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Drogenkurier „Hase“ muss zur Therapie

Aus dem Landgericht Drogenkurier „Hase“ muss zur Therapie

Kehrtwende – weitere Erkenntnisse überzeugten das Gericht von der Sucht des Angeklagten. Seine Freiheitsstrafe wird der überführte Drogenhändler in einer Entziehungsanstalt verbringen.

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Mit einem zusammengerollten 50-Euro-Geldschein und einem weißen Pulver wird der Konsum 
von Kokain imitiert. Der am Marburger Landgericht Angeklagte verkaufte Drogen und ist selbst süchtig.

Quelle: David Ebener

Marburg. Vier Jahre und sechs Monate Freiheitsstrafe, so lautete gestern das Urteil gegen einen Dealer. Der Mann aus Nordrhein-Westfalen wurde wegen bewaffneten, unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge in zwei Fällen, einmal tateinheitlich mit Drogenbesitz verurteilt.

Für das Gericht steht fest: Der Beschuldigte transportierte mehr als ein halbes Kilogramm Amphetamin und einige Gramm Marihuana, nicht nur in seine Heimatstadt Kleve, sondern im vergangenen Jahr ebenfalls nach Breidenbach. In seinem Gepäck fanden Polizisten ein kleines Waffenarsenal: Messer, Schreckschusspistole und ein Elektroschocker.

Angeklagter kaufte 
zu „super Preis“ ein

Der 28-Jährige führte „eine größere Bewaffnung“ mit sich, befand der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm, der die Bedeutung von Drogendeals unter Waffen hervorhob. Denn dabei versteht das Gesetz keinen Spaß, der Unterschied, ob mit oder ohne Waffe, ist groß. Der Strafrahmen verschiebt sich dann auf fünf bis fünfzehn Jahre. Darüber hinaus überstieg der Stoff des Kuriers die Grenze der nicht geringen Menge um ein Vielfaches. Der 28-Jährige lebt an der Grenze zu den Niederlanden, kaufte das Amphetamin günstig ein, „vielleicht 200 Euro für ein halbes Kilo“, berichtete der geständige Angeklagte. „Ein super Preis“, kommentierte ein Polizist vor Gericht.

Es schien nicht die erste Lieferung ins Hinterland gewesen zu sein. Wie die Ermittler während einer Überwachung mitbekamen, kannten sich der Angeklagte und seine beiden Kunden bereits einige Jahre. Gegenseitige Kommunikation lief zum Teil verschlüsselt ab. Der Spitzname des Dealers war „Hase“. Das sei ein „szenetypischer Begriff“ – im Milieu seien die „Hasen“ in der Regel die Cannabis-Dealer, erklärte der Ermittler.

In der Szene war der 28-Jährige bereits seit einiger Zeit unterwegs, dealte nicht nur, sondern konsumierte selbst große Mengen Suchtmittel, hauptsächlich Kokain. Die Hauptverhandlung drehte sich um sein angebliches Suchtproblem. Das erschien am ersten Verhandlungstag noch strittig, der bestellte psychiatrische Gutachter fand kaum Anzeichen für eine tatsächliche Abhängigkeit.

Während eines ersten Gesprächs hielt sich der Angeklagte noch bedeckt, habe sein Drogenproblem „nicht so gravierend“ dargestellt, wirkte beherrscht und nicht wie ein typischer Süchtiger, berichtete der Sachverständige. Nach der Auswertung der tatsächlichen Drogenvergangenheit und scheinbaren Entzugserscheinungen, kam er zu einem anderen Ergebnis. Der Dealer liege „im Grenzbereich zur Abhängigkeit“. Er sei zumindest psychisch abhängig, nicht unbedingt körperlich, „das ist ein Hang“, schlussfolgerte der Gutachter.

Staatsanwalt: Angeklagter machte trotz Warnung weiter

Ein Suchtproblem sah man dem stillen, gepflegt auftretenden Angeklagten nicht an, was auch an seiner Lieblingsdroge liegen könnte – „Heroinabhängigkeit sieht man, Kokain dagegen nicht unbedingt“, bekräftigte Verteidiger Frank Richtberg. Eine Rolle in der Bewertung des Mannes spiele zudem die Beschaffungskriminalität: Der Angeklagte dealte, um seine eigene Sucht zu finanzieren.

Die Voraussetzungen für eine gerichtlich angeordnete Unterbringung in eine Entziehungsanstalt sind damit gegeben, befand der Gutachter. Mit einer Langzeittherapie von eineinhalb bis zwei Jahren, dürfte der Mann seine Sucht „in den Griff kriegen“, sah der Experte gute Behandlungschancen.

Dem schloss sich auch Staatsanwalt Sebastian Brieden an, der sich für die Therapie statt Gefängnis aussprach. Dennoch habe sich der Beschuldigte für seine Deals nicht nur mit diversen Waffen ausgerüstet, sondern auch wiederholt gehandelt. Im Jahr nach der ersten Verhaftung transportierte er erneut Stoff quer durch die Republik, „dabei war er gewarnt“, betonte der Staatsanwalt.

Die Kammer folgte dem Antrag der Anklagevertretung in Gänze. Da das Gericht die Verstöße des Angeklagten im Verhältnis als „niedrigschwelliger“ und als minderschwere Fälle betrachtete, blieb es knapp unter­ dem Mindeststrafmaß. Etwa die Hälfte­ der Zeit dürfte der Verurteilte in der Therapie verbringen, im Anschluss auf Bewährung freikommen. Die bisherige Untersuchungshaft dauert fort, ordnete das Gericht an.

von Ina Tannert

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