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Kein Lehramt ohne Orgelpfeifen

Buch über Breidenbacher Orgel Kein Lehramt ohne Orgelpfeifen

Lesen, Schreiben, Rechnen und Singen – das musste ein Lehrer im 17. Jahrhundert unterrichten können. Warum in Breidenbach 1639 als Einstellungskriterium Orgelspielen dazukam, erklärt ein neues Buch.

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Die Heynemann-Orgel in der evangelischen Kirche: Die Orgelpfeifen wurden zwar erneuert, sie ­stehen aber im Originalgehäuse aus dem Jahr 1769.

Quelle: Sascha Valentin

Breidenbach. Die Kirche und ihre Geschichte haben es Ursula Ostrowski angetan. Der evangelischen Kirchengemeinde ­ihres Heimatorts ist sie seit Kindertagen verbunden. Das steht auch so auf der Rückseite ­ihres Buches „400 Jahre Kirchenmusik“. Für Geschichte – und speziell die Kirchengeschichte Breidenbachs – interessiert sie sich fast genauso lange.

Ostrowski hat in den 90er-Jahren mit anderen zusammen das Jahrhunderte umfassende Kirchenarchiv der Breidenbacher aus Darmstadt zurückgeholt, geordnet, sortiert, katalogisiert. Rund 13 Regalmeter Papier, ­darunter eng beschriebene Einzelbögen, die Blätter vergilbt, die Tinte verblasst, mit Texten, Aufstellungen, Tabellen in Mittelhochdeutsch, des jeweiligen Pfarrers Handschrift mal mehr, mal weniger lesbar. Das sogenannte „Findbuch“, in dem steht, was das Archiv umfasst und wo welche Daten zu finden sind, hat Ostrowski verfasst und digitalisiert.

Damit nicht genug: Zum dritten Mal hat die Breidenbacherin (Foto: Heimrich) aus all dem Wissen ein Buch zusammengestellt – nach der Dokumentation über die Breidenbacher Kirche anlässlich der Sanierung (2005) und der Geschichte der Breidenbacher Diakonissen (2010) geht es diesmal um die Kirchenmusik.

Genauer gesagt, um die Orgeln in der denkmalgeschützten Kirche, die seit Jahrhunderten das Bild Breidenbachs prägt. Bevor die instrumentale Musik in die Kirche einzog, gab nur der Gesang der Gläubigen dem Gottesdienst die festliche Note. Vorsänger war der Dorflehrer, dazu noch Opfermann – also Küster – als seine dritte Funktion.

Dann, im Jahr 1624, kam der junge Lutheraner Balthazar Zhan als Pfarrer nach Breidenbach und mit ihm ein neuer Elan in die Gemeinde. Der damals marode Kirchenbau wurde renoviert, und – als zweites Großprojekt nach Jahren der Sponsorenwerbung, wie man heute sagen würde – die erste Orgel angeschafft. Seit 1639 singen die Breidenbacher in der Kirche zu Orgelklängen. Und damit beginnt die eigentliche Geschichte, der sich Ostrowski die vergangenen zwei Jahre gewidmet hat.

Wagner-Orgel hielt nur 128 Jahre lang

Das Buch angeregt hat Organist Klaus Hofmann. Er spielt heute in Breidenbach auf der Heynemann-Orgel, dem Nachfolgemodell des ersten ­Instrumentes. Das baute Georg Heinrich Wagner in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts – wegen begrenzter finanzieller Mittel der Auftraggeber damals aus zweitklassigen Materialien. Die Wagner-Orgel hielt auch nur bescheidene 128 Jahre. Anders die Heynemann, deren Orgelpfeifen noch heute in ­ihrem Originalgehäuse aus dem Jahr 1769 stehen.

Anders als der erste Organist, Schulmeister ­Johannes Klein, sammelt Hofmann allerdings keine Opfergaben mehr ein und er unterrichtet auch nicht die Kinder der Gemeinde. Die Trennung von Kirche und Schulamt ist lange vollzogen, der Prozess dauerte von 1909 bis 1938. Auch darüber schreibt Ostrowski in ihrem Buch. Sie spannt den Bogen von damals zu heute. Sie hat original Spendenaufrufe, Rechnungen, Empfangsbestätigungen, Sponsorenlisten für die Orgeln und mehr abfotografiert und übersetzt. Sie zeigt Skizzen und Fotos, unter anderem von Holz­intarsien und Schnitzereien der ersten Orgel, die in einer Wanduhr weiterexistieren.

100 Exemplare wurden gedruckt

Ostrowski berichtet von dem Leben der Menschen im Umfeld der Orgeln, von denen, die darauf musizieren. Sie schreibt unter anderem davon, dass Ende des 18. Jahrhunderts ein „Hirte mehr verdient als drei Schulmeister“, oder wie sich 1924 drei Organisten zusammentun, um beim Kirchenvorstand den Lohn einzufordern, der ihnen vorenthalten wurde.

Ein eigenes Kapitel widmet die Autorin „Drei Chören und einer Band“, die wie die Orgeln unweigerlich zu den vier Jahrhunderten Kirchenmusik in Breidenbach dazugehören. Nun ist das Buch fertig, die 100 gedruckten Exemplare liegen auf dem Tisch, rechtzeitig zum Frühling, wenn die Gartenarbeit ruft.

Nach all den Monaten mit der Nase in den Dokumenten und unzähligen Stunden vor dem Computer kann sich Ursula Ostrowski nun voll und ganz auf die Gegenwart konzentrieren. Bis zum nächsten Geschichtsprojekt.

  • „Vier Jahrhunderte Kirchenmusik“, 120 Seiten, Breidenbach, 13 Euro, zu beziehen bei: Ursula­ 
Ostrowski, Leipzigerstraße 8 in Breidenbach, Telefonnummer 06465/7043; Evangelische Kirchengemeinde Breidenbach, Marburger Straße 22, Breidenbach, 06465/7010, geöffnet: Dienstag, 17 bis 18 Uhr sowie Donnerstag 8 bis 12 Uhr; Scheffel HiFi-TV-Video, Bachstraße 7 in Breidenbach, 06465/913913.

von Birgit Heimrich

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