule in Biedenkopf sich mit dem jüdischen Leben in Breidenbach befasst. „Ich habe das Leben der Juden in der Stadt während der Zeit des Nationalsozialismus verglichen mit dem Leben der Juden in einem Dorf wie Breidenbach“, erklärt der Schüler. Seine These: Die Situation der Juden war auf dem Dorf besser, „weil man sich besser kannte. Weil man den Menschen kannte“. Doch die These habe er während seiner Forschung schnell selbst widerlegen müssen. „Weil man sich besser kannte, wusste auch jeder, wer Jude war.“

Pfeifer recherchierte zunächst, dass Juden seit dem 16. Jahrhundert in Breidenbach lebten und meist als Händler oder Geldverleiher arbeiteten. Die jüdische Gemeinde sei 1826 gegründet, die Synagoge 1837 gebaut worden. 1809 fand das erste Begräbnis auf einem jüdischen Friedhof statt. Bis zu 14 Prozent der Breidenbacher waren laut Pfeifers Forschung im 19. Jahrhundert jüdischen Glaubens. „Sie hatten aber kaum Möglichkeiten, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen“, erklärt er. Daher­ ­hätten 1933 nur noch zwölf ­Juden in dem Ort gewohnt.

Hintergrund

Der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten richtet sich an alle Schüler in Deutschland und wird alle­ zwei Jahre ausgeschrieben. In jedem Bundesland werden anhand der Arbeiten Landessieger und Förderpreise ausgezeichnet.

„Nach 1933 brachen viele Breidenbacher zu den jüdischen Menschen den Kontakt ab oder verkehrten nur noch heimlich mit Juden“, so Pfeifer. Er interviewte etwa den Zeitzeugen ­Artur Künkel. Der habe ihm berichtet, dass die Breidenbacher nur noch nachts beim jüdischen Kaufmann eingekauft hätten. „Damit die Nachbarn und vor allem die scharfen Nazis, die da waren, nichts gesehen haben.“ Körperliche Gewalt gegen Juden habe es in dem Dorf im Hinterland nicht gegeben – aber „seelische Gewalt in Form von ­Beleidigungen und Ausgrenzung“. Die letzten beiden jüdischen Familien verließen den Ort 1939.

Der Schüler hat für seine Arbeit einen Förderpreis des Bundespräsidenten erhalten. Unter anderem, weil er das Schicksal einer Breidenbacherin besonders herausgearbeitet hat. Dabei geht es um die Jüdin Hermine Schauß, die zum Christentum übergetreten ist und trotzdem sterben musste. Wie Pfeifer erläuterte, hatte die ­Jüdin den damaligen Lehrer Albert Schauß geheiratet, wurde Christin. Es war eine sogenannte­ „Mischehe“ – die den Lehrer nach Hitlers Machtergreifung seine Arbeit kostete. Seine Frau wurde aber zunächst nicht deportiert. Juden, die eine „Mischehe“ führten, waren nämlich zunächst nicht betroffen.

Eine Frau aus Breidenbach starb in Auschwitz

Schließlich musste Schauß aber 1943 Breidenbach verlassen, wie Pfeifer recherchierte.­ Ein hoher SA-Mann habe den Ort besucht und erfahren, dass dort noch eine Jüdin lebte. Pfeifer sprach mit der Zeitzeugin Ursula Ostrowski über die Zeit, fand heraus, dass Hermine Schauß sehr beliebt war. Und sie berichtet von dem Tag, als die Nachbarin mit dem Zug nach Frankfurt fahren musste: „Da sah ich hinter vielen Breidenbacher Häusern in den Gärten Frauen stehen, die ebenfalls winkten. Einige von ihnen hatten große weiße Tücher in den Händen, um auf sich aufmerksam zu machen. So wollten sie von Hermine Schauß Abschied nehmen. Sie war aufgestanden und winkte zurück, während ihr die Tränen über die Wangen liefen.“ Schauß habe gewusst, dass sie sterben werde.

„Hermine hielt meine Hand einen Moment lang fest und erwiderte: ‚Urselchen, mich wirst du nicht mehr wiedersehen‘“, erinnert sich Ostrowski. Pfeifer fasst in seiner Arbeit zusammen, dass Hermine Schauß am 12. September 1943 in Auschwitz ermordet wurde und sie die einzige Jüdin aus Breidenbach war, die deportiert wurde und starb. Eine Gedenktafel erinnert heute an sie.

„Wenn man bedenkt, wie emotional der Abschied von Hermine Schauß war, kann man sich kaum vorstellen, dass während der NS-Zeit fünf bis sechs Millionen Juden getötet worden sind“, urteilt der Schüler heute rückblickend. Es sei schwer nachzuvollziehen, was die Menschen jüdischen Glaubens damals durchmachen mussten. „Diese Art von Ausgrenzung kennen wir heute nicht, zumindest auf diese extreme Weise“.

von Patricia Grähling

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